Jazz und er sind eins: Der Schweizer Mario Schneeberger

Mario Schneeberger auf dem Erfurter Wenigemarkt.
 

Er ist Jazz in Person: Der Schweizer Amateurmusiker und Jazzhistoriker Mario Schneeberger ist oft in Thüringen zu Besuch und tritt hier sogar auf.



“Das sind alles Indianer mit Kopfschmuck und Friedenspfeifen, und die machen Musik“. Dieses Bild hatte Mario Schneeberger vor Augen, als er zum ersten Mal Jazz im Radio hörte. „Es war modern. Aber gefallen hat's mir nicht“, gibt er noch Jahrzehnte später zu. Die Augen des 79-Jährigen blitzen, als seien sie jung wie damals. Zum Glück hat sich diese Einstellung zu dieser Art Musik schnell geändert. Mario Schneeberger ist Jazz.


Die Klavierstunden bringt er als 13-Jähriger einigermaßen anständig hinter sich. Irgendwann hört er auf damit, macht lieber im Schulorchester mit, die spielen Jazz. „Ich hatte davon keine Ahnung“, sagt er und ärgert sich, dass er am Klavier nichts von den Witzchen mitbekommt, die die anderen vorn auf der Bühne machen. „Ich muss ein Blasinstrument spielen, nach vorne kommen“, entscheidet sich der Junge fürs Mitlachen. Die Wahl fällt auf uraltes Saxophon. Das Spielen darauf bringt er sich selbst bei, die anderen sagen, er übe wie ein Wahnsinniger. Schon drei Jahre später wird er belohnt, der junge Schweizer erspielt sich bei einem Jazzfestival den dritten Platz. Später wird er als bester Jazzmusiker der Schweiz geehrt, sahnt immer wieder Preise als bester Solist ab.

Geheimnis Improvisation



Sein Geheimnis ist die Improvisation. „Für die Klassik wäre ich nichts gewesen, ich bin ein schlechter Notenleser“, gesteht Schneeberger. Er möchte sie auch gar nicht lesen, lieber lässt er Töne einfach zu ihm kommen. Die eigentliche Improvisation entfernt sich vom vorgegebenen Thema, der Solist erfindet eine Melodie. „Manchmal kommt mir da spontan sogar noch eine andere Melodie in die Quere“, spricht er von einem guten Tag. Und er müsse 'gut in Schuss sein', um spielen zu können, fügt er hinzu, also inspiriert, mit dem richtigen Gefühl, in Spiellaune. Das hat allerdings nichts damit zu tun, dass er in diesem Jahr 80 wird. Das war immer schon so. Musik zu machen ist schließlich Kunst.


Immer wieder klingt es anders, wenn er improvisiert. Ein einziger Song als Grundlage an fünf Tagen - Mario Schneeberger macht fünf unterschiedliche Impros daraus. „Jetzt nehme ich das, was ich spiele, immer mal auf, sonst vergesse ich das alles wieder“, nimmt sich der Amateurmusiker ein wenig selbst auf die Schippe. Dass er seine Leidenschaft nie zum Beruf werden ließ, war ihm wichtig. „Als Berufsmusiker wäre ich verhungert“, gesteht er. Da hätte er jedes Engagement annehmen müssen, um Geld zu verdienen. Seine Spontaneität ist ihm wichtiger. Auch, dass ihm die Menschen zuhören, für die er spielt. Hierzulande hat der Schweizer eine starke Fangemeinschaft versammelt: In Erfurt tritt er in jedem Jahr mehrmals auf, zusammen mit der Nerly Big Band und im kommenden Juni im „Speicher“.

Er braucht keinen Fernseher



“Schuld“ an den vielen Thüringen-Besuchen ist übrigens Schneebergers Frau. Sie stammt aus Erfurt und hat den Schweizer von der Schönheit ihrer einstigen Heimat überzeugt. Rennsteig, Steigerwald, Grundmühle oder ganz viele Kirchen hat Mario längst zu einigen seiner liebsten Ziele erklärt. Zwischendurch arbeitet er wieder an einer Dokumentation, so ganz nebenbei ist Mario Schneeberger auch Jazzhistoriker und hat eine Menge Fakten über die Geschichte des Jazz in der Schweiz zusammengetragen. „Ich bin ein Workaholic“, sagt er über sich selbst. Er braucht keinen Fernseher. Er hat den Jazz.


Hier gibts Mario Schneeberger live: https://www.youtube.com/watch?v=0Iv8DqGRZ8s


Zur Person:


Mario Schneeberger wurde am 9. November 1935 in Basel geboren.


Von 1956 bis 1961 spielte er mit dem Birdlanders Sextett. Zwischen 1961 und 1969 leitete er in Zürich ein eigenes Quartett. Zu Beginn der 1970er spielte er mit seinem Trio Free Jazz, um dann zum Postbop zu gelangen. Daneben hat er bei vielen Bigbands und Combos als Sideman gewirkt.


Seit 2009 ist er regelmäßiger Gastsolist bei der Nerly Big Band in Erfurt.


Schneeberger beschäftigt sich auch mit Jazzgeschichte, hat Teile des Nachlasses von Hans Philippi aufgearbeitet und hält Vorträge.


Er ist studierter Betriebsingenieur, arbeitete bis zur Pensionierung Ende 1999 in der EDV-Softwareentwicklung.


Mario Schneeberger wurde mehrfach ausgezeichnet: Als „absolut bester Solist“ am Zürcher Jazzfestival 1965, „bester Altsaxophonist“ am Zürcher Jazzfestival 1960, 1965, 1967 und 1968 sowie „bester Solist“ am internationalen Jazzfestival in Prerov 1972.
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