Gottes Segen auch für Mörder? Dietmar Niesel ist in Thüringen Gefängnisseelsorger

Dietmar Niesel in der JSA Arnstadt, hier kümmert er sich an mehreren Tagen in der Woche um die jugendlichen Insassen.
 
Der Gefängnisseelsorger steht nicht nur den Gefangenen, sondern auch den Angestellten und Beamten der beiden Anstalten für Gespräche zur Verfügung.
Die Jugendlichen in der Justizstrafanstalt in Arnstadt und die gestandenen Männer in der Justizvollzugsanstalt Tonna kennen ihn gut: Dietmar Niesel betreut dort seit fünf Jahren Straftäter als Gefängnisseelsorger.


Wer bist du? Was bewegt dich? Was hat dich verletzt? Behutsam tastet sich Dietmar Niesel an sein Gegenüber heran. Es sind nicht die ersten Fragen, die er stellt. Manchmal muss er sie gar nicht aussprechen, die Gespräche um Gott und die Welt, über den Alltag und die Sorgen sind Antwort genug. Mitunter ist es ein langer, vielleicht sogar ins Nichts führender Weg, bis er sein Gegenüber zum Perspektivwechsel, zum Nachdenken bringt. Darüber, wie es dem anderen wohl ergehen mag. Dem, dem er geschadet, dem er wehgetan hat.


Dietmar Niesel ist Gefängnisseelsorger, der Katholik begleitet Insassen der Justizvollzugsanstalt Tonna und der Jugendstrafanstalt Arnstadt, betreut dort auch die Bewohner der Jugendarrestanstalt. Seine erste Aufgabe: Trost zu spenden, Halt zu geben. Das sei das Wichtigste, bei allem, was zuvor geschehen ist. Da handelt er ganz im christlichen Sinne, das sei seine Aufgabem wie es schon im Matthäus-Evangellium stehe (25. Kapitel „Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.“). Als Seelsorger, so sagt er, geht es ihm vor allem um die Begleitung des Gefangenen. Über die Strafe habe bereits das Gericht befunden. Trotzdem klammert Dietmar Niesel die Schuld nicht aus. Auch sie gehört zu seiner Arbeit.

Kein Tag ist wie der andere


Der 56-jährige hat sich erst spät dafür entschieden, Theologie zu studieren. Bevor er Gemeindereferent wurde, hat er sich schon jahrelang ehrenamtlich um Gefangene gekümmert. Nun tut er das hauptberuflich. Kein Tag ist wie der andere. Natürlich, die Termine für die Gottesdienste und die Bibelstunden und das Musizieren stehen fest. Für Gespräche nimmt er sich viel Zeit, mit Einzelnen, in der Gruppe, mal spontan in der Werkstatt, auf dem Hof. Etliche der Jungs kennen es nicht, dass sich jemand Zeit für sie nimmt, haben sie in ihrem jungen Leben noch nicht mal einen normalen Tagesablauf kennengelernt.


Der Pfarrer, wie sie ihn der Einfachheit halber nennen (auch wenn er es nicht ist), hat eine Art an sich, die andere dazu bringt, sich zu öffnen, Vertrauen zu fassen. Er hört zu, er richtet nicht. Außerdem ist er verschwiegen, kein Wort dringt aus dem Raum, kein Beamter erfährt je etwas von dem Gesagten. Manchmal berührt ein solches Gespräch auch die Seele des Seelsorgers. Er weiß, dass die schweren Jungs und gestandenen Männer aus gutem Grund hinter Gittern sitzen. Doch wenn dann einer in aller Ausführlichkeit von seiner grausamen Tat berichtet, sich gar damit brüstet, dann fällt es auch Dietmar Niesel schwer, gelassen zu bleiben, immer an das Gute im Menschen zu glauben. „Manches ist schon sehr gruselig, die Gewaltbereitschaft tief verankert“, weiß er. Auch, dass Menschen ihre bisherigen Verhaltensweisen im Gefängnis nicht plötzlich ablegen. Versammelt er eine Gruppe um sich herum, muss auch er darauf achten, wie er sie zusammenstellt. Er nennt das seine Habachtstellung, er bleibt realistisch. Geht auch ihm einmal für kurz die Kraft, das Urvertrauen verloren, holt er es sich bei Gott zurück: „Meine Quelle ist das tägliche Gebet, die Gespräche mit Gott.“ Abstand und Seelenpflege sind wichtig. So ist alles aushaltbar, so ergibt alles seinen Sinn.

Intensive Gespräche


Er möchte die vielen Gespräche nicht missen. So oft sind es tiefe, intensive Gespräche, die sich mit den Gefangenen, auch mit den Angestellten und Beamten der Häuser ergeben. „Ich möchte den Menschen Beistand, Hilfe geben, so dass sie mit ihrem Leben wieder besser klarkommen“, sagt Dietmar Niesel mit Blick auf die Gestrauchelten. Jeder Mensch, auch der. der ein Verbrechen begangen hat, habe eine Würde. Jeder, auch der Böse, ist Gottes Geschöpf.


In Ausnahmefällen steht er den Männern auch nach ihrer Haftentlassung für eine Weile bei. Dann, wenn sie sich auseinandergesetzt haben mit ihrer Schuld, es nun anders, besser machen wollen. Die vielen Gespräche zuvor haben dabei geholfen, den richtigen Weg zu finden, die Schuld Stück für Stück aufzuarbeiten. Die Wunden werden bleiben. Es geht darum, mit ihnen zu leben. „Die meisten wissen, dass sie falsch gehandelt haben und empfinden das dann auch“, macht Dietmar Niesel immer wieder die Erfahrung. Eine gute Erfahrung.
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