„Die machen alle nur Ärger in Deutschland“ – oder?

Wann? 11.03.2011

Wo? GS Thomas Mann, Hallesche Straße 18, 99085 Erfurt DE
Erfurt: GS Thomas Mann | „Jugendliche Ausländer attackieren zwei Lehrlinge“, „Migrant prügelt Familienvater ins Koma“, „Ausländische Jugendliche schlagen Rentner nieder“ – Schlagzeilen, welche die Allgemeinheit glauben lassen könnten, dass sich alle jungen Migranten gewalttätig, aggressiv, respektlos und vor allem perspektivlos durch das Leben in Deutschland schlagen.

Pauschalisierend wird angenommen, dass sie sich gegen die Norm, gegen das Gesetz und gegen berufliche Absicherung auflehnen. Haben sich wirklich alle jugendlichen Einwanderer, die sich oft ohne eine Chance auf Gleichbehandlung sehen, aufgegeben?

Von dieser oberflächlichen Annahme wurde ich bei einem zweiwöchigen Praktikum an der 'Brennpunkt'-Regelschule Thomas Mann in Erfurt vom Gegenteil überzeugt. Täglich stellen sich dort die Lehrerinnen und Lehrer der schwierigen Aufgabe, Kinder mit Migrationshintergrund im Förderunterricht Deutsch nicht nur unsere Sprache beizubringen, sondern sie auch eine ganz neue Kultur mit all ihren Regeln, Normen und Bräuchen entdecken zu lassen. Die beiden 16-jährigen Regelschüler Ali und Mohammed leben seit gut anderthalb Jahren in Deutschland und wirken ganz und gar nicht motivationslos. Sie sind Kriegsflüchtlinge aus Afghanistan und kämpfen für Erfolg, für eine Zukunft mit Perspektive. Sie sagen: „Uns macht das Lernen Spaß“. Gemeinsam mit der Deutsch-Förderunterricht-Lehrerin Frau Kobelt erarbeiten sie sich wichtige Kenntnisse, um mit ihren Mitschülern konkurrieren zu können. Doch der Weg zu einer zwei, die z.B. auf Alis Zeugnis im Unterrichtsfach Deutsch glänzt, ist anfangs nicht einfach.

Die Pädagogin Frau Kobelt erklärt: „Wenn ein jugendlicher Neubürger an unsere Schule kommt, stehen wir als Lehrer oft vor großen kommunikativen Herausforderungen. Nicht selten kann er kein Wort Deutsch und der arabisch/persisch sprechende Dolmetscher der Schule kann einem vietnamesischen Kind auch nicht helfen, seine Mitschüler und Lehrer zu verstehen.“ Der Migrant wird einer „Stammklasse“ zugeteilt und nimmt an bestimmten Unterrichtsfächern wie Kunst, Sport oder Musik teil. Parallel dazu werden ihm in einem „Grundkurs“ die elementaren Voraussetzungen der deutschen Sprache mit der Aneignung des Schriftbilds und Wortschatzes vermittelt. Bestimmte Vokabeln sollen helfen, im deutschen Alltag zu „überleben“. So anschaulich wie möglich lernt das Kind z.B. mit Bilderwörterbüchern Begrifflichkeiten aus Bereichen wie Kleidung, Ernährung oder Schule. Es wird mit 'LÜK'-Kästen geübt und schon bald das Lesen und Verstehen kleinerer Texte sowie das Bilden eigener Sätze durch Spiele wie 'Scrabble' trainiert.

Beim Beobachten der Schüler im Einzel- oder Gruppenunterricht fällt mir schnell auf: Sie haben Spaß! Sie bemühen und freuen sich, eigene Fehler zu erkennen. Sie sind wissbegierig und lernen wirklich schnell und viel in kürzester Zeit. Dass schon im zweiten Jahr an der Thomas Mann-Regelschule die Notengebung unter Berücksichtigung des Leistungsstandes einsetzt, zeigt die hohen Erwartungen an Jugendliche mit Migrationshintergrund. So reduzieren sich im „Aufbaukurs“ die Deutsch-Förderunterricht-Stunden auf zwei in der Woche. Frau Kobelt berichtet, dass sie von Kindern mit ihren alltäglichen Problemen, wie Hausaufgaben oder auch Amtsschreiben, im Unterricht um Hilfe gebeten wird und ist stolz darauf, zu unterstützen.

Momentan erhalten 21 Schüler der Regelschule Thomas Mann diese gezielte Lernhilfe im Förderunterricht mit positiver Bilanz. Die stellvertretende Schulleiterin Frau Morchner freut sich über den Erfolg ihrer Schüler, denn allein nach bestandenem Regelschulabschluss im Jahr 2010 traten sechs ehrgeizige Migranten den Weg zum Abitur an.

Die beiden Schüler Ali und Mohammad sind sich einig: „Deutsch zu lernen ist cool. Der Unterricht ist oft locker und witzig. Wir lernen viel.“ Sie planen ihre Zukunft in Deutschland, Ali möchte unbedingt eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker nach der Schule beginnen. Ihnen gefällt es hier - der nette und freundliche Umgang mit ihren Mitschülern und Lehrern. Sie fühlen sich unter ihren Freunden unterschiedlichster Nationen verstanden und sehen sich zusammen mit den deutschen Jugendlichen als eine große Gemeinschaft.

Und dennoch: zu Hause wird bis heute kein Wort Deutsch gesprochen. Frau Morchner gibt zu bedenken, dass das fundamentale Problem für die Pädagogen darin besteht, auch die Familien der Kinder zu erreichen, von denen oft (mehr) Unterstützung erhofft wird. Ein Teufelskreis…



Elisa Dambeck
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Thomas Twarog aus Erfurt | 11.03.2011 | 10:28  
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