Familie Traut: 70 Jahre im Tanzfieber

Die zweite Tanzschulgeneration: Gerd und Heidi Traut. (Foto: privat)
 
Eine eher seltene Konstellation: Heidi Traut und ihr Sohn Dirk bei einem kleinen Tänzchen zum Warmwerden. Sonst bringen sie in verschiedenen Kursen anderen das Tanzen bei.
 
Ein Bild aus alten Tagen: Die Tanzschulgründer Paul und Marta Traut in Aktion. (Foto: privat)
Erfurt: Tanzschule Traut | "Jeder kann tanzen!" - davon sind sie überzeugt. Die Erfurter Familie Traut bringt seit 70 Jahren anderen das Tanzen bei.


Zwei von den traumhaft schönen Kleidern hat sie noch, sie kann sich von ihnen nicht trennen. Dabei fristen sie ein gänzlich unbeachtetes Dasein, irgendwo im Schrank. Obwohl, sinniert Heidi Traut vor sich hin und weckt die Erinnerung, vor allem das lachsfarbene Tüllkleid mit der schwarzen Spitze sei so zauberhaft. Sie beginnt zu strahlen, ganz so, als hätte jemand die Zeit um ein paar Jahrzehnte zurückgedreht. Damals, als 15-Jährige, war es plötzlich um sie geschehen: Sie verliebte sich in den ein Jahr älteren Gerd und gleichzeitig ins Tanzen. Bald schon sah man beide immerzu auf Tanzturnieren, natürlich fein herausgeputzt. Sie wurden nach den Auftritten als Amateure Profis und auch Tanzlehrer, holten in den 70er-Jahren etliche DDR-Vizemeistertitel.

Leidenschaft war immer da


“Die Leidenschaft fürs Tanzen war immer da“, sagt Heidi Traut und meint damit nicht nur sich, sondern die ganze Familie. Traut und Tanzen, die beiden Begriffe sind weit über Erfurts Grenzen hinaus lange schon eins. In diesem Jahr ist es 70 Jahre her, seit Paul und Marta Traut - die Eltern von Gerd - ihre Tanzschule gründeten. Gerd und Heidi unterrichteten später in ihrer eigenen Tanzschule, bis sie kurz nach der Wende die elterliche übernahmen. „Es war eine schöne Zeit“, erinnert sich Heidi Traut an die oft auch anstrengenden Jahre, in denen sie andere das Tanzen lehrten und selbst bei Turnieren um den Sieg wirbelten. Der Jive und der Cha-Cha-Cha, das sind ihre liebsten Tänze. Aber den Wiener Walzer, Tango, Foxtrott oder Salsa mag sie genauso, eigentlich alle. Als Gerd und Heidi eines Tages beschließen, nicht mehr auf Turnieren mitzutanzen, sieht man sie doch wieder regelmäßig dort. Nun als Trainer für ihre Paare, die es in kurzer Zeit ziemlich weit nach oben schaffen, sich in die Sonderklasse tanzen.


Es müssen Tausende junge und auch ältere Menschen sein, denen die Trauts das Tanzen beibrachten. „Da kommt schon einiges zusammen, wenn man seit mehr als 50 Jahren Tanzlehrer ist“, wagt Heidi besser keine Schätzung. Dazu die vielen Tanzschüler, denen die Schwiegereltern die richtigen Schritte auf dem Tanzparkett zeigten und noch einmal jene, die von Sven und Dirk, die Söhne von Gerd und Heidi, unterrichtet werden. Denn beide sind Tanzlehrer geworden. „Es ist alles Zufall, dass sich das so entwickelt hat“, schwört Dirk, der heute gemeinsam mit seiner Mutter die Erfurter Tanzschule betreibt. Dabei wollte er als Junge lieber Leichtathlet sein. Die Trautschen Gene erwiesen sich als stärker. Bruder Sven erging es ähnlich, auch er ergab sich der tänzerischen Leidenschaft, er wurde DDR-Meister, ging zur Wende in den Westen, ist heute in Dortmund, Essen und Düsseldorf Profitrainer für Tänzer. Zuvor ertanzte er sich Siege bei Weltcups und Europameisterschaften, 1995 gelang ihm der ganz große Coup: „Es ist toll, einen Weltmeister in der Familie zu haben!“, ist Mutter Heidi noch immer stolz auf seinen Titel.

Sitzenbleiben hilft nicht


Genau so stolz sind Heidi und Dirk - Gerd Traut hat sich aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen - auf ihre Schützlinge, denen sie Tanzen beibringen. „Jeder kann tanzen lernen“, sind beide überzeugt, es gibt keine hoffnungslosen Fälle. Ein bisschen Körperspannung sollte man schon haben, dazu musikalisches Gehör und die Schritte gut begreifen und umsetzen - und los geht es! Mancher muss eben ein bisschen mehr üben. Und nochmal. Und wieder von vorn. „Da wächst du schon rein, Stück für Stück wird das!“, weiß die Tanzlehrerin. Sie ist da, um behutsam zu helfen, immer wieder Mut zu machen, wenn es noch nicht klappt. Aber mitmachen muss man schon, sich bewegen. „Vom Sitzenbleiben hat noch keiner das Tanzen gelernt!“ Wenn es dann klappt, vielleicht sogar richtig gut, sorgt ein eingespieltes Tanzpaar für manchen Hingucker. Und wer erfolgreich sein und sich auf Turnieren nach vorn tanzen will, muss täglich trainieren. Tanzen kann auch harte Arbeit sein. Genau wie der Beruf des Tanzlehrers. Er sei wunderschön, sagen Mutter und Sohn übereinstimmend. Aber er habe auch Ecken und Kanten, für Tanzlehrer gibt es zum Beispiel kaum ein freies Wochenende.


Für Heidi Traut ist die Zeit gekommen, die Arbeit mehr und mehr ihrem Sohn zu überlassen, schon jetzt ist sie nur noch etwa dreimal die Woche hier, um zu unterrichten. „Es geht alles noch ganz gut, aber irgendwann muss man aufhören“, sagt sie. Dann hält sie es wie ihre Schwiegermutter Marta, die im Mai 90 Jahre alt wird und nur ab und zu der Tanzschule einen kurzen Besuch abstattet. Heidi möchte mehr bei ihrem Gerd zu Hause sein, schließlich haben sie ein ganzes Leben miteinander verbracht, waren immer zusammen. Diese Zweisamkeit möchte sie nicht missen. „Dirk hält hier weiter die Fahne hoch“, setzt sie volles Vertrauen in die dritte Traut-Generation. Der 50-Jährige winkt ab, wenn er über seine Tanzerfolge reden soll. Neun tolle Jahre hatte er da, sagt er, aber er habe auch viele andere Sachen ausprobiert. HipHop und Breakdance, Salsa, Boogie, auch Discofox, da gab es eine Menge, was er mit Begeisterung tanzte. „Aber ich blicke eher nach vorn“, gesteht er und ist voller Inspiration und Ideen. Das Alte bewahren und das Neue zulassen, sei sein Credo. Hinzu komme natürlich immer wieder das Üben: „Die wahre Freude am Tanz genießt man erst dann, wenn man ihn pflegt, sich weiterbildet und ihn schließlich beherrscht“, weiß der erfahrene Tanzlehrer. Heidi Traut nickt dazu und bringt die Lebensweisheit aller Trauts auf den Punkt: „Tanzen ist Lebensfreude!“



70 Jahre Tanzgeschichte


Die Tanzschule Traut wurde 1946 in Erfurt von Paul und Marta Traut gegründet. Bis 1960 wurde in den Spiegelsälen des „Erfurter Hofes“ unterrichtet, später in der Kartäuserstraße.

Sohn Gerd, die zweite Generation, trat in die Fußstapfen seiner Eltern. Mit Ehefrau Heidi tanzte er fünf Jahre im Amateurbereich. Nach ihrer Tanzlehrerausbildung wurden sie 1972 bis 1977 DDR-Vizemeister der Professionals über zehn Tänze, unterrichteten auch in verschiedenen Thüringer Orten wie Mühlhausen, Bad Langensalza, Apolda oder Worbis. 1989 übernahmen sie die Tanzschule von Gerds Eltern.

Sohn Dirk, die dritte Generation, tanzte als Amateur bis zur Sonderklasse und wurde DDR-Vizemeister 1988. 1992 beendete er seine Ausbildung und bildet seitdem gemeinsam mit seinen Eltern das Team der Tanzschule, nun in der Haarbergstraße.

Kontakt: http://www.tanzschule-traut.de
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4 Kommentare
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Joachim Kerst aus Erfurt | 06.04.2016 | 10:13  
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Marcus Daßler aus Zeulenroda-Triebes | 06.04.2016 | 10:41  
Helke Floeckner aus Erfurt | 07.04.2016 | 13:37  
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Marcus Daßler aus Zeulenroda-Triebes | 07.04.2016 | 15:04  
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