Gottes Wort in der Hand: Pfarrer Gert Schellhorn predigt in Gebärdensprache

Pfarrer Gert Schellhorn aus Erfurt-Hochheim predigt seit zehn Jahren auch in Gebärdensprache
 
Pfarrer Gert Schellhorn aus Erfurt-Hochheim predigt seit zehn Jahren auch in Gebärdensprache.

"Amen" sagt er mit den Händen: Pfarrer Gert Schellhorn aus Erfurt-Hochheim predigt seit zehn Jahren auch in Gebärdensprache.



"Ich bin noch immer ein Anfänger.“ Gert Schellhorn ist bescheiden, wenn er davon spricht, wie er die Gebärdensprache beherrscht. Er ist einer von zwei Pfarrern im Bistum Erfurt, der eine katholische Gehörlosengemeinde betreut, zusätzlich zu seiner Gemeinde in Hochheim. Zu den Gottesdiensten, die er einmal im Monat im Erfurter Marienstift abhält, kommen Gehörlose und Schwerhörige aus Erfurt und der Region Gotha, manche machen sich sogar aus der Thüringer Rhön auf den Weg, um Gottes Wort in ihrer eigenen Sprache zu erfahren. Ein paar der Gottesdienst-Besucher sind als Begleiter dabei und können hören, andere wieder vermögen dank eines Implantats auch gesprochene Worte recht gut zu verstehen. Für sie alle muss sich Pfarrer Gert Schellhorn verständlich ausdrücken.

Andere Regeln als beim gesprochenen Wort



Dabei hatte er zuvor nie mit Menschen zu tun, die nicht hören können. „Aber dass ich früher mal examinierter Krankenpfleger war, hat meinen Bischof wohl auf die Idee gebracht, ich könnte mich für diese neue Herausforderung eignen“, denkt Gert Schellhorn an die Zeit vor zehn Jahren zurück. Es sollte eine wirkliche Herausforderung werden, eine, die er gern annimmt. Denn einfach wie gewohnt loszupredigen und die Worte gleichzeitig mit den Händen auszudrücken, funktioniere nicht, hat er schnell herausgefunden. Gebärdensprachen folgen ganz anderen Regeln, als sie ein Sprechender und Hörender kennt.

Die erst seit 2001 im Gesetz verankerte deutsche Gebärdensprache ist nicht einfach zu erlernen. „Sie ist die hohe Kultur“, sagt er. Eine visuell-manuelle Sprache, deren Grammatik anders ist als die der deutschen Lautsprache. „Oft steht dabei das Adjektiv nach dem Substantiv, Verben nach dem Subjekt und häufig am Ende des Satzes“, musste sich der Pfarrer auf eine völlig neue Art der Kommunikation einlassen.

Doch nicht jeder, der seinen Gottesdienst besucht, beherrscht diese Sprache. „Viele der Älteren sind auf die lautbegleitende Gebärdensprache angewiesen.“ Pfarrer Schellhorn versucht, sich so auszudrücken, dass es alle verstehen. Mit der Deutschen Gebärdensprache und auch lautbegleitend. Auf vieles gleichzeitig muss er achten. Wichtig ist es, in den Predigten und Gesprächen kurze, einfache Sätze zu verwenden. Auch, wenn er einmal einen Scherz macht, einen Witz erzählt. Um Gebärden, Gestik und Mimik gut sehen zu können, muss es auch ausreichend hell sein.

Nicht perfekt



Auch nach zehn Jahren, in denen er nun schon seine Gehörlosengemeinde betreut, fühlt sich Gert Schellhorn nicht perfekt in seinen Gebärden. Den Dolmetscher, den er sich anfangs zur Verstärkung holte, braucht er schon lange nicht mehr. Doch üben muss er ständig. „Sonst vergisst man so vieles wieder, wenn man nicht täglich damit zu tun hat“, weiß er. Auf jeden Gottesdienst bereitet er sich gründlich vor.

Manchmal, wenn er mit seinen 'Schäfchen' nach dem Gottesdienst in ein angeregtes Gespräch gerät und die Gebärden schneller werden, scheut er sich nicht nachzufragen, was sie bedeuten. „Jeder Gottesdienst ist ein Dialog, ein gegenseitiges Geben und Nehmen“, macht Gert Schellhorn immer wieder die Erfahrung, dass er sich richtig entschieden hat, als er beschloss, sich der Gehörlosen anzunehmen.

Dass er ihre Sprache versteht und spricht, ist für ihn selbstverständlich. Eine Wertschätzung den Nicht-Hörenden gegenüber. „Wir haben hier eine recht lebendige Gemeinde, gut besuchte Gottesdienste“, freut er sich über rege Beteiligung. Auch die gemeinsamen Veranstaltungen mit seiner Hochheimer Gemeinde werden gern angenommen. So wie bald die Erstkommunion, die er acht hörenden und zwei gehörlosen Kindern bald erteilen wird. „Es ist einfach schöner, wenn wir das gemeinsam feiern können“, ist Pfarrer Schellhorn froh über die vertraute Nähe zwischen denen, die hören und denen, die sich Worte auf andere Weise zu eigen machen.



Wissenswertes zur Deutschen Gebärdensprache:


Die Deutsche Gebärdensprache ist wie andere Gebärdensprachen auch eine visuelle Sprache, die neben Körperhaltung und Mimik vor allem Gebärden verwendet, um Gedanken sowie Sachverhalte auszudrücken.

Gebärden unterscheiden sich voneinander durch Handform, Handstellung, Ausführungsstelle und Bewegung. Auffallender Unterschied zu Lautsprachen ist, dass Gebärdensprachen räumlich ablaufen: Personen und Orte können in einem Gespräch sozusagen in der Luft platziert werden, und je nach der Bewegungsrichtung von Gebärden zwischen diesen „Raumpunkten“ ändert sich die Bedeutung.

Als Hilfsmittel zum Buchstabieren von Eigennamen oder Vokabeln, deren Gebärden einer der Gesprächspartner oder auch beide (noch) nicht kennen, dient das Fingeralphabet.

Zahlen und Fakten:



Es gibt weltweit (geschätzt) 137 verschiedene Gebärdensprachen, hinzu kommen regionale Unterschiede und Dialekte.

In Thüringen leben 1700 Gehörlose und Schwerhörige.

DerLandesverband der Gehörlosen Thüringen e.V. hat 379 Mitglieder in 16 Vereinen, dazu sieben Fördermitglieder.

Deutschlandweit gibt es 80.000 Gehörlose und etwa 250.000 Schwerhörige.
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