Gefühlswelten mit Nudelsuppe: Ob in der Zirkusmanege oder in der Straßenbahn - Der Gothaer Liedermacher Olaf Bessert steht sein 30 Jahren auf der Bühne

Der Mann mit der Gitarre: Liedermacher Olaf Bessert steht seit 30 Jahren auf der Bühne.
 
30 Jahre vergingen wie im Flug - an seinen ersten Auftritt erinnert er sich noch ganz genau. (Foto: Privat)
 
Rund 200 Lieder hat Bessert schon komponiert. Etwa ein Drittel richtet sich an Kinder.

Es ist schon seltsam mit den Erinnerungen: Ereig­nisse, die länger zurückliegen, ­erscheinen im Rückblick doch so viel näher. „Ich erinnere mich gut an meine ersten ­Jahre als Musiker – viel besser als zum Beispiel an die vergangenen zehn Jahre.“

Olaf Bessert schlägt einen dicken Ordner auf. Er ist prall gefüllt mit Notizen, Zeitungsausschnitten, Konzertplakaten. Erinnerungen an 30 Jahre auf der Bühne. Der junge Olaf Bessert noch mit vollem Haupthaar auf schwarz-weißen Fotos aus den 80ern. „Es ist schon schwierig, damit fertig zu werden, dass die Zeit so schnell vergeht.“ Bemerkt hat es der Liedermacher an seinen Kindern. Zu Beginn seiner Solokarriere kamen sie auf die Welt. Mittlerweile sind sie erwachsen und längst aus dem Haus.

Alles lange her. Doch wenn Olaf Bessert an seinen ersten Auftritt zurückdenkt, dann ist es wie gestern. Nie vergisst er sein Herzklopfen, 1984 beim Dorffest. Nur aus drei Liedern bestand sein ganzes Repertoire. Es war noch am Nachmittag, das Publikum sehr überschaubar und doch hatte er damals mehr Lampenfieber­ als jemals wieder in seinem Leben.

"Die Musik ist mitgewachsen."


In einer Woche wird Olaf Bessert 52 Jahre alt. Mittlerweile hat er fast 200 Songs komponiert. So viele, dass die Texte bei Konzerten sicherheitshalber immer in Lese­nähe liegen. „Meistens habe ich seltsamerweise die Hänger bei den Liedern, die ich eigentlich im Schlaf singen kann“, gesteht er. Im Jahr gibt er rund 50 Auftritte, deutschlandweit. Und wird er – wie in diesem Jahr – im Kreta-Urlaub angesprochen, drückt er sich nicht vor einem Spontan-Konzert. Er hat CDs aufgenommen und Fans gewonnen. Und der Musik ist er immer treu geblieben. „Ich bin da irgendwie so hineingewachsen und die Musik ist mitgewachsen.“

Seine Stimme ist tief und warm, fast schon beruhigend. Olaf Bessert könnte den Sesamstraßen-Samson synchronisieren. Er schlägt und zupft die Gitarrensaiten, bläst dazu wie Bob Dylan in die Mundharmonika. Manchmal scherzt er, die Mangelwirtschaft der DDR sei schuld daran, dass er Liedermacher wurde. „Es gab ja keine Noten und Texte zum Nachspielen, daher habe ich meine eigenen Lieder geschrieben.“

So singt er bis heute über ernsthafte Themen wie Krieg oder die Bedrohung durch Drohnen – leise, nicht mit erhobenem Zeigefinger. Aber auch heitere Stücke über Hundehaufen oder eine Buchstabennudelsuppe sind im Programm. „Es macht Spaß, die Leute in verschiedene Gefühlswelten mitzunehmen. Wenn das gelingt, hat man ein schönes Konzert gehabt“, sagt er und nennt Liedermacher Gerhard Schöne dafür sein Vorbild.


Schäfchenhüten statt Schäfchenzählen im Bett


Ehe Olaf Bessert Musiker wurde, war er Schäfer – Zootechniker / Mechanisator für Schafzucht, wie es in der DDR hieß. „Ich hatte mich wegen der Musik entschieden, diesen ­Beruf sausen zu lassen.“ Ein schöner, aber harter Job. Die Beziehung zu seinen Tieren, vor allem zu seinen „Schäfer­hunden“, die er später noch erfolgreich trainierte, vermisst er manchmal. „Ich träume sogar davon.“ Schäfchenhüten statt Schäfchenzählen im Bett.

Doch auch das Leben als Musiker schuf unvergessliche Erinnerungen: Zu DDR-Zeiten musste Bessert für die ­Zulassung noch „Einstufungs­konzerte“ geben. Einmal legte die Jury just beim Auftritt seiner Band eine Kaffeepause ein. Unvergessen bleibt auch, wie er erstmals Playback singen musste. „Das ist gar nicht so leicht. Gut, dass das Publikum damals ein paar Meter entfernt war.“

Immer wieder für den guten Zweck


In den vergangenen Jahrzehnten spielte er für den guten Zweck wie den Wiederaufbau der Anna-Amalia-Bibliothek oder von Schloss Ehrenstein. Er spielte vor einer Hand voll Zuhörern oder vor vielen Tausenden wie beim Thüringentag. Er spielte in den Baumwipfeln des Hainichs und im Zirkus, wo er zum Dank wie ein Artist durch die Luft geschleudert wurde. Er schrieb Hymnen über Gotha oder über die Hochseil-Geschwister Weisheit. In den Advents­tagen singt und spielt er in der Straßenbahn. Die Touren waren in den vergangenen Jahren immer ausverkauft. „Und wenn ich am Boxberg meinen Titel singe »In ­Gotha kommt der Weihnachtsmann mit der Straßenbahn«, dann kommt tatsächlich der Weihnachtsmann an Bord.“

Im Alleingang ist Bessert seit den 90ern unterwegs. Zwei Bands, in denen er vorher musizierte, lösten sich auf. „Gute Musiker, aber wir hatten verschiedene Interessen“, resümiert er. Für ihn stand damals fest. „Ab jetzt machst du alleine weiter.“ So hält er es bis heute. „­Alleine bin ich unabhängiger. Ich bin für mich selbst verantwortlich. Ich muss mir Rechenschaft ablegen, wenn etwas schief gehen sollte.“ Und doch gibt es hier und da einige Projekte mit Musikerkollegen. Bis heute singt er beispiels­weise mit Alex Schmeisser im B.S.E., im Bessert-Schmeisser-­Ensemble. „Wer nur alleine auf der Bühne ist, wird irgendwann betriebsblind. Ich bin immer wieder froh, wenn ich mit mehreren Leuten etwas ­zusammen machen kann.“

Das beste Beispiel dafür ist das Gothaer Kinderliederfestival, das Bessert vor sechs Jahren gründete. Die Konzert­reihe in Schulen, Kindergärten oder im Krankenhaus hat sich etabliert. Bekannte Künstler konnte Bessert schon gewinnen. Jahr für Jahr scheint es mehr Arbeit, das Festival zu organisieren und die Finanzierung zu stemmen. Zwölf Konzerte in wenigen Tagen waren es zuletzt. Aussetzen mag er nicht, aber sich mehr helfen lassen.

"Kinder hören gut hin."


Kinderlieder schreibt er, seit er selbst Nachwuchs hat, sein dankbares Test­publikum. „Meine Kinder mussten sich die Stücke wohl oder übel anhören. Als sie noch kleiner waren, haben sie auch mitgemacht auf der Bühne.“ Mittlerweile singt Bessert ein Drittel seiner Lieder für die Kleinen, über Hexen oder die Zahl Sieben. Kinder sind ein besonderes Publikum: „Die passen gut auf und hören gut hin. Und wenn sie ein Lied zwei-, dreimal gehört haben, können sie den Text besser als ich.“

Den Traum, mit der Musik Geld und eine professionelle Karriere zu starten, hat er irgendwann aufgegeben. Er ist zufrieden mit dieser Entscheidung. Seit vielen Jahren schon arbeitet er als Hausmeister in zwei verschiedenen Kindereinrichtungen. „Es ist ein schöner Beruf und man kann in den Kindergärten auch immer mal ein Lied austesten.“ Das Leben als Profi-Musiker scheint ihm heute viel zu stressig.

Und doch kann er das Planen nicht lassen. Zum Beispiel möchte er wieder bei Lesekonzerten musizieren, wenn Autoren ihre Geschichten vortragen. Oder er möchte seine eigenen, oft satirischen Texte vortragen oder sogar als Heft oder Buch herausbringen. Eine Web­seite will er sich zulegen, neue Flyer müssten her. Er möchte eine CD mit Weihnachts- oder Kinderliedern einspielen. „Ich kann nicht nur Lieder schreiben, ich muss sie auch mal aufnehmen.“ Material hat er genug, nur an der Zeit hapert es. Hinzu kommt sein Engagement im Personalrat seiner Arbeitsstätte, in der ­Gesellschaft der Circusfreunde oder als Friedensaktivist. Die Feier zu drei Jahrzehnten auf der Bühne ist dabei irgendwie zu kurz gekommen. Im neuen Jahr soll sie nachgeholt werden – als Neujahrskonzert.
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