Die Lust am Gruseln und der Lohn der Furcht

Dr. Borwin Bandelow, Psychiatrie-Professor an der Uni Göttingen: "Früher hatte ich Angst, Vorträge zu halten. Doch jede Angst lässt sich durch Ausprobieren abbauen. Stellen Siesich Ihren Ängsten."
Heute ist Halloween. Ein Tag der Kürbisfratzen und spukenden Geister. Auch in Thüringen entdecken immer mehr Menschen die Lust am Gruseln. Michael Steinfeld sprach mit dem Angstforscher Dr. Borwin Bandelow über die Freude an der Furcht.

Warum haben so viele Menschen Spaß daran, sich freiwillig zu fürchten?
Es gibt nichts Schöneres, als beschossen und nicht getroffen zu werden. Zum Beispiel wird in einer Achterbahn künstlich Angst erzeugt. Dann kommen Sie aber doch unbeschadet um die Kurve. Oder Sie gucken sich einen Tatort an. Da passiert ein Mord, doch der Kommissar findet den Täter. Das Gute siegt, Happy-End. Wenn ein Mensch eine Angstsituation unbeschadet durchsteht, werden in seinem Hirn Wohlfühlhormone, die Endorphine, ausgeschüttet. Menschen versetzen sich in Schrecken, um den Schrecken dann wieder aufzulösen. Wer lieber zwei Stunden in die Gegend starrt, hat zwar keine Angst, aber auch keine Ausschüttung im Belohnungssystem. Er hat sich nur gelangweilt.

Wird Halloween bei uns darum immer beliebter?
Halloween geht zurück auf heidnische Gebräuche. Da hat man die Angst ins Lächerliche gedreht. Das gibt es in vielen Kulturen, dass man furchterregende Masken baut, um die eigene Angst abzubauen.

Fürchten sich Menschen heute noch vor Geistern?
Es gibt verschiedene Formen der Angst. Reale Ängste beziehen sich auf Terror, Krieg, Autounfälle oder Krankheit. Monster und Gespenster sind eher etwas für Kinder. Doch gerade verbunden mit Religiosität gibt es viele Menschen, die auch vor Geistern Angst haben. In Haiti haben die Menschen merkwürdigerweise weniger Angst vor realen Gefahren wie Cholera oder Erdbeben als vor Geistern.

Gerade Deutsche gelten im Ausland als ängstlich. Es gibt sogar die „German Angst".
Das stimmt, aber es gibt keine Hinweise dafür, dass Deutsche ängstlicher sind als Schweden. Ich erkenne eher ein Nord-/Südgefälle - und zwar weltweit. Ich erkläre mir dies mit der Kälte im Norden. Wer zu Zeiten der Völkerwanderung fröhlich und unbekümmert in den harten Winter ging, ist wahrscheinlich erfroren. Ängstlich zu sein, war ein Überlebensvorteil.

Und das gilt bis heute?
Solche Urängste sind vererbt. Viele Menschen haben Angst vor Spinnen. Dabei sind Spinnen in Deutschland völlig ungefährlich: Sie beißen, kratzen und stechen nicht. Unsere Gene wissen aber nicht, ob wir hier oder in Australien geboren wurden. Bis solche Ängste aussterben, vergehen zehntausend Jahre.
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Renate Jung aus Erfurt | 18.10.2011 | 20:28  
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