Lernen auf dem Rummelplatz im Thüringen

Ein Nachmittag auf dem Rummelplatz im Schulwagen: Barbara Kastner-Erlenkämper hilft Maurice, Charles und Aaron, sich auf den nächsten Schultag vorzubereiten und macht mit kleinen Lernspielen der baldigen ABC-Schützin Cecilia Lust auf die Schule.
 
Der Schulwagen auf dem Erfurter Domplatz
So läuft es besser in der Schule: Thüringer Schaustellerkinder bekommen im Schulwagen Hilfe bei Hausaufgaben und Co.


Die kleine Cecilia hat den Kopf tief über das Blatt vor ihr gebeugt. Sie muss genau hingucken, wenn sie herausfinden will, welche Kinder dort doppelt zu sehen sind. Beinahe hört sie gar nicht, wie Barbara Kastner-Erlenkämper etwas zu ihr sagt, so sehr ist sie auf die Aufgabe konzentriert. Doch das Klopfen kann sie nicht überhören, schon gar nicht, wie Maurice, Aaron und Charles zu ihnen in den Wohnwagen stürmen. Jetzt wird es gemütlich hier. Die Jungs packen Hefter und Bücher auf den Tisch. Es ist Zeit, Hausaufgaben zu machen. Und für die nächste Klassenarbeit müssen sie sich auch vorbereiten. Dass rings um sie herum der Rummelplatz mit all seinen Geräuschen tobt, stört sie alle nicht weiter. Das ist Alltag für sie.


Auch Barbara Kastner-Erlenkämper hat sich längst daran gewöhnt. Seit 14 Jahren ist sie Lehrerin im Schausteller-Schulwagen, der immer auf irgendeinem der Thüringer Festplätze steht. Schaustellerkinder, so wie die von Zirkusleuten und Puppenspielern, kommen ziemlich viel herum. Das bedeutet auch, dass die Schulpflichtigen unter ihnen übers Jahr etwa zehn bis fünfzehn verschiedene Schulen besuchen, bevor sie dann in der Winterpause ihrer Heimatschule ein paar Wochen am Stück treu sein können. Fürs Lernen sind das keine idealen Bedingungen, unterschiedliche Schulbücher sowie Art und Tempo der Wissensvermittlung machen es den jungen Reisenden zusätzlich schwer. Um trotzdem dranzubleiben und schließlich einen guten Abschluss zu schaffen, gibt es den Schulwagen.


Barbara Kastner-Erlenkämper ist eine von zwei Lehrerinnen, die den Kindern vom Vorschulalter bis zum Abitur dabei zur Seite stehen. Seit 14 Jahren ist sie dabei und möchte ihre Aufgabe längst nicht mehr missen. Zweimal pro Woche kommt sie her, genau wie ihre Kollegin. Während die andere für Mathematik und Chemie zuständig ist, lehrt sie Deutsch und Englisch. Aber auch in den anderen Fächern kann sie helfen. "Da findet man schnell rein und kennt sich dann auch mit Blutkreislauf und Co. aus", sagt sie lächelnd. Hier, im extra hergerichteten Wohnanhänger, ist Zeit, sich auf jeden der kleinen Besucher einzurichten. Dazu gehört es auch, dass die Lehrerin mit ihren Kollegen in den Schulen der Kinder, vor allem in den Heimatschulen, in engem Kontakt steht, sie sich gemeinsam überlegen, wo Lernbedarf besteht.

Gezielte Förderung


"Wir können hier mit jedem einzelnen Kind arbeiten, es gezielt fördern", sieht die Lehrerin vor allem Vorteile des engen Miteinanders. Dazu gehört es auch, dass sie manchmal streng sein muss. "Oh ja, das ist sie", weiß Christopher Kirchner aus eigener Erfahrung. Heute ist er der Schulwagen-Beauftragte der Thüringer Schausteller, vor Jahren noch war er eines der Schulkinder von Barbara Kastner-Erlenkämper. "Dass ich meinen Realschulabschluss mit Bravour gemeistert habe, das habe ich ihr zu verdanken", ist er noch heute froh über die Möglichkeit, nachmittags Schulstoff nachzuholen, Hausaufgaben zu erledigen, zu lernen. Wie er damals kommen die Kinder freiwillig und vor allem gern in den Wagen. Sie wollen lernen, etwas erreichen im Leben und wissen um die Mühen darum. "Es ist auch sehr angenehm, so nah dran zu sein an den Familien, mit ihnen alles besprechen zu können", gesteht Barbara Kastner-Erlenkamper, dass sie die Rummelplatz-Atmosphäre sehr mag. Auch, wenn dort so manches Mal improvisiert werden muss. Wenn der Schulwagen beispielsweise direkt an der Achterbahn steht und es so laut ist, dass keiner mehr sein eigenes Wort versteht. Oder wenn die Hitze unterträglich ist. "Dann gehen wir auch mal raus, wir sind flexibel", erklärt die Lehrerin. Sie und der Schulwagen sind immer auf dem Festplatz, auf dem die meisten schulpflichtigen Kinder sind. Sind es einmal besonders viele, muss sie einen Zeitplan für den Nachmittag machen, schließlich hat der Schulwagen nicht unendlich viel Platz.

Dass Barbara Kastner-Erlenkämper beinahe genauso viel unterwegs ist wie ihre Kinder - sie unterstützt auch die Kinder von Zirkusleuten und Puppenspielern - stört sie nicht im geringsten. Hat sie kurz in einer 'richtigen' Schule etwas zu besprechen, ist sie heilfroh, wieder draußen zu sein. "So richtig kann ich es mir gar nicht mehr vorstellen, da zu unterrichten", gibt sie zu und genießt es lieber, mittendrin im Rummel zu sein. Im wahrsten Sinne des Wortes.
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