Die Geschichte einer deutsch-belgischen Freundschaft, die in Ohrdruf begann

Sechs der Van-Hellemont-Geschwister bei einem Besuch 2005 in Ohrdruf, der siebente, André, hat fotografiert. (Foto: André Van Hellemont)
 
Hartmut Ellrich widmet seinen neuen Ohrduf-Stadtführer seinen belgischen Freunden.

Hartmut Ellrich aus Ohrdruf pflegt seit Jahren die Freundschaft zu einer belgischen Familie, die mit dem Ort verbunden ist. Einst war der Vater der Familie im Zweiten Weltkrieg hier ums Leben gekommen.


Eine Zufallsbegegnung



“Für Jean, Nadine & Familien...“ Seinen gerade erschienenen Stadtführer über Ohrdruf ziert diese Widmung. Hartmut Ellrich nickt. Ja, Nadine, Jean, André und all die anderen liegen ihm sehr am Herzen. Längst sind sie Freunde geworden, die Ellrichs aus Ohrdruf und Familie Van Hellemont aus Vremde bei Antwerpen.


Der 44-jährige Ohrdrufer erinnert sich an die erste zufällige Begegnung mit den Belgiern, als wäre sie gerade erst gewesen und würde nicht elf Jahre zurückliegen: Vor dem Haus in der Marktstraße hatten Jean und Nadine angehalten, sie blickten sich suchend, ein wenig traurig, um. Ellrichs Eltern und er sprachen sie an, baten sie auf eine Tasse Kaffee ins Haus. Hartmut Ellrich bemüht sein scheinbar vergessenes Schul-Französisch und erfährt so von einer ungewöhnlichen Geschichte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Jean ist eines der zehn Kinder von Joseph. Der ist Bürgermeister und Brauereibesitzer, macht aus seiner Einstellung keinen Hehl. Den Nazis ist er ein Dorn im Auge, sie verschleppen ihn in verschiedene Lager, er landet irgendwann in Buchenwald. Von dort muss Joseph ins Außenlager nach Ohrdruf. Der Todesmarsch hierher raubt ihm die letzte Kraft, er stirbt.

Erkenntnisse viele Jahre später



“All das haben Josephs Kinder erst lange Zeit später erfahren, nach dem Tod ihrer Mutter“, weiß Hartmut Ellrich. Sie hatte alle Briefe aufbewahrt, die ihr Joseph aus den Lagern geschrieben hatte. Sein Sohn Jean hält die Dokumente staunend in der Hand und beschließt, sofort mit seiner Frau Nadine dorthin zu fahren, wo der Vater zu Tode gekommen war. „Joseph war bei seinen Kindern zwar immer präsent“, berichtet Hartmut Ellrich von den Erzählungen der Belgier. Aber Genaueres haben sie nicht über ihn gewusst. Vor allem fehlte ihnen ein Ort für die Trauer. Den hofften sie nun in Ohrdruf zu finden.

Aus Sympathie wird Freundschaft



Hartmut Ellrich geht die Geschichte zu Herzen. Er, der studierte Historiker und Ortskundige, weiß, dass sie kein einzelnes Grab finden werden. Doch er führt sie an den Ort des einstigen schlimmen Geschehens, zeigt ihnen die Massengräber und Gedenktafeln. Jean ist tieftraurig und glücklich zugleich. Hier also ist sein Vater gestorben. Hier also kann er um ihn trauern. Und hier hat er freundliche Menschen kennengelernt. Mehr noch, aus der Sympathie entsteht Freundschaft.

Die Verbindung zwischen Ohrdruf und Vremde soll von nun an nicht mehr abreißen. Im Jahr 2005 wird sie sogar noch intensiver: Alle Kinder Josephs - sie sind heute zwischen 70 und 80 Jahre alt - kommen mit ihren Ehepartnern nach Ohrdruf. In dem kleinen Raum hinter Hartmut Ellrich Buchhandlung wird es eng. Sie rücken zusammen. „Ich hatte vorher ein wenig Bedenken, dass es Berührungsängste geben könnte, vor allem angesichts des geschichtlichen Hintergrunds, und wenn man bedenkt, was alles Schlimmes passiert ist“, erinnert sich der deutsche Gastgeber an die erste Begegnung mit der gesamten Familie. Doch die Atmosphäre ist überaus offen, liebevoll-herzlich. Die belgischen Besucher sind zutiefst berührt, dass es Hartmut Ellrich sogar gelingt, einen spontanen Empfang beim Bürgermeister der Stadt zu organisieren. „Hier bei uns kann man gut miteinander reden, da funktioniert auch mal etwas auf dem kleinen Dienstweg“, freut er sich über das städtische Entgegenkommen.


Überhaupt ist es das Reden, das sie einander derart näher bringt. Jeder möchte vom anderen wissen, vieles aus der Geschichte erfahren. „Ich bin glücklich, bei all der Schuld unserer Väter- und Großvätergeneration, dass es heute möglich ist, miteinander reden zu können, sich auf sanfte Art dem schwierigen Thema zu nähern“, betont Hartmut Ellrich.

Ein Besuch in Belgien ist überfällig



Inzwischen haben auch Josephs Enkel längst dem für sie so wichtigen Ort einen Besuch abgestattet. Die Van Hellemonts und die Ellrichs sind enge Freunde geworden. Besonders innig ist die Verbindung zu Jean und Nadine, außerdem zu André, dem ältesten der Geschwister. „Durch die elektronische Post können wir uns heute viel schneller verständigen als noch vor Jahren“, freut sich Hartmut über einen regen Informations- und Grußaustausch. Für nächstes Jahr haben „seine“ Belgier schon den nächsten Besuch in Ohrdruf angekündigt. Und dann, so verspricht er, wird er endlich einmal auch nach Belgien fahren und seine Freunde besuchen. Das hat er ihnen schon lange versprochen.
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