Im Zweifel galoppieren

Telefonieren während eines Gesprächs? Bitte nicht! Deutlicher kann ich kaum zeigen, dass mir der Termin wenig bedeutet.
 
Etikette-Expertin Kristin Gräfin von Faber-Castell. Foto: Gerald Harzer (Foto: Foto: Gerald Harzer)
Etikette-Expertin Kristin Gräfin von Faber-Castell über Smalltalk, Duz-Gepflogenheiten und Napoleon

Zum Termin zu spät ins Zimmer stürmen, ungefragt einen Platz entern und schnell noch eine SMS absenden – so lassen sich keine Sympathiepunkte bei anderen sammeln. Gute Umgangsformen gehören auch 300 Jahre nach Knigge zu den sozialen Spielregeln. Nur wer sich souverän benehmen kann, erreicht eine hohe Akzeptanz und ist ein gern gesehener Gast, sagt die Erfurter Etikette-Expertin Kristin Gräfin von Faber-Castell.

Ihre Seminare für Benimm im Büro sind gefragt? Steht es so schlecht um die guten Sitten?
Nein. Das möchte ich keinesfalls behaupten. Aber manchmal besteht der entscheidende Unterschied zwischen gut gemeint und gut gemacht. Im Seminar wird vermittelt, wie Mann und Frau Alltags­situationen stilvoll und somit vor allem rücksichtsvoll lösen können im Miteinander der Kollegen, im Umgang mit Chef und Untergebenen und im Verhalten gegenüber dem Gast, der ja meist der Kunde ist.

Wer viel beschäftigt ist, darf ruhig zu spät kommen?
Nein. Unpünktlichkeit ist ein
großer Fauxpas. Er ­signalisiert dem Wartenden: Ich bin nicht so viel wert, dass sich der andere Mühe gibt. Auch das Telefonieren während des Termins ist ein absolutes No-Go. Deutlicher kann ich dem Gegenüber nicht sagen, dass mir dieses Gespräch gerade nichts bedeutet.

Passt Smalltalk noch in ­unsere schnelllebige Zeit?
Jedes Gespäch beginnt mit Smalltalk. In unserem Kulturkreis ein hundertprozentiges Muss. Ein kleines Lob bricht das Eis: „Das Bild über ihrem Schreibtisch ist toll.“ Oder: „Ihre Firma ist wirklich sehr gut ausgeschildert.“ Das freut den anderen und schafft eine positive Gesprächsgrundlage.

In sozialen Netzwerken ist jeder per Du. Was halten Sie von Duz-Gepflogenheiten?
Für mich ist das Sie nach wie vor ein Ausdruck von Respekt. Soll ein Azubi den Chef duzen, ist ihm das peinlich und unangenehm. Ob kreativ oder konventionell – jede Firma hat ihre Hierarchie. Bekommt man irgendwann das Du angeboten, ist das eine Art Auszeichnung.

Vertragen sich bei Führungs­kräften gute Umgangs­formen wie Höflichkeit und Loyalität mit Stärke?
Unbedingt. Ich zitiere gern Napoleon. Er beschwor seine Offiziere vor der Schlacht: „Der Feind ist in der Überzahl. Ich erwarte von Ihnen, meine Herren, dass sie im Zweifel galoppieren.“ Sobald man unsicher in die Verhandlung geht, ist sie gelaufen. Selbstbewusstsein ist das A und O. Das heißt: aufrechte Körperhaltung, klare, deutliche Sprache und die Betonung der eigenen Stärken. Und im Zweifel: galoppieren.

Was verrät die Körpersprache über einen Menschen?
Sie ist die ehrlichere Sprache. Schon die Sitzhaltung verrät einiges über die innere Haltung. Wer entspannt und aufrecht sitzt, strahlt Kompetenz aus. Imitiert man den Gesprächspartner, indem man dessen Sitzhaltung spiegelt, erhält er unterbewusst die Botschaft: Wir verstehen uns, wir können ehrlich reden.

Nachgefragt

Wie grüße ich richtig?
Dieses Thema ist ein weites Feld, erfordert viel Aufmerksamkeit und manchmal auch Bauchgefühl für Situationen. Grundsätzlich gilt: Im Beruflichen grüßt man nach der Hierarchie. Der Rangniedere grüßt den Ranghöheren. Dies passiert geschlechterunabhängig. Ob eine Hand dazu geschüttelt wird, entscheidet wiederum der Höherstehende.
Im Privaten gelten noch die Regeln der „Alten Schule“: Die Frau ist rang-höher als der Mann, der Jüngere grüßt den Älteren.

Wie steht es um den Mittagsgruß „Mahlzeit“?
Der passt nicht mehr so gut in unsere Zeit. Selbst das „Guten Appetit“ steht gerade auf dem Prüfstand. Bei einem gesetzten Essen schauen alle auf die Gastgeberin. Greift sie zum Besteck, geht es los.

Sagt man noch Gesundheit, wenn jemand niest?
Auch hier erleben wir eine Umbruchphase. Im Mittelalter wurde der Spruch als Stoßgebet zum Himmel gesandt, da auch die Pest mit harmlosen Niesern begann. Heute aber reagieren die Menschen auf viele Dinge allergisch: Pollen, Milben, Düfte und Speisen regen ganzjährig zum Niesen an. Krank möchten sich Betroffene deshalb nicht immerzu nennen lassen. Also verzichtet man hier auf das „Gesundheit“ sagen. Die modernste Art: Wir ignorieren sämtliche Körpergeräusche und sagen gar nichts dazu.
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1 Kommentar
Sibylle Klepzig aus Nordhausen | 12.10.2011 | 09:39  
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