Die Last mit der Altlast - Von Hinterlassenschaften einer DDR-LPG in Erfurt

  Erfurt: Exkuhstall |

Wie ein Schuttberg nach dem Abriss eines LPG-Kuhstalls eine Familie in Waltersleben 19 Jahre beschäftigt und belastet



Fleckenhaft

Die blühenden Landschaften sind auch nach 26 Jahren Wiedervereinigung immer noch mit dunklen Flecken gespickt. Fährt man über Land begegnet man ihnen, oft in einen unrühmlichen Zustand. Da eine verfallene Feldscheune, dort ein leer­stehender Kuh- oder Schafstall, aus denen schon lange kein Muh oder Mäh mehr ertönt. Wenn es ganz schlimm kommt weisen Zeugnisse noch auf alte Tankstellen oder Güllegruben hin. Die Rede ist von LPG-Altlasten.  

Draufblickend

Auf so einen Schandfleck blickten auch Lisbeth (81) und Sohn Gerd Laufer 19 Jahre lang in Erfurt-Waltersleben. Die einstige LPG baute 1965 einen massiven Kuhstall für rund 50 Rinder auf das Land, was Anfang der 60er-Jahre von Elli und Fritz Laufer in die Genossenschaft eingebracht wurde. Nach der Rückübertragung der Ländereien bezog Gerd Laufer mit seiner Familie 1994 die umgebaute LPG-Waage und das ehemalige Wirtschaftsgebäude. Er blickte täglich auf die nebenstehende Stallruine.  

Vertröstend

Der LPG-Nachfolger star­tete 1997 mit ABM-Kräften den Abriss der Stallan­lage. "Der komplette Abbruch wurde auf die Betonfläche des alten Mistlagers hinter dem Stall verbracht", sagt Gerd Laufer. Und so begann die Odyssee um den Schuttberg.  

Mahlfertig

Beton, Steine und Ziegel sollten geschreddert werden und als Untergrund für Feldwege dienen. "Das Mahlwerk stand mindestens ein Vierteljahr herum", erinnert Lisbeth Laufer. Doch so richtig bewegte sich nichts. Dann verschwand es. Viele Nachfragen halfen nicht. "Wir wurden ständig vertröstet", sagt Gerd Laufer. Der Ton wurde rauer. Und als das neue Agrarunternehmen Insolvenz anmeldete, kontaktierte Lisbeth Laufer letztmalig den Konkursverwalter 2012. Antwort seinerseits: "Dafür haben wir kein Geld. Da werden sie wohl drauf sitzen bleiben."  

Hängenbleibend

Vielerorts wurden natürlich zig Hinterlassenschaften entsorgt oder für eine neue Nutzung saniert, so auch in Waltersleben. Die Tankstelle an der Raststätte "Alte Grotte", die viele Jahre von Kolchose-Treckern angefahren wurde, die LPG-Tankstelle, Scheune und das Öllager auf der Waidmühle wurden entsorgt. Die alte MTS (Motoren-Traktoren-Station) privat umgenutzt und ausgebaut. Und vieles blieb an den Neu­eigentümern hängen.  

Förderfrei

"Zur Sanierung sind nach Bundesbodenschutzgesetz die Verursacher der Altlasten sowie deren Gesamtrechtsnachfolger, die Grundstückseigentümer und die Inhaber der tatsächlichen Gewalt über ein Grundstück (wie Pächter), unter bestimmten Umständen auch die früheren Eigentümer, verpflichtet, sofern sie von der zuständigen Behörde damit beauflagt worden sind. Förderprogramme zur Sanierung von Altlasten gibt es in Thüringen derzeit nicht", sagt Dr. Lutz Baseler von der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie. Momentan sind in der Behörde noch 1898 Altlasten und altlastenverdächtige Flächen in Thüringen erfasst, auf denen vormals LPGs ansässig waren.  

Konfliktbehaftet

Von den 516 LPGn in Thüringen (Stand: 1989) wurden 367 in Agrar-Unternehmen (Rechtsnachfolger) umgewandelt. Davon haben lediglich 190 die Bestimmungen des Landwirtschaftsanpassungsgesetzes beachtet. Viel Streit war vorprogrammiert, auch um die Höhe oder Nichtauszahlung der Inventarbeiträge - all das was Mitglieder in die LPG als Vorleistung ein­brachten.Die einst kollegial mit­einander arbeitenden LPG-Mitglieder gerieten oft in Konflikte. Denn einige Nachfolge-LPGler streiften mit der Agrar-Marktwirtschaft und den rechtsraumfreien Wirren der Wendezeit das Wort "Genossenschaft" einfach ab. Von Zusammenschluss, Gemeinschaft wollten viele nichts mehr wissen.  

Schuttfrei

Seit kurzem ist der Kuhstall-Schuttberg in Waltersleben Geschichte. "Das war für uns lange Zeit ein Dorn im Auge, mit vielen Ent­täuschungen", sagt Gerd Laufer. Seine Mutter fügt an: "Ich habe mich 20 Jahre darüber täglich ­geärgert." Die Laufers ­beauftragten ein Abbruchunternehmen für die Ent­sorgung. Zwei Tage lang wurde gebaggert und 56-mal ein Lkw beladen. Macht zusammen über 850 Tonnen Altlasten. Kosten: ein Kleinwagen, ­bezahlt aus privater Tasche. "Der Dreckhaufen ist weg", freut sich - trotz allem Ärger - Lisbeth Laufer.  

Narbenübersät

Der LPG-Nachfolger überließ anscheinend alles dem Schicksal. Er hätte die Möglichkeit seit 1997 gehabt, Jahr für Jahr ein Stück der Stall­hinterlassenschaft zu ent­sorgen. Der gute Willen hätte bei den Laufers aus Waltersleben und den Betroffenen anderenorts nicht so tiefe Narben hinterlassen.

Zur Sache

• Altlasten und altlasten­verdächtige Flächen werden im Thüringer Altlasteninformations­system THALIS erfasst. Dies gilt auch für ehemalige LPG-Flächen. Die gespeicherten Daten dienen der Unterstützung der zuständigen Behörden bei der Erfüllung ihrer Aufgaben sowie der öffentlichen Planungs­träger bei der Vorbereitung und Durchführung ihrer Planungen.

• Mit Stand vom 7. Oktober 2016 sind im THALIS folgende Altlasten erfasst, auf denen einst LPGs ansässig waren:

In den Städten:
Eisenach 8
Gera 4
Jena 9
Suhl 1
Weimar 0
Erfurt 93

In den Landkreisen:
Eichsfeld 88
Gotha 112
Greiz 50
Hildburghausen 39
Nordhausen 74
Sömmerda 219
Sonneberg 5
Weimarer Land 156
Saale-Orla-Kreis 150
Ilm-Kreis 39
Kyffhäuserkreis 169
Altenburger Land 107
Saalfeld-Rudolst. 50
Schmalkalden-Meinigen 62
Saale-Holzland-Kreis 137
Unstrut-Hainich-Kreis 216
Wartburgkreis 110

Inform@tionen:
Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie

www.thueringen.de

Buchtipp:
„Rechtsprobleme der Restrukturierung landwirtschaftlicher Unternehmen in den neuen Bundesländern nach 1989“, Walter Bayer
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