Immer mehr Homosexuelle verlassen Thüringen - Christopher-Street-Day will aufklären und informieren

Wann? 21.08.2015 23:00 Uhr bis 29.08.2015 23:00 Uhr

Wo? Christopher-Street-Day, Anger 1, 99084 Erfurt DE
Zwei verliebte Männer sind ein seltenes Bild in Thüringens Öffentlichkeit. Ist der Freistaat zu homophob? (Foto: Colourbox)
 
Homosexuelle in Thüringen verstellen sich, damit sie nicht auffallen, klagt Jenny Renner vom Vorstand des Lesben- und Schwulenverbandes, hier auf der Krämerbrücke in Erfurt. "Man verliebt sich in einen Menschen, nicht in sein Geschlecht. Verliebtsein kann man nicht beeinflussen. Das ist da, ein Gefühl. Das nimmt sich auch niemand vor oder macht es mit Absicht. Das kann man auch nicht lernen."
Erfurt: Christopher-Street-Day |

Vor dem Christopher-Street-Day (CSD), dem Tag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern, sprach ich mit Jenny Renner, die dem Thüringer Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) vorsteht.

Ist der CSD in Erfurt mehr Party oder Polit­veranstaltung?
Der CSD in Erfurt ist schon ziemlich politisch gestaltet. Das ist uns auch sehr wichtig. Wir haben aber auch Partys, es ist für jeden etwas dabei.

Also weniger schrill, als man den Tag aus Berlin oder Köln kennt?
Es gibt keine Parade, dafür einen Demonstrationszug. Eine schrill-bunte Parade könnte in eine Richtung abgleiten, die wir nicht wollen.

Warum braucht man den CSD? Es gibt ja auch keine Feier für Heterosexualität.
Der Tag ist uns persönlich wichtig, um zu sagen: Es gibt noch keine vollständige Gleichberechtigung – weder in den Köpfen, noch von der Gesetzeslage her. Das Fernziel ist natürlich irgendwann, dass Homosexualität so normal ist, dass man den Tag nicht mehr braucht. Es soll ja nichts Besonderes sein, homo- oder transsexuell zu sein. Es sollte etwas Normales sein. Auf dem Weg dahin muss man darauf aufmerksam machen, dass es leider noch nicht so ist. Beispielsweise ist das Modell Vater, Mutter, Kind in Zeiten von Patchworkfamilien doch heutzutage gar nicht mehr gesellschaftliche Realität. Es gibt so viele Familienformen. Wer legt denn fest, was Familie ist?

Warum pochen Homosexuelle auf konservative Rechte wie das Heiraten?

Es geht darum, dass Menschen überhaupt die Möglichkeit haben, unabhängig von ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität. Dass sie heiraten dürfen, warum auch immer. Es geht um Gleichbehandlung und da spielt es keine Rolle, ob ich das spießig finde.

Hat sich nicht schon sehr viel verändert in den vergangenen Jahrzehnten?
Wir sind auf jeden Fall sehr stolz über das, was sich verändert hat. Zum Beispiel das gesellschaftliche Klima, dass die Menschen sagen: „Was in den Wohnungen und in Schlafzimmern passiert, geht mich gar nichts an.“ Doch es hat ja nicht nur mit Sexualität zu tun, sondern auch mit der Frage: Mit wem will ich gerne zusammenleben?

Viele sagen aber: „Von mir aus im eigenen Schlaf­zimmer, aber doch bitte nicht in der Öffentlichkeit.“
Das Ziel ist, dass es total egal ist, wenn zwei Männer, zwei Frauen oder zwei Männer und eine Frau über die Straße laufen. Da ist noch viel zu tun. Aber natürlich sind wir stolz über das, was schon erreicht wurde. Das Lebenspartnerschaftsgesetz als Zwischenschritt zur Öffnung der Ehe war ganz entscheidend, die der LSVD auch maßgeblich vorangetrieben hat. Die Diskussionen über Homosexualität im Sport oder das Adoptionsrecht hat der LSVD angestoßen. Wir sind schon sehr weit gekommen. Aber es ist noch eine Menge zu tun und da sind wir dran.

Ist Thüringen im Vergleich zu anderen Bundesländern eher rückständig?
Das stimmt. Thüringen hinkt sehr hinterher. Ein Beispiel: Das Land hat spät vorgegeben, dass gleichgeschlecht­liche Lebenspartnerschaften auch auf Standesämtern zu schließen sind. Das heißt: Wir hatten tatsächlich den Fall, in dem die Verpartnerung auf dem Bauamt stattgefunden hat. Wer möchte denn bitte auf dem Bauamt heiraten?

Liegt es allein an der Politik oder am Denken in den Köpfen?
Das ist der entscheidende Punkt. Die Homosexuellen ziehen weg aus Thüringen, weil sie hier nicht die Voraussetzungen finden, die sie für ihr Leben gerne hätten. Sie ziehen nach Berlin, Köln oder Leipzig, wo sie andere Bedingungen vorfinden. Andere sagen: „Ich kann nicht so nach außen leben, wie ich will. Also benehme ich mich wie heterosexuelle Menschen, damit ich nicht auffalle.“

Also kein Outing.
Genau. Ich stehe nicht in der Öffentlichkeit dazu. Ich nehme meinen Freund oder meine Freundin nicht an die Hand, wenn wir über die Straße laufen. Wir küssen uns nicht. Entweder man zieht sich in Thüringen zurück ins Private. Oder man zieht weg, weil gewisse Dinge nicht so sind, wie man sie sich wünscht. Und das ist sehr schade. Homosexuelle haben keine Lust auf dieses politisch und gesellschaftliche homofeindliche Klima. Das ist wie mit den Flüchtlingen: Wenn ich nicht tagtäglich mit Sachen konfrontiert werde und sie nicht täglich erlebe, dann schaffe ich ein Klima der Ablehnung, der Angst und möglicherweise von gewalttätigen Übergriffen.

"Nicht jeder Schwule steht auf jeden Mann, der ihm über den Weg läuft."


Wollen Sie auch manchmal weg?
Nein, ich will die Lage ja ändern und gehe nicht eher weg. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der Menschen Angst haben müssen, sich so zu zeigen, wie sie sind. Weil sie möglicherweise eine Wohnung nicht bekommen, ein Konto nicht eröffnen können oder verprügelt werden.

Mit welchen Vorurteilen haben Homosexuelle zu kämpfen?

Meine Top drei: 1. Regenbogenfamilien sind keine Familien. Wenn ich das höre, da schwillt mir der Kamm. 2. Homosexuelle Männer dürfen kein Blut spenden, weil sie grundsätzlich HIV-Positiv sind. 3. Es ist Kindeswohlgefährdung, Kinder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aufwachsen zu lassen. Es gibt eine wahnsinnige Schublade an Vorurteilen, die gesellschaftlich verbreitet sind. Dieses Pädophiliethema bei Schwulen, das geht irgendwie nie weg. Und nicht jeder Schwule steht auf jeden Mann, der ihm über den Weg läuft.

Sie wollen dem mit Informieren und Aufklären entgegenwirken. Klappt das?
Bei einigen würde ich das nicht mehr probieren. Da sind zu viele Vorurteile und feste Denkstrukturen da, die man nicht auflösen kann. Es geht darum, Toleranz zu schaffen. Ehe man sich ein Urteil bildet, sollte man mit den Menschen ins Gespräch kommen. Es gibt genügend Menschen, die Interesse haben und wir haben beim CSD Zulauf von Menschen, die heterosexuell sind und sagen: „Wir wollen euch unterstützen, wir wollen euch kennenlernen.“

Gibt es eine Gay-Szene in Thüringen?
Ja. Irgendwo. Es gibt sehr wenige Orte, wo Homosexuelle hingehen und sich treffen können, wo sie Schutzräume haben. Es gibt auch nur wenige Ansprechpunkte für alle, die noch nicht wissen, ob sie schwul oder lesbisch sind. Es gibt einige Vereine, die in Thüringen sehr aktiv sind. Der Querwege-Verein in Jena zum Beispiel geht an die Schulen und macht Projekttage zu sexueller und geschlechtlicher Viefalt. Es gibt in Jena einen schwulen Volleyballverein. Partys gibt es in Jena, Weimar, Erfurt und ab und zu in Gera. In Westthüringen sieht es sehr mau aus. Kneipen sind mir persönlich nicht bekannt. Selbst in unserer Landeshauptstadt nicht.

"Es gibt auch schwule Nazis!"


Warum separiert man sich überhaupt mit einer eigenen Szene?
Da war ich jahrelang mit mir im Zwiespalt. Ich muss ehrlich sagen: Ich finde das Konzept der Gay-Culture-Partys ganz gut. Man schafft sozusagen diesen Schutzraum für Homo-, Bi- und Transexuelle, wo sie feiern können. Wo sie ungeachtet irgendwelcher Beleidigungen tanzen gehen können, wie jeder andere auch. Das schließt nicht aus, dass dort auch heterosexuelle Menschen willkommen sind. Das hat sich sehr verändert in den vergangenen zehn Jahren. Wenn damals Mann und Frau kamen, dachte man schnell, die haben sich verlaufen.

Es gibt also intolerante Homosexuelle?
Ja, sogar in der Szene untereinander. Das ist auch völlig normal, das ist auch nur ein Querschnitt der Gesellschaft. Es gibt Homosexuelle, die haben Probleme mit Transsexuellen. Es gibt Homosexuelle, die haben Probleme mit „Heten“. Das ist zum Glück ein mittlerweile so verschwindender Anteil. Weil man auch begriffen hat: Was wir für uns fordern, müssen wir auch anderen zugestehen.

Darf man als Hetero Schwulenwitze erzählen?
Die besten Schwulenwitze erzählen die Schwulen selbst. Ich freue mich schon auf den CSD, da wird es wieder sehr amüsant. In dem Moment, in dem sich jemand verletzt fühlt, sollte man es einfach lassen. Aber das betrifft ja jeden Lebensbereich. Insofern: Warum nicht? Es ist ja immer ein Querschnitt der Gesellschaft. Es gab und gibt ja auch schwule Nazis.

Lederclub mit dabei beim CSD


Gibt es Schwule, die Ihnen zu tuntig sind?
Mir persönlich nicht. Meine Vorstellung von Gesellschaft ist, dass sich jeder so geben kann, wie er möchte. Natürlich mit Rücksicht darauf, dass niemand verletzt wird. Dazu gehören auch ein tuntiger Schwuler, eine "Kampflesbe" mit Karohemd oder ein schwuler Bauarbeiter. Es gibt ja auch die Fetischgruppierungen, die mit Leder herumlaufen oder sich wie ein Hund an der Leine führen. Dieses Mal haben wir erstmals so eine Gruppe beim CSD dabei. Ich freue mich darauf, weil es zeigt, wie vielfältig die Szene ist.

Schocken Sie damit die Erfurter?
Es wird ein Hingucker sein. Wir haben auch Gesprächsrunden mit Menschen, die sich in diesen Fetischszenen aufhalten, die darüber informieren, was es damit auf sich hat. Der Thüringer Lederclub in Erfurt musste umziehen, die Szene wurde dadurch aber nicht kaputt gemacht. Deswegen war es uns wichtig, dass sie zum CSD kommen, weil sie auch zur Gemeinschaft gehören.

Sie sind selbst homosexuell?
Nein, bisxuell.

"Ich war bei meinem Coming-out schweißgebadet."


Wie war es bei Ihrem Outing?
Ich war schon ziemlich schweißgebadet und hatte Herzrasen. Ich hatte meine erste Freundin. Zuerst habe irgendetwas erfunden. Das fand ich aber blöd. Warum sollte ich meine Eltern anlügen? Warum sollte ich meine Freundin verleugnen? Meine Eltern haben ganz toll reagiert und gesagt: „So lange du glücklich bist, ist alles o.k. Wir haben es ohnehin schon gewusst.“ Da war ich dann sprachlos und nicht meine Eltern. Es gab dann auch die typischen Sprüche von den Exfreunden: "Was habe ich denn falsch gemacht?" Oder: "Vielleicht ist dir der richtige Mann noch nicht über den Weg gelaufen."

Waren Sie selbst überrascht, als Sie sich später in einen Mann verliebt haben?

Ja, das war mein zweites Coming-out. Wieder zurück. Ich habe es liebevoll coming-in genannt. Das Witzigste an der Sache war, dass alle viel verwirrter waren als zu dem Zeitpunkt, als ich gesagt habe, dass ich auf Frauen stehe. Das fand ich faszinierend. Das ist, was ich seit Jahren versuche, in die Köpfe der Leute zu kriegen: Man verliebt sich in einen Menschen, nicht in sein Geschlecht. Verliebtsein kann man nicht beeinflussen. Das ist da, ein Gefühl. Das nimmt sich auch niemand vor oder macht es mit Absicht. Das kann man auch nicht lernen.

Raten Sie zum Outing?
Der wichtigste Tipp ist: Sei du selbst! Und mache erst einmal alles, damit du dich mit dir selbst wohlfühlst. Wir unterscheiden ja zwei Outings: einmal das innere Outing und dann noch einmal das Outing gegenüber der Öffentlichkeit. Das eine geht dem anderen im Normalfall voraus. Es gibt immer noch eine viel zu hohe Suizidrate bei Menschen, die merken, dass sie homo- oder transsexuell sind. Viele haben dann ein Problem mit dem Selbstwertgefühl, bekommen Depressionen, verschließen sich komplett, ziehen sich zurück. Wir sagen: „Es gibt gar kein Problem. Du brauchst dich überhaupt nicht schämen, dass du so bist wie du bist.“ Wie sich dann jeder entscheidet, ob er nach außen geht mit dem, wie er sich gefunden hat, ist völlig unterschiedlich. Es gibt kein Patentrezept. Es kommt auf die Persönlichkeit an. Jeder ist anders. Wer zu Hause rausgeworfen wird, kann sich an uns wenden. Wir haben ein Netzwerk von Vereinen und Verbänden, Institutionen. Wir kriegen das zusammen hin. Aber Eltern sind heutzutage viel entspannter und man wird nicht gleich vor die Tür gesetzt.


Erfurter CSD-Programm

21. August
23 Uhr: Eröffnungsparty im Cosmopolar

24. August
20 Uhr: CSD-Kino in der Engelsburg: "Pride" (GB 2014)

25. August
20 Uhr: CSD-Empfang im Thüringer Landtag mit Ausstellungseröffnung

26. August
20 Uhr: "Lesung trifft Konzert" im Café Nerly

28. August
19 Uhr: CSD-Gottesdienst in der Kaufmannkirche

29. August
12 Uhr: CSD-Demo ab Hauptbahnhof
14 Uhr: Straßenfest vor dem Anger 1
23 Uhr: Abschlussparty im Club Palais 13
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13 Kommentare
6
Georg Friedrich aus Gotha | 14.08.2015 | 19:47  
5.081
Joachim Kerst aus Erfurt | 15.08.2015 | 12:51  
8
J W aus Jena | 16.08.2015 | 11:25  
5.081
Joachim Kerst aus Erfurt | 16.08.2015 | 12:11  
1.585
Michael Kleim aus Gera | 16.08.2015 | 14:07  
8
J W aus Jena | 16.08.2015 | 17:45  
5.081
Joachim Kerst aus Erfurt | 19.08.2015 | 09:38  
8
J W aus Jena | 19.08.2015 | 09:48  
5.081
Joachim Kerst aus Erfurt | 20.08.2015 | 09:27  
Emanuel R. Beer aus Gotha | 20.08.2015 | 10:08  
8
J W aus Jena | 20.08.2015 | 10:09  
Emanuel R. Beer aus Gotha | 20.08.2015 | 17:53  
5.081
Joachim Kerst aus Erfurt | 20.08.2015 | 20:25  
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