Im Takt

Zeit ist unendlich. Beinahe unendlich lange, ist Udo Wieprecht überzeugt, könnte auch eine gute mechanische Uhr funktionieren. Wenn ihr Träger sie liebevoll behandelt, sie regelmäßig warten lässt. Dann, so weiß er, ist dem guten Stück ein ungewöhnlich langes Leben beschert. Fasziniert betrachtet der Uhrmachermeister die kleinen Wunderwerke an Technik. Sie leisten Unglaubliches. 24 Stunden am Tag, immer wieder aufs Neue. Welche andere, viel größere Maschine, vermag diese Leistung zu erbringen?


Udo Wieprecht spricht mit Hochachtung von den winzigen Zeit-'Kraftwerken', mit deren Innenleben er sich Tag für Tag beschäftigt. Die Erinnerung an seine Meisterprüfung ist dem Sömmerdaer, der sein Geschäft inzwischen im Melchendorfer Markt in Erfurt betreibt, allgegenwärtig. Verschiedene Teile einer Uhr musste er damals bauen. "Man sollte schon ein gewisses Gespür für Technik und Zusammenhänge sowie Talent haben", fasst er die Voraussetzungen zusammen, die ein guter Uhrmacher haben sollte. Gesellen sich ein Faible für Perfektion und für schöne Dinge hinzu, wird die Sache rund. Er weiß, wie wichtig es ist, Meister zu sein. Nicht nur, weil er mit dieser Qualifikation andere ausbilden darf. Es sind die besonderen Fähigkeiten, die nur ein Meister seines Fachs beherrscht. Nicht nur präzise, zehntelgenau fertigen, zuvor auch ersinnen. Das kann nur der Meister.



In den 25 Jahren, seit Udo Wieprecht Meister ist, hat sich in seinem Beruf einiges verändert. Maschinen erleichtern manche Tätigkeiten, auch bei der Reinigung. Doch nie wird eine Maschine den Uhrmacher ersetzen können. Manchmal, wenn an einer Uhr nur eine Batterie oder ein Band gewechselt werden muss, fühlt sich der Handwerksmeister ein wenig unterfordert. Doch dann, wenn er wieder eine Uhr aus Urgroßmutters Zeiten vor sich hat, der er zu wiedererwachendem Leben verhelfen soll, ist Udo Wieprecht in seinem Element. "Für mich ist jede Uhr ein Herausforderung", stellt er sich gern neuen Aufgaben. So manches Mal muss der Uhrmacher ziemlich tüfteln und basteln, um eine Uhr, die jahrzehntelang nicht funktionierte, wieder zum Laufen zu bringen. "Das ist dann wie Training für mich", sagt Udo Wieprecht, der es liebt, immer wieder seine handwerklichen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Es gibt eigentlich nichts, das er nicht wieder hinkriegt.
Manchmal bekommt der Uhrmachermeister zu einem nicht mehr laufenden 'Sorgenkind' eine ganze Geschichte mit hinzugeliefert. So lange schon war die Uhr in der Familie, immer im Mittelpunkt oder erst jetzt wieder herausgekramt. Eine Uhr kann so viel mehr sein als der Gradmesser der Zeit. Ein Stück voller Erinnerungen und Gefühle.

Begegnet Udo Wieprecht anderen Menschen, so sieht er ihnen gern auf die Uhr. Das gehe ganz automatisch, das ist so etwas wie eine Berufskrankheit, lacht er. Und schwört, dass man aus der Art einer Armbanduhr keinerlei Schlüsse auf deren Träger ziehen kann.
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