Die Welt im Kleinen: Männer staunen, Frauen gehens logisch an

Knut Kern begeistert junge Leute für den Modellbau.
 
Knut Kern gestaltet seine Anlagen so realistisch wie möglich.
Erfurt: ... |

Dicke Rauchwolken ziehen über die hübsche kleine Stadt. Ein Fachwerkhaus hat Feuer gefangen. Der Dachstuhl ragt als verkohltes Gerüst in den blauen Himmel, im Inneren lecken Flammen. Jemand hat die Feuerwehr gerufen, die jetzt anrückt.

Szenenwechsel. Ein Förderkorb mit Bergleuten auf dem Weg zur Spätschicht - das elektrische Licht schaltet sich per Zeitschaltuhr ein. Die Bergleute fahren in die Tiefe und beginnen zu arbeiten. Oben befördern Fahrzeuge Kohle, Bagger vollführen auf den Bergen waghalsige Fahrmanöver.
Dies alles wäre halb so faszinierend, wenn es sich nicht in der 90-Quadratmeter-Wohnung von Knut Kern in Erfurt abspielen würde. Er bewohnt sie mit seiner Mutter, einer freundlichen Frau, die sich für das Hobby ihres Sohnes gern einschränkt.
Die Brandszene baute der Techniker auf ein Tablett und erklärt, dass es sich hierbei um ein Diorama handele. Das Modell "Bergbau" bastelte er vor drei Jahren. Mit all diesen Schätzen bereisen Kern und seine Vereinskollegen vom Plastik-Modellbau-Club Thüringen (PMC) nationale und internationale Messen, um Menschen für den Modellbau zu begeistern und gleichzeitig Gutes zu tun. 1500 Euro übergab der PMC dieses Jahr an die Kinderkrebshilfe.
"Eines Tages besuchte uns ein Junge am Stand und fragte, ob wir auch Geld für die Klinik in Jena gegeben hätten", erzählt Kern. "Wir hatten. Und er sagte, dass das gut sei. Er selbst musste dort einige Zeit verbringen und hat den Krebs besiegt. Solche Schicksale motivieren mich immer wieder, auch wenn es bedeutet, manchmal drei oder vier Wochenenden hintereinander unterwegs zu sein." Die Leute spendeten gern, sagt Kern. Außerdem hätten sie mit dem Modell einen Gegenwert. Denn ganz gleich, ob es nach Bad Salzungen, Arnstadt, Erfurt, Jena, Holzminden, zur Kinderkult- oder Modellbaumesse, zum Tag der offenen Tür oder Feiern und Festen geht - für Knut Kern bedeutet das immer, viele Kisten zu packen. Der PMC präsentiert nicht nur, er ermuntert mit Bausätzen Kinder, sich ebenfalls am Modellbau zu versuchen.

Knut Kern begeistert junge Menschen für die Welt im Kleinen


Heute hat Kern in seiner Wohnung am Juri-Gagarin-Ring Besuch. Seit er 2012 auf dem Sommerfest der Erfurter Wohngruppe von ISA Kompass war - einer bundesweit agierenden Organisation, die Kindern und Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen Orientierung gibt - kümmert er sich dort um den Modellbaunachwuchs. Der 14-jährige Jean-Luc interessiert sich seit seiner Kindheit für Loks und Waggons, von denen er fast jedes Modell mit Seriennummer und Besonderheiten kennt. Maurice hat es mehr mit Autos. Er geht etwas ungeduldig zu Werke, hat aber in Knut Kern einen Mentor mit erstaunlicher Geduld. "Das Hobby gibt meinem Leben Halt. Ich habe etwas, in das ich mich zurückziehen kann, was mir Ruhe gibt", erklärt Jean-Luc, der Kern bei der Arbeit mit den Jugendlichen eine Stütze ist.
Wer sich wirklich für Modellbau interessiert, darf Kerns heiliges Bastelzimmer betreten. An der Wand hängen Schaukästen mit Dutzenden Loks und Waggons, Triebwagen und Kleinbahnen. "Meine erste Lok, eine BR 81, habe ich noch", sagt Knut Kern. "Ich bekam sie als Kind".

Alles andere als staubig


Eine Eisenbahnanlage mit dem Nachbau des Arnstädter Bahnhofs ist in Betrieb. Dort fahren Züge, Autos, in den Häusern brennt Licht, von einem Grill zieht Rauch auf, ein Mühlrad dreht sich. Nach der Arbeit zieht sich der Hobbybastler gern in seine Welt zurück. Weil nicht alle Platten nebeneinander Platz haben, lassen sich zwei von der Zimmerdecke absenken. In Ruhezeiten wird alles mit Folie zugedeckt, damit nichts einstaubt.
Zurzeit baut Kern an einer Anlage, auf der - via kaum sichtbaren Elektrodraht - vorwiegend Autos fahren werden. In seiner Werkstatt gibt es zudem allerhand zu reparieren, was auf den Messen entzwei geht. Nicht alle Besucher lassen die erforderliche Sorgfalt walten. "Einmal nahm ein Mann während der Fahrt die Lok vom Gleis, der Zug prasselte ins Nirwana." Trotzdem hat Knut Kern Spaß an den Messen. An dem Eifer der Kinder, aber auch an den Erwachsenen. "Die meisten Männer erinnern sich an ihre Kindheit, bekommen leuchtende Augen und staunen. Frauen sind kritisch und fragen zum Beispiel, weshalb die Fahne auf der Burg nach Osten zeigt, wenn doch der Wind aus der gleichen Richtung kommt, was man an dem Grillrauch erkennen könne."

Zur Sache:
Knut Kern und sein Bastelprojekt kann man zu öffentlichen, aber auch privaten Veranstaltungen, wie zum Beispiel Kindergeburtstagen (ab 10 Jahre) buchen. www.pmc-thueringen.de
Kontakt: 01 74/ 8 74 78 21
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1 Kommentar
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Hannelore Grünler aus Artern | 12.10.2015 | 20:04  
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