Es klappert die Mühle am rauschenden Bach

  Ingersleben: Untermühle | Ein dörfliches Kleinod - Wenn alle Vernunft bewahren kann alte Bausubstanz bewahrt werden





Von Thomas Gräser

Der Legende nach soll sich einer der letzten Müller in der Untermühle verarmt erhängt haben. Doch das konnte Georg Taubenrauch nicht abschrecken die verfallenen Gebäude wieder herzurichten. Ein Bekannter sanierte ein altes Objekt. Das war der Auslöser dafür zu sagen: Das kannst du auch!

Seit Ende der 90-er Jahre suchten er und seine Frau Ingeborg ein altes Fachwerkhaus, um es zu sanieren. Einige Objekte sahen sich die Beiden an. Doch mitunter waren die Forderungen zum Preis, aber auch von Ämtern, Denkmalbehörden so überzogen, dass sich der Bauaufwand ins unermessliche entwickelt hätte und das Schicksal des alten Müllers erneut vorprogrammiert gewesen wäre.

„Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Forderungen des Denkmalamtes extrem waren“, so Georg Taubenrauch. Die Außengestaltung - keine Frage - „wollte ich auch so herrichten wie es einst war“. Aber beim Innenausbau, Flächenaufteilung etc. gab es gnadenlose Dekrete der Beamten. „Durch Sturheit, Paragraphengereite“, so der lange verhinderte Bauherr, bleiben viele alte Gemäuer leer und verfallen noch mehr. Hier muss etwas im Freistaat passieren, solange Bausubstanz rettbar ist.

Doch aufgeben kennen Taubenrauchs nicht. Am Arbeitsort in Ingersleben entdeckte Volllandwirt Georg im Jahr 2000 zufällig – obwohl er hier schon Jahrzehnte wirkte – die Untermühle und verliebte sich sofort in das Areal. Er erfuhr: es steht zum Verkauf.

Ein altes, klappriges Tor, bröckelnder Lehmputz in der Mühlgasse am bewohnten Gesindehaus, ein verloderter Innenhof mit Altlasten, eine zu DDR-Zeiten ausgebaute Mehlscheune, die ebenfalls noch bewohnt war und die halbeingefallene Mühle - nur zu erreichen durch ein Meer mannshoher Brennnesseln - erblickte der mutige Investor beim ersten Besuch. Doch es schreckte ihn nicht ab.

Die älteste Ingerslebener Mühle - erste urkundliche Erwähnung 1447 - war im Besitz der Gemeinde. Diese wollte das marode 1280 Quadratmeter große Anwesen loswerden, doch die anfänglichen Preisforderungen waren illusorisch. Man kam sich entgegen wie dem potenziellen Investor die Bausubstanz, die nicht viel Gutes erahnen ließ.

Viele Freunde und Bekannte der Bauherren-Familie schüttelten den Kopf. Um Gottes Willen, nicht diese Ruinen. „Das wird doch nie im Leben etwas“, zeigten auch Ämter ihre anfängliche Skepsis, die sich aber schnell legte.

Es kam zur Ausschreibung durch die Gemeinde und letztendlich konnte Familie Taubenrauch das Grundstück erwerben. Es konnte losgehen – das Abenteuer Mühlensanierung. Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde entwickelte sich vorbildlich.
Da sich der Ort in der Dorfsanierung befand, flossen sogar Fördermittel vom Freistaat, die beim Flurneuordnungsamt beantragt wurden. Die Auflagen waren vernünftig: Holzfenster, Dachziegel, Fachwerkgestaltung, farbliche Gestaltung… Damit konnte die Baufamilie gut leben.

Als Erstes wurde entrümpelt und alte DDR-Anbauten abgerissen. Rund 250 Kubikmeter Müll und 30 Tonnen Schrott wurden entsorgt. Es begann die Entkernung der Mühle per Hand, Stück für Stück. Und jede Wand brachte neue Überraschungen. Letztendlich musste mehr zurückgebaut werden, als geplant. Doch die Bausubstanz ließ nichts anderes zu. Brauchbares altes Material wurde gesichert und später wieder verbaut.

Als der Rohbau stand, das Dach dicht war ging es an die zwei Gebäude der einstigen Gesinde-Unterkunft. Auch hier staunten die Handwerker wie Bauherr oft nicht schlecht. So manchen Balken konnten sie in der hand zerbröseln und danach wegpusten. Der Aufwand wurde enorm. Doch drei Mietparteien konnten in topp sanierte, vergrößerte Wohnungen einziehen.

Dann wurde die einstige Mehlscheune, das besterhaltene Gebäude auf dem Mühlenareal, hergerichtet. Auch hier konnten drei Mieter Einzug halten. Aus den früheren 600 Quadratmetern Gesamt-Wohnfläche wurden 1000 Quadratmeter.

Als letzte große Baumaßnahme folgte der Ausbau der Mühle mit zwei Wohnungen, in die die Baufamilie selbst einzog. Doch es verging viel Zeit bis sich das neue Mühlenrad – Durchmesser 5 Meter, 36 Schaufelblätter, mit dem heute 15 kW Strom erzeugt wird - wieder drehte.

Nach sechs Jahren Bauzeit und rund 30 000 Stunden Eigenleistung mit Freunden, Angestellten und Familie glänzt ein dörfliches Schmuckstück. Wenn alle in die gleiche Richtung ziehen – Ämter, Gemeinde, Kreditgeber, Handwerker… - kann Großes entstehen und ein einstiges Müllerschicksal heute vermieden werden. Die Untermühle hat über die Jahrhunderte eine wahre Odyssee erlebt, wechselte oft die Besitzer, erfuhr Zwangsverkauf und viel Streit. Heute erstrahlt sie befriedet und macht die Besitzer stolz. Ein Besuch der letzten Mühle am Lauf der Apfelstädt lohnt sich nicht nur zum Mühlentag.

Es klappert...
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1 Kommentar
3.004
Gerald Kohl aus Erfurt | 27.02.2011 | 22:55  
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