Junges Mädchen schreibt im Ersten Weltkrieg Tagebuch: Stefan Wolter veröffentlicht ein Stück Familiengeschichte

Dr. Stefan Wolter

Die Tagebuchzeilen zweier Geschwister, die sie zur Zeit des Ersten Weltkrieges aufschrieben, inspirierten den aus Eisenach stammenden Historiker Dr. Stefan Wolter, das Ganze mit seinen Kommentaren versehen, jetzt als Buch herauszugeben. Für ihn ist das auch ein Stück Familiengeschichte, das Geschwisterpaar gehört zu seinen Vorfahren.

Tuttis rührende Zeilen


Manchmal, gesteht er, bekommt er beim Lesen Gänsehaut. So nah sind die Zeilen. In Sütterlin festgehaltene Gedanken und Gefühle, Träume, schlimme Befürchtungen und Ängste, Sehnsüchte. Aufgeschrieben vor gut 100 Jahren: Zwei Pastorenkinder, die Geschwister Begrich, führen Tagebuch. Die 20-jährige Tutti, die eigentlich Gertrud heißt, schreibt während ihrer Tätigkeit im Lazarett, sorgt sich immer mehr m ihren Bruder Hans, der ins Reserve-Infanterieregiment 224 nach Erfurt berufen wird nd über dessen Schicksal sie lange Zeit nichts erfährt. Auch Bruder Martin wird eingezogen und führt ein Feldtagebuch. Wie anders klingen seine Sätze als jene, die er noch als 13-Jähriger unbekümmert in sein Kindertagebuch schrieb.

Sie alle sind hineingeschlittert in einen Krieg, den sie nicht wollten. Es sind nicht nur die familiären Bande, die Dr. Stefan Wolter dazu brachten, die Erinnerungen seiner Verwandten nun als Buch zu veröffentlichen. Es ist das Thema selbst, das den Leser fesselt, das an den handelnden Personen die Stimmung zur Zeit des Ersten Weltkrieges widerspiegelt.

Das Geschriebene bleibt nicht unkommentiert


Der promovierte Historiker lässt die Zeilen der jungen Protagonisten nicht unkommentiert, ordnet sie ein in das große Ganze. „Das Buch ist nicht nur ein Stück Familiengeschichte“, sagt der ehemalige Eisenacher, der heute in Berlin lebt. Er habe es in den entsprechenden Teil der deutschen Geschichte eingebaut, in dem es so sehr um nationale Einigkeit ging. Er reflektiert über die Gründung des Kaiserreichs, eine gespaltene Nation, verhängnisvolle Verkettungen, viele Widersprüche. Nicht zuletzt über den deutschen religiösen Patriotismus zu jener Zeit.

Kraft gekostet, Energie bekommen


Ein halbes, sehr intensives Jahr Arbeit steckt in Wolters Buch. Zeit, die den Autor Kraft gekostet hat und im Gegenzug neue Energien in ihm freisetzt. Wenn er davon liest, wie Tutti die Hoffnung nicht verliert, dass der geliebte Bruder überlebt, von den Begegnungen der Menschen damals, den Erlebnissen mitten in einer schlimmen Zeit, geht ihm das nahe. Stefan Wolter fühlt sich hineinversetzt. „Natürlich begegnen einem da auch unaufgearbeitete Dinge“, sagt er. Doch das Gefühl, mit Auseinandersetzung und Veröffentlichung vor allem für andere etwas Gutes, Interessantes, Richtiges getan zu haben, überwiegt bei weitem.

Aus der Nähe zu den Personen schöpft er Kraft. Auch, wenn deren Zeilen vor 100 Jahren zu Papier gebracht wurden. Ein Stück Familiengeschichte, das nicht nur für diese Familie spannend ist.


Die mitteldeutsche Theologenfamilie Begrich


Der mitteldeutschen Theologenfamilie Begrich gehören Tutti, ihre Cousins und Cousinen und ihre beiden Brüder an – darunter Martin, dessen Feldtagebuch ebenfalls abgedruckt ist. Er wurde später Großstadtpfarrer von Sao Paulo und Präses der Mittelbrasilianischen Synode. Cousin Gotthilf Siegfried war in den 1970er-Jahren Pfarrer in der Erfurter Andreasgemeinde, seine Schwiegertochter Elfriede später Pröpstin. Die Tochter seines Bruders – Pastor in einem Dorf bei Artern – heiratete den Sohn eines Erfurter Goldschmieds und Juweliers: Pfarrer Jürgen Wolter, Vater des Autors Stefan Wolter.

Das Buch


„Pastorenkinder im Weltkrieg. Eine Lazarett- und ein Feldtagebuch von Tutti und
Martin Begrich 1914 bis 1918“, Projekte-Verlag, ISBN 978-3-95486-455-3
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