Ist Hartz IV Empfänger ein Schimpfwort?

Es war letzten Mittwoch. Ich ging gerade meinem Zweitjob, dem Zeitungsaustragen nach, als ich damit ohne Vorwarnung konfrontiert wurde. Und ich war dermaßen schockiert, dass ich erst jetzt darüber schreiben kann.

Wie erwähnt arbeite ich im Nebenjob als Zeitungsausträger, Mittwoch, Samstag und Sonntag. Dabei teile ich mich mit meinem Sohn (14) hinein, der dies als Aufbesse-rung für sein Taschengeld sieht und ich ihm zeigen kann, dass man für gutes Geld arbeiten muss. Ich selber bin Zahntechniker mit Spezialisierung für die Kieferortho-pädie, bin alleinerziehend mit zwei Kindern, arbeite mit 38 Stunden fast Volltags und habe zwei Nebenjobs, welchen ich am Abend nach der Arbeit und Samstag und Sonntag Früh ab 6.30 Uhr nachgehe. Bis vor ½ Jahr habe ich noch ein Fernstudium für den Bereich Bürokommunikation und Informatik gemacht und mit der Note 1,4 beendet. Ich habe immer gearbeitet, auch während der Babypause.

An besagtem Mittwoch war ich kurz vor dem Ende, meiner Zeitungsrunde, als Frau K. wohnhaft in Niedernissa, vor dem Zeckensee, vor ihrem Haus aus dem Auto aus-stieg. Ich ging zu ihr hin und fragte, ob sie die Zeitung gleich nehmen möchte, oder ob ich sie in den Briefkasten stecken soll. Darauf hin Mussterte mich Frau K. und sagte: „Ihre Hartz-IV Zeitung können sie behalten.“ Ich schaute zuerst verwundert und klärte sie dann auf: „Dies ist keine Hartz-IV Zeitung, sondern das wöchentliche Anzeigeblatt.“ Frau K. drehte sich erneut zu mir und mit einem bösen Blick sagte sie: „Ich meine auch nicht die Zeitung, sondern sie, sie Hartz-IV Empfänger!“ Frau K. drehte sich weg und ließ mich vollkommen perplex stehen.
Ich erledigte dann noch den Rest meiner Runde und wieder zu Hause ging mir diese höhnische Bemerkung nicht aus dem Kopf.

Warum werden Hartz IV Empfänger alle über einen Kamm geschoren? Sicherlich gibt es ein paar schwarze Schafe, doch ich weiß aus dem eigenen Bekanntenkreis, dass kaum jemand freiwillig in diesem System mitmacht. Und ich kenne niemanden der gern nur von der sogenannten „Stütze“ lebt.
Das andere was mich an der Aussage von Frau K. so geärgert hat ist, dass es Jobs gibt, welche wahrscheinlich unter ihrer Würde sind. Doch Deutschland ist nun mal auch ein Dienstleistungsland und jede Arbeit muss erledigt werden, sei es nun Tel-lerwäscher, Zeitungsausträger oder Putzfrau, nur um einige zu nennen. Denn ohne uns, oder diese Arbeiter, die gute Arbeit verrichten, würde so manches System nicht funktionieren. Denn Leute wie Frau K. sind die Ersten, die sich beschweren, wenn am Sonntag Früh die kostenlose Zeitung nicht auf dem Tisch liegt, wenn im Super-markt die Regale nicht eingeräumt sind oder die Abfalleimer in der Stadt überquellen.
Daher finde ich es eine Frechheit aus, Dummheit und Ignoranz bestimmte Arbeiten herabzuwürdigen und Menschen, die vom System abhängig sind zu herabzusetzen.



Mit freundlichen Grüßen
Alexandra Hinz
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3 Kommentare
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Alexandra Hinz aus Erfurt | 29.01.2012 | 20:05  
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Gerald Kohl aus Erfurt | 30.01.2012 | 00:30  
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Herbert Rietz aus Erfurt | 30.01.2012 | 20:40  
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