Geheime Schrift? In Windischholzhausen wird Kurrentschrift geschrieben

Die Kurrentschrift-Fans
 

In Windischholzhausen bei Erfurt beschäftigt sich Woche für Woche eine kleine Runde mit der deutschen Kurrentschrift.



“Der Inhalt ist gar nicht so wichtig!“ Hauptsache, es sieht gut aus. Klaus Sus schaut in die Runde und erntet sogleich Zustimmung. Schon geht der Kopf eines jeden wieder nach unten, den Blick auf die Hand gerichtet, die versucht, Buchstaben schwungvoll und stilecht aufs Papier zu bannen. Genau so, wie es früher üblich war. Nur das Kratzen der Federn ist zu hören, vielleicht noch die leisen Schritte, wenn Klaus Sus herumgeht und die Versuche seiner Schreiberlinge betrachtet. Er lächelt zufrieden, heute gibt es kaum etwas zu korrigieren. Sie beherrschen sie schon recht gut, die deutsche Kurrentschrift.


“Nicht zu verwechseln mit Sütterlin“, wirft Klaus Sus sogleich ein. Diese nämlich sei nur eine vereinfachte Form, wurde auch nicht lange an deutschen Schulen gelehrt, erklärt er. Die „deutsche Kurrent“ hingegen hat eine lange Tradition, schon Goethe und Schiller bedienten sich ihr. Es wäre doch schade, stürbe sie aus. „Ich schreibe alles so, bestimmt schon seit dreißig Jahren“, gibt sich Klaus Sus auch im Alltag als Verfechter dieser alten, schön anzusehenden Schrift zu erkennen.

Unter Gleichgesinnten



Und er ist auf Gleichgesinnte gestoßen, einmal in der Woche trifft sich auf Initiative des Dorfclubs von Windischholzhausen eine kleine Gruppe, um die deutsche Kurrent lesen und schreiben zu lernen und zu üben. Klaus Sus zeigt ihnen, wie das geht. „Am Anfang muss man auf Linien schreiben und vor allem die Schwünge hinkriegen. Auch der Neigungswinkel ist wichtig, und die dünnen und dickeren Striche“, weiß er um die Mühen der Anfänger. Auch mit der dafür benötigten Spitzfeder umzugehen, ist erst einmal ungewohnt, manchmal bleibt sie einfach im Papier stecken. „Aber man schreibt sich schnell ein“, macht er jedem Neuling Mut. Wenn einer dann mit der Feder gut umzugehen weiß, wirkt das Schön-Schreiben sehr entspannend, fast meditativ, schwören die Kurrent-Kenner.


Bis man allerdings wirklich firm ist, braucht es Zeit. Und Mühe. Die Schreib-Gruppe bringt beides gern auf. „Es wäre doch schade, wenn diese alte Tradition des Schreibens und Lesens, dieses Kulturgut, verloren ginge“, formuliert Günter Jocksch das, was sie alle in der Runde bewegt. Allein das Erfurter Stadtarchiv sei voller Dokumente in deutscher Kurrentschrift, die so viel Wissenswertes vermitteln. „Irgendwann wird das keiner mehr lesen können“, befürchtet er und wäre wie die anderen sehr dafür, diese Schrift Kindern im Unterricht beizubringen. Manchmal, wenn sie sich alle treffen, bringt einer ein altes Buch oder ein handgeschriebenes Heft mit, das er irgendwo gefunden hat. Gemeinsam lesen sie dann die Zeilen, reden darüber. „So erfahren wir immer wieder auch Interessantes aus unserer Dorfgeschichte“, erzählt Klaus Sus von Schreibstunden, die nebenbei zu Geschichtsstunden werden.

Verblüffende Grüße



Sie alle genießen ihr ungewöhnliches, sie verbindendes Hobby, verblüffen gern auch einmal andere damit. „Ich verschicke oft Weihnachtskarten in Kurrent“, erzählt Barbara Jocksch. Die Reaktion der so Bedachten? Sie freuen sich, sehr sogar. Andere wieder reagieren gar nicht. „Wahrscheinlich, weil sie nicht wissen, von wem die Karte kommt, sie können es ja nicht lesen“, sagt die Schreiberin lächelnd. Ihr Mann nickt: „Ja, manchmal kommt man sich vor, als beherrsche man eine Geheimschrift.“


Kontakt: Wer mitmachen möchte, meldet sich bei Klaus Sus per E-Mail: sksus@arcor.de




Wissenswertes zur deutschen Kurrentschrift:


Die deutsche Kurrentschrift ist eine zügig geschriebene Schreibschrift, eine sogenannte Laufschrift (lat.: currere = laufen). Sie zeichnet sich aus durch spitze Winkel (“Spitzschrift“) und veränderliche Strichstärke (“Schwellzüge“). In dieser Form wurde sie über 100 Jahre an Schulen gelehrt. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war sie die gebräuchliche Verkehrsschrift in Deutschland.


Die deutsche Kurrent ist nur eine von mehreren sogenannten deutschen Schriften. Die Sütterlinschrift bezeichnet eine reformierte Schreibweise der deutschen Kurrent, die 1911 vom Grafiker und Pädagogen Ludwig Sütterlin im Auftrage des preußischen Kultusministeriums entwickelt wurde und sich in den 1920-ern als Schulausgangsschrift durchsetzte. Die umgangssprachliche Bezeichnung „deutsche Schrift“ grenzt sie gegenüber der „lateinischen Schrift“ ab, die lange Zeit als Zweitschrift parallel zur deutschen Kurrentschrift gelehrt wurde.


Im Januar 1941 taxierte Adolf Hitler die deutschen Schriften (Fraktur und Schreibschrift) als Judenlettern, was sofort im deutschsprachigen Raume die Umstellung auf Antiquabuchstaben und lateinische Schreibschrift zur Folge hatte.


Da in den Kirchenrodeln und auch in den Grundbüchern bis ins 20. Jahrhundert diese Schrift vorherrscht und es immer weniger Leute gibt, die sie noch lesen können, ist im Jahre 1986 die Deutsche-Kurrent-Schrift-Vereinigung, kurz D-K-S, entstanden.


(Quelle:www.kurrentschrift.net)
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