Kleine Welt ganz groß im Erfurter Puppenstubenmuseum

 

Steffi Rebettge-Schneider hat aus ihrem Hobby mehr gemacht und betreibt seit kurzem das Erfurter Puppenstubenmuseum.


"Das kenne ich doch!"



Mit dem Schritt über die Schwelle beginnt die Reise in eine andere Zeit. „Oh, guck mal, das habe ich auch gehabt.“ „Das kenne ich doch!“ „Wie damals bei uns zu Hause!“ Faltenumspannte Augen leuchten mit einem Mal, als habe es all die vergangenen Jahrzehnte nicht gegeben, das Lächeln verwandelt sich in ein ungläubig-staunendes Kinderstrahlen, das von einem Ohr zum anderen reicht, und die Stimme muss schnell zur Ordnung gerufen werden, damit sie sich nicht laut juchzend verrät. Steffi Rebettge-Schneider kennt dieses Phänomen. Es betrifft längst nicht nur ältere Damen, weiß sie. „Frauen, Männer, Alte und Junge sind gleichermaßen fasziniert, wenn sie hier reinkommen“, stellt sie immer wieder fest, dass viele andere ihre Leidenschaft teilen.

Begeistert seit der Kindheit



Seit kurzem betreibt sie, die sich hauptberuflich mit Buchführung befasst, das Erfurter Puppenstubenmuseum. „Dabei war ich nie eine Puppenliese“, möchte sie unbedingt festgestellt wissen. Das Spielen mit den Püppchen war nicht ihres, sie hat lieber das Große und Ganze gesehen und leidenschaftlich gern Puppenhausmöbel gerückt und neu arrangiert. Obwohl sie dafür nicht oft Gelegenheit hatte: Das große Puppenhaus mit den verschiedenen Räumen ist zu Hause ein wohlbehüteter Schatz. Die drei Mädchen dürfen nur zu Weihnachten damit spielen, danach wird das gute Stück weggeräumt. Bis zum nächsten Mal. Auch später, als die Schwestern längst erwachsen sind und eigene Kinder haben, rücken die Eltern das Puppenhaus nur selten heraus zum Spielen.

Leidenschaft wieder erwacht



“Das war vollkommen in Ordnung so, wir haben auch das ganze Jahr über nicht an das Haus gedacht“, erinnert sich Steffi Rebettge-Schneider heute. Trotzdem scheint dieses Spielzeug eine große Leidenschaft begründet zu haben: Ein paar Jahre ist es her seit einem gemütlichen Flohmarktbummel. Ein kleiner Kaufladen springt der Erfurterin ins Auge. Den muss sie haben. Beim nächsten Mal dann diesen einen Schrank, später die Puppenstube, die Küche, das eine Regalteilchen... Immer mehr trägt sie zusammen, vieles muss liebevoll restauriert werden, daraus gestaltet sie ganze Puppenstuben.

Aus der Sammlung wird das Museum



Die Wohnung wird bald zu klein für die neue Sammelleidenschaft. Weit mehr als 100 Stuben, Kaufläden und Ähnliches hat sie schon zusammengetragen. Der Ehemann der Puppenstubenliebhaberin sieht lächelnd zu. Schimpft er gar nicht über immer neue Stübchen und Möbelstückchen? „Ich war fassungslos“, sagt Michael Schneider augenzwinkernd und unterstützt die Angetraute nach Kräften. Heute sieht man ihn selbst oft in den Ausstellungsräumen. Nachdem in den vergangenen Jahren ab und zu Teile der Sammlung öffentlich gezeigt wurden, machte Steffi Rebettge-Schneider nun Nägel mit Köpfen und eröffnete am Fischersand ihr kleines Museum. Rund 80 Puppenstuben sind hier zu sehen, alle etwa aus der Zeit zwischen 1890 und 1980.

So viele Geschichten



So oft sie es einrichten kann, ist die Museumschefin selbst vor Ort, rückt hier ein Stück und fügt da ein neues Teil hinzu, steht manchmal einfach nur da und gerät ins Träumen oder lauscht den vielen Geschichten, die ihre Besucher so ganz nebenbei erzählen. „Weißt du noch...?!“ Und das Puppenhaus aus ihrer Kindheit, das gibt es natürlich auch noch. Nachdem es ihre Eltern nach jahrelangen Überredungsversuchen doch herausgerückt haben, hat es nun einen Ehrenplatz im Museum.



Weitere Informationen:


Erfurter Puppenstubenmuseum, Fischersand 9. Geöffnet Dienstag bis Donnerstag 11 bis 17 Uhr, Freitag 11 bis 19 Uhr, Samstag/Sonntag 11 bis 17 Uhr. Infos: www.erfurter-puppenstubenmuseum.de




Zur Geschichte der Puppenstube:


Die Geschichte der Puppenstube beginnt vor etwa 400 Jahren. Als kleine Kunstwerke angefertigt, zeugten sie vom Reichtum und Glanz des Lebens an den Adelshöfen, waren Prestige- und Repräsentationsobjekte. Im 18. Jahrhundert griff das Bürgertum diese Idee wieder auf und ließ ebenfalls verkleinerte Abbilder seiner Häuser und Villen bauen. Erst in der Biedermeierzeit, Anfang des 19. Jahrhunderts, mutierte die Puppenstube vom reinen Repräsentations- und Anschauungsobjekt zum Spielzeug für Kinder. Um die Mädchen der Familien spielerisch auf ihre späteren Aufgaben als Mutter und Hausfrau vorzubereiten, wurden nun Wohnungen wohlhabender Bürgerfamilien detailgetreu nachgebildet. In diese Zeit fällt auch der Beginn der industriellen Produktion von Puppenstuben. Nun hielten sie als „Spielzeug“ Einzug in alle sozialen Schichten der Bevölkerung.

Man begann auch einzelne Räume, vor allem reich ausgestattete Puppenküchen, als Puppenstuben zu fertigen, und der Kaufladen als adäquates Spielzeug für die Jungen kam auf. Puppenstuben dienten nun der kindlichen Früherziehung, der Belehrung. Anhand ihrer wurden spielerisch soziale Rollen trainiert. Oft, von Generation zu Generation weitergegeben und der jeweiligen Zeit entsprechend verändert, können wir heute an ihnen historische und kulturelle Entwicklungen sowie kulturgeschichtliche Veränderungen jener vergangenen bürgerlichen Welt nachvollziehen.

Aber nicht nur die industriell hergestellten und perfekt wie detailreich eingerichteten Puppenstuben geben einen Einblick in das Leben der jeweiligen Zeit, bilden die Welt im Kleinen ab, gerade auch die liebevoll selbst hergestellten Puppenstuben und -häuser sind ein spannendes und einzigartiges kulturgeschichtliches Zeugnis.

(Quelle: Erfurter Puppenstubenmuseum)
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