Die Weinmutter - "Ich kam, war fremd und musste machen."

Weinmutter Johanna Müller schwingt die Ratsche.
 
Kurgesellschaft - Touristinformation.
 

Johanna Müller aus Großheringen ist Hüterin von 80 eigenen Rebstöcken und 20 Prinzessinnen – 20 Jahre Thüringer Weinbauverein

Vor 20 Jahren wäre Johanna Müller an diesem Rebstock in Bad Sulza vorbeigelaufen. Damals trank sie nicht einmal Wein und kannte höchsten die Redewendung: Im Wein liegt Wahrheit. Heute hält sie inne und sagt fachfraulich: "So schneidet man die Rebe aber nicht."

Zum Wein gekommen ist die Großheringerin wie die Jungfrau zum Kind. Na ja, nicht ganz. Ihr Mann Arnd war auch beteiligt. Er entdeckte 1994 die Ausschreibung einer ABM-Stelle der Ländlichen Erwachsenenbildung. Eine Stelle zur Wiederbelebung des Weinbaus in der Region Bad Sulza. "Das wäre doch was für dich, bewerbe dich", sagte er.

Die studierte Agrar-Inge­nieurin befand sich damals in einem tiefen Tal. Anfang des Jahres verstarb nach langer Krankheit der jüngere ihrer zwei Söhne. Alle Hoffnungen endeten in der Trauerbewältigung. Zudem war Johanna Müller seit 1992 arbeitslos. Das traf sie doppelt. Schließlich absolvierte sie nach der Wende noch die Ausbildung zum Staatlich geprüften Erzieher. "Ich war mit Leib und Seele seit 1982 Kindergärtnerin in Großheringen", sagt sie. Und jetzt saß sie zu Hause. Kein Zustand für den Unruhegeist.

Am 1. Juli 1994 startete Johanna Müller mit 41 Jahren noch einmal durch - mit einer ABM-Stelle. Die noch Wein-Novizin stürzte sich in ein neues Aufgabenfeld. "Alles war unbekannt für mich. Doch ich wollte arbeiten."

Ein Jahr lernen lag vor Johanna Müller. "Ich habe alles Wissen über den Weinbau aufgesogen." Und das zweite Bad Sulzaer Weinfest stand vor der Tür. "Ich kam, war fremd und musste machen." Es galt Sponsoren zu finden. "Ich ging von Tür zu Tür, lernte die Bad Sulzaer kennen und sie mich", erinnert sie sich. Im Anschluss besuchte Johanna Müller Schulungen, Weiterbildungen und eignete sich Wissen im Thüringer Weingut bei Andreas Clauß an. "Eine spannende Zeit für mich."



Und auch für andere. Damals existierten das Thüringer Weingut in Niedertreba und zig Hobbywinzer, vereinigt in der Interessengemeinschaft Weinbau. "Das reichte aber nicht mehr aus, um etwas zu bewegen", sagt Müller. Der Mitinitiator Waldfried Graf, der noch mit 70 Jahren das Handwerk des Winzers in Franken erlernte, sagte: "Es muss etwas passieren." Alter Wein in neuen Schläuchen kam nicht in Frage - das Neue vereinte.

So gründeten 27 Mitglieder am 14. November 1994 den Thüringer Weinbauverein, Johanna Müller war dabei. Zuvor sträubte sie sich jedoch Mitglied im Verein zu werden. "Ich hatte damals keinen Bezug zum Wein", außer einen Traminer-Rebstock als Erinnerung an ihren Schwiegervater auf dem Hof. Doch sie entschied anders und wurde ab 1995 sogar zur Vorsitzenden des Weinbauvereins gewählt.

"Am Anfang hatten wir von der Vereinsarbeit keine Ahnung", sagt die Groß­heringerin. Doch alle knieten sich rein, der gemeinsamen Sache zu dienen. In dem Jahr ­organisierte der Verein erstmals das Weinfest in der Kurstadt. Erste Hänge wurden aufgerebt. Später wurden der Weinfrühling ins Leben gerufen und die Infotafeln auf dem Wein­wanderweg finanziert. Es wurden Exkursionen in andere Weinbaugebiete, zwei Mal im Jahr Weinproben zu Hause und Treffen zu alten Reb­sorten ­organisiert.

Es bewegte sich was und Johanna Müller wuchs mit ihren Aufgaben. Es blieb aber auch die ­Ungewissheit mit der temporären ABM-Stelle. Erst ein Jahr, dann drei verlängert, dann zwei Jahre. "Dazwischen war ich auch wieder mal arbeitslos." Und das ausgerechnet in der Wein­festzeit. Kein Grund für Johanna Müller die Hände in den Schoß zu legen. Die zirka 300 Soli-Überstunden leistete sie gern. Die Ungewissheit hat dann im Jahr 2000 mit ihrer Einstellung bei der Kurge­sellschaft als Mitarbeiterin in der Tourist-Information ein Ende.

Johanna Müller kümmert sich seit 20 Jahren rührig um die Weinprinzessinnen. "Das sind alles meine Kinder", verkündete sie mal von der Bühne. Seitdem ist sie die Thüringer Weinmutter. Und ihre Kinder scharen sich jährlich beim Treffen um sie. Vergangenes Jahr kreierten die 20 Mädels eine Autogrammkarte für ihre Weinmutter zum 60sten. Als Dank für die einfühlsame Betreuung und für das stets offene Ohr. Und ganz schnell brauchte Johanna Müller ein Smartphone, denn die Nachrichten über die App "Prinzessinnen fürs Leben" wollte sie nicht verpassen.

Nicht nur, dass nach Psalm 104,15 ‚der Wein des Menschen Herz erfreut‘, er hält obendrein auch jung. Und Jugend und frischen Wind wünscht sich Johanna Müller auch für ihr "Baby", den Thüringer Weinbau­verein, der bereits erwachsen ist. Das unter den 104 Mitgliedern "auch viele junge Menschen sind, freut mich sehr", sagt sie. "Der Verein ist wie eine große Familie, wie zu Hause sein."

Den Vorsitz will sie im Februar abgeben. Ihre Erfahrungen aber bis zum Ruhestand weitergeben. "Es wird reibungslos weitergehen, garantiert", sagt sie. Sie wird wohl auch die lautstarke hölzerne Ratsche (Knarre) übergeben, die für Aufmerksamkeit und Spaß bei Ausflügen und Umzügen sorgt.

Längst hält es Johanna Müller wie Konrad ­Adenauer: ‚Ein gutes Glas Wein ist geeignet, den Verstand zu wecken.‘ Da ist es unmöglich, um 11 Uhr ein von ihr angebotenes Gläschen Gutedel auszuschlagen. Zumal um diese Zeit die Geschmacksnerven bei einem guten Tropfen genussvoll tanzen. Auch das lernte Johanna Müller in 20 Jahren Thüringer Weinbauverein. Vom Wein-Laien, zum Anerkannten Berater für deutsche Weine und gemeinsam mit Ehemann Arnd Herrin über 80 Rebstöcke bis zur Thüringer Weinmutter. Johanna Müller hat ihren Schneid unter Beweis gestellt. Auf ihren Wegen dürfen auch keine Rebstöcke nur Durchschnitt sein.



Johanna Müllers Lebens-Leitsätze:

° Nicht das beginnen wird belohnt, sondern das Durchhalten.
° Du musst das Leben genießen, sonst bist du irgendwann ungenießbar.

° Das Fühlen aber des Herzens, das Ahnen von etwas Rätselhaftem,
das Staunen vor der Natur, das ist schön und des Menschen würdig. (August Macke - letzterer Spruch steht als Motto des diesjährigen Rechenschaftsbericht des Thüringer Weinbauvereins)


Infos + Termin + Kontakt
» www.thueringer-weinbauverein.de
» www.bad-sulza.de
» Am 15. November feiert der Weinbauverein ab 11 Uhr sein 20-jähriges Bestehen.
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5 Kommentare
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Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 12.11.2014 | 19:09  
Thomas Gräser aus Erfurt | 12.11.2014 | 20:25  
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Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 12.11.2014 | 21:17  
Thomas Gräser aus Erfurt | 19.11.2014 | 21:37  
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Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 19.11.2014 | 23:10  
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