"Geh ma bei die Doktern!": Helga Trautmann praktiziert auch mit über 70

 

Dr. Helga Trautmann ist Ärztin mit Leib und Seele. Die 73-Jährige denkt nicht daran, die Hände in den Schoß zu legen.


Ärztin aus Berufung



“Mein Beruf? Den habe ich lebenslänglich!“ Schon als kleines, achtjähriges Mädchen bringt sie keiner von ihrem Entschluss ab: „Ich will Ärztin werden!“. Heute ist Dr. Helga Trautmann 73. Sie arbeitet immer noch als Ärztin, einmal die Woche hält sie in Gotha in der Praxis von Dr. Heimbrodt ihre Sprechstunde ab, ist außerdem da, wenn einer sie braucht. „Geh ma bei die Doktern“, ist über Jahrzehnte ein geflügeltes Wort im Dorf, in dem sie wohnt und arbeitet. Selbst nach der Sprechstunde. Dr. Trautmann schickt niemanden weg.


Ihr ganzes Herz steckt in dem, was sie tut, immer schon. „Es ist das Schönste für mich, Hausarzt zu sein“, spricht sie das Selbstverständliche aus. Nur der allein sei in der Lage, den Menschen als Ganzes zu betrachten. Körper und Seele sind eine Einheit, weiß sie. Für sie als Hausärztin bedeutet das, genau hinzusehen und zu hören, alles gemeinsam zu betrachten. So kann sie am besten helfen.

Frau Doktor fühlt immer mit



Es ist ein Glücksfall, jemanden wie Dr. Trautmann an seiner Seite zu wissen. Sie lebt das Prinzip Hausarzt. Seit sie 1969 die eigene Praxis eröffnete, hat sie unzählige Patienten gehabt. Vom siebten Lebenstag an, manche bis zum Tod. Von vielen heutigen Patienten hat sie schon die Großeltern betreut, sie erinnert sich gut. „Aus den Ahnen kannst du oft etwas über die Krankheit der Enkel erfahren“, sind derlei Erfahrungen für einen Arzt Gold wert. So etwas kann nur der Hausarzt. Dr. Trautmann ist die, die immer ganz nah dran ist. Sie fühlt mit, leidet manches Mal wie der Patient. Sich selbst gegenüber ist sie hart, unerbittlich. Wenn es um die anderen geht, dann sei sie allerdings butterweich, gibt sie zu. Obwohl sie schon mal sehr energisch werden kann. Dann, wenn sie einem Patienten ins Gewissen reden muss. Auch das tut ein Hausarzt.

Plötzlich fehlt etwas



Als sie sich im Jahr 2007 in die Rente verabschiedet, ist es, als sei ein Teil vom Herz herausgerissen. Ein Stück vom Leben fehlt, ein großes. Niemand, der Helga Trautmann kennt, wundert sich, dass sie mit sechs Arztkollegen, denen es ebenso ergeht, zwei Jahre später in Gotha die „Seniorenpraxis“ eröffnet. „Nennt es Morphin, Haschisch oder meinetwegen Sahnetorte“, sagt sie zu ihrer Sucht, etwas zu tun, zu helfen. Die Praxis läuft gut, bis sie später von anderen Ärzten übernommen wird. Zeit für Dr. Trautmann, wieder Neues zu beginnen.

Donnerstag ist Sprechstunde



Der Donnerstag ist ihr heilig, er ist der Tag, an dem sie als Ärztin ihre Sprechstunde abhält. „73 ist doch noch kein Alter!“, ruft sie und lacht herzhaft bei der Vorstellung, ihren Lebensabend strickend hinterm Kachelofen zu verbringen. Für Helga Trautmann ist das nichts. „Vielleicht ist das die Unruhe im Alter?“, denkt sie über eine Erklärung für ihren Tatendrang nach. Nein, das kann es nicht sein, früher schließlich war sie noch schlimmer, ein echter Unruhegeist. „Ich bin ein Quirl“, gibt sie freudestrahlend zu. Ganz früh aufstehen, selbst dann draußen eine Runde schwimmen, wenn die Luft eisig kalt ist, Fahrrad fahren, Ski laufen, im Garten werkeln, Freunde treffen, zum Ärztestammtisch gehen - die Tage sind ausgefüllt. Natürlich, so weiß sie, muss sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren können, mit über 70 als Ärztin zu arbeiten. „Du musst ja voll da sein, mit der Diagnostik muss alles stimmen.“ Sie ist fit, kann mit den Jungen durchaus mithalten.

"Lasst uns arbeiten!"



Nicht nur die Patienten sind froh, dass es Ärzte wie Dr. Trautmann gibt. Schließlich fehlen überall Hausärzte. Helga Trautmann wundert sich nicht darüber. Schließlich machen Kassenärztliche Vereinigung und Krankenkassen es den Engagierten schwer. Vorschriften, Gesetze, Beschränkungen, zu viele Steine im Weg. Dabei richten sich Krankheiten nicht nach vorgegebenen Quoten. „Und wenn du zu viele Patienten behandelst, gibt es sogar Regressforderungen“, empört sich die Ärztin. „Lasst uns doch einfach arbeiten!“, bringt sie ihre Vorstellung auf den Punkt.

Helfen, so lange es geht



Sie nimmt sich selbst beim Wort, der nächste Patient braucht ihre ganze Aufmerksamkeit. Die bekommt jeder. Ob einer krumm ist oder schwarz, vielleicht gar ein schlechter Mensch - wer zu Dr. Trautmann kommt, braucht Hilfe. „Jeder ist eine einmalige Schöpfung“, sagt sie, die selbst für die Einsamen Verständnis hat, die zum Doktor gehen, um endlich einmal wieder Menschen um sich herum zu haben. Auch für sie ist sie da. Wenn Helga Trautmann nach so vielen Jahren als Ärztin daran zurückdenkt, wie sie einst wie Albert Schweitzer nach Afrika gehen wollte, lächelt sie. Längst hat sie sich mit ihren hochfliegenden Träumen versöhnt. „Ich hätte ja gehen können“, weiß sie. Doch die Familie ist ihr wichtiger, sie bringt es nicht übers Herz, weit weg von ihr zu sein. Helfen kann sie auch hier, zu Hause. So lange es irgendwie geht, wird sie das tun.
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1 Kommentar
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Erika Sinnig aus Gotha | 09.01.2015 | 16:46  
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