Mein Leben am Limit: Reinhold Messner im Interview

Reinhold Messner ist Bergsteiger, Grenzgänger und Museumsgründer. (Foto: Agentur)
 
Reinhold Messner: Es gibt keine schönere Welt als die, die der Mensch nicht verändert hat. (Foto: Agentur)
Keiner ist so oft an das Limit gegangen wie Reinhold Messner: im Fels, an den Achttausendern und in den Eis- und Sandwüsten dieser Erde. AA-Redakteurin Sibylle Reinhardt sprach mit ihm über die Sehnsucht nach den eigenen Grenzen, Familie und Knödel.

Sie haben Eis- und Sandwüsten durchquert. Warum fasziniert Sie beides?

Der Unterschied ist nicht allzu groß. Das Problem für uns Menschen ist es, ganz auf sich selbst angewiesen zu sein weit draußen, weg von der Sicherheit. Das ist in der ­Wüste Gobi gleich wie in der ­Antarktis. Wenn ich erst einmal 300 Kilometer marschiert bin, kann ich nicht mehr zurück. Es muss alles perfekt klappen, sonst bin ich tot. Dieses völlige Ausgeliefertsein - auch seinen eigenen Ängsten, Hoffnungen und Zweifeln - das ist ein archaisches Dasein wie vor 100.000 Jahren.

Gibt es nach den vielen Reisen und Expeditionen für Sie überhaupt noch reizvolle unbekannte Ziele?

Mitte März bin ich auf den Osterinseln. Da war ich nämlich noch nicht. Mich interessiert, warum diese riesigen Steinfiguren dort stehen. Das kann man sicher nachlesen. Aber ich bin erst dann zufrieden, wenn ich alles selber gesehen, getastet, gerochen habe, um zu verstehen, was dort einst war. Ich glaube, dass diese Figuren für die Menschen auch Orientierungshilfe waren, wenn vielleicht auch nur zum Verlassen der Insel. Aber darüber werde ich mich erst äußern, wenn ich dort war.

Reist Ihre Frau mit?

Ja. Ich bin ein Familienmensch. Das glaubt zwar niemand, aber das ist so. Ich komme aus einer großen Familie. Wir waren neun Kinder. Ich selber habe vier Kinder. Und alle Jahre machen wir eine Familienreise. Um Weihnachten waren wir im Sinai-Berggebiet, kurz bevor in Ägypten die Hölle losging. Auch um zu schauen: Wie war das vielleicht vor 3000 Jahren, als sich die Israeliten dort durchgeschlagen haben.

Obwohl Sie ein Familienmensch sind, brechen Sie doch immer wieder alleine auf.

Weil ich beides brauche. Ich bin sehr gern daheim und sehne mich, wenn ich irgendwo in der Wildnis festsitze, nach meiner Familie. Bin ich aber zu lange zu Hause, sehne ich mich wieder nach ­draußen. Das ist die Schizophrenie des Romantikers.

Spüren Sie das Älterwerden?

Ich bin jetzt 66 und muss erkennen: bestimmte Sachen kann ich nicht mehr. Ich bin langsamer und ungeschickter geworden, bin weniger stark als früher. Ich muss damit leben. Ein Berg, der früher ein Mittagsspaziergang war, ist heute was für einen Tag. In meinem Gobi-Buch schreibe ich über den Prozess des Alterns.

Apropos schreiben, welche Beziehung haben Sie zum Computer?

Keine. Dafür habe ich Mitarbeiter, die die Technik beherrschen. Ich schreibe meine Bücher immer noch mit der Hand. So kann ich überall schreiben: im Flugzeug, im Basislager. Außer vielleicht am Gipfel des Mount Everest, weil es da zu kalt ist.

Der Mount Everest ist einer der 14 Achttausender, die Sie allesamt bezwungen haben. Ihr Mountain-Museums­projekt bezeichnen Sie als Ihren 15. Achttausender.

Ja, es war eine sehr große ­Herausforderung. Vor 15 Jahren habe ich das Projekt entwickelt und Schritt für Schritt an fünf Standorten umgesetzt. Jetzt bin ich fast fertig und es ist stärker geworden, als ich mir das je erträumt habe. Es ist das erfolgreichste Bergmuseum weltweit. Wir haben so viele Reliquien zusammengetragen, die einmalig sind. Gerade habe ich zum Beispiel einen Schlitten bekommen, den der Nordpolfahrer Cagni 1899 benutzte.

Gibt es auch etwas, wofür Sie kein Händchen haben?

Ich bin ein sehr bescheiden ausgestatteter Mensch, habe bei der Geburt vielleicht sehr viel Kreativität mitbekommen, auch sehr viel Energie. Aber ich bin kein Mensch, der leicht fremde Sprachen lernt. Ich kann ein bisschen tibetisch, englisch und italienisch. Das ist alles.
Ich habe mich in meinem Leben wirklich sehr auf die Berge und die Wildnis fokussiert und mit diesen Erfahrungen dann wieder andere Lebensbereiche gefüllt. Das Museum, das ich gestalte, ist ja auch zum Thema Berg. Und wenn ich in Zukunft vielleicht Spielfilme mache, wird es immer beim Thema Wildnis bleiben.

Ihre Naturverbundenheit und die Extremerfahrungen in Berg und Wüste sind es ja schließlich, die die Menschen begeistern. Im Vortrag "Leben am Limit" zeigen Sie aber auch den Gletscherschwund.

In diesem Vortrag erzähle ich Geschichten von alten Kontinenten, die hauptsächlich mit dem Eis zu tun haben - vom Everest-Gipfel zum Beispiel oder von der Antarktis. Aber auch historisch interessante Geschichten. Man versteht, wie sich das Eis verändert, wie sich das Klima verändert. Aber ich sage auch: Wir werden das nicht irgendwie beeinflussen können.
Natürlich hat der Mensch das Klima beeinflusst in den letzten hundert Jahren, aber das kann er nicht von heute auf morgen wieder zurückdrehen. Die Politik kann es sowieso nicht. Da müssten wir eine Weltpolitik haben, aber wir haben nicht einmal eine funktionierende EU.

Was kann der Mensch aus Ihrer Sicht tun?

Wir werden uns anpassen müssen an die Verhältnisse, wie sie kommen. So wie es der Abenteurer tut. Wer nicht fähig ist, sich anzupassen, der überlebt in meiner Sparte keine Woche. Ich kann die Antarktis nicht verändern oder den Berg oder die Wüste Gobi. Die sind einfach da. Die Temperatur, der Wind und das Sonnenlicht sind alle Tage anders, das Gletschereis wandert. Das alles zu wissen, zu sehen und zu spüren, das ist, als ginge man durch die Erdgeschichte.
Durch die Antarktis gehen oder durch die Dolomitenwände klettern heißt: Ich gehe durch ein paar Millionen Jahre Erdgeschichte. Das fasziniert mich heute mindestens so wie das Extremklettern.

Das ist für Sie der perfekte Augenblick?

Es gibt nichts Schöneres, als auf dieser Erde unterwegs zu sein, diese großartige Welt zu erleben und zu merken, wie es möglich ist, dabei zu überleben, wenn man sich anpasst. Aber wer dahingeht und sagt: Ich mache mir die Erde Untertan, siehe Bibel, der zerbricht an diesem Versuch.

Sie unterstützen mit Ihrer Stiftung Bergvölker. Wie sieht das konkret aus?

Im Moment helfe ich in Pakistan. Dort ist von der großen Flutwelle im vergangenen Herbst ein ganzes Dorf mitgerissen worden. Ich unterstütze die Einheimischen beim Wiederaufbau der Hütten. Es wird in diesem Dorf auch erstmals eine Mädchenschule geben.
Das zweite größere Projekt, das wir heuer anfangen, hilft dem Bergvolk Hunza im Karakorum. Dort gab es einen Erdrutsch in der Größe von einer Stadt wie Köln. Da ist so viel Material vom Berg runtergekommen, dass sich der Fluss zu einem See aufstaute - 100 Kilometer lang, 100 Meter tief und etwa 30 Kilometer breit. Häuser wurden zerstört, Felder sind untergegangen. Ich versuche, den Familien eine neue Existenz aufzubauen.

Welche Eigenschaften schätzen andere an Ihnen?

Das weiß ich nicht. Das müssen Sie die anderen fragen. Ich bin ein Mensch, der stark polarisiert. Das weiß ich auch, weil ich ganz klar und laut sage, was ich denke. Weil ich niemandem nach dem Munde reden muss. Mir ist Populismus einfach ein Gräuel. Mir ist diese Gutmenschen-Attitüde auch ein Gräuel. Es gibt ja unendlich viele Gutmenschen, die auf der Welt herumlaufen und wenn man dann hinter die Kulissen sieht, sieht man leider andere Persönlichkeiten als das, was sie wie ein Schild vor sich hertragen.

Gibt es einen Charakterzug, die Sie gern loswerden möchten?

Ich bin vielleicht etwas ungeduldig und auch etwas ungehalten. Es gibt in der alpinen Szene ein paar Schreiber, die wirklich null Ahnung haben, sich das Ganze aus den Fingern saugen und dann so tun, als ob sie die Erkenntnis schlechthin irgendwoher hätten. Da kann ich schon ungehalten werden.

Auf Schloss Juval im Vinschgau, wo Sie im Sommer mit der Familie leben, bietet die Schlosswirtin Knödelkochkurse an. Können Sie Speckknödel kochen?

Nein, leider nicht. Ich kann in der Arktis kochen oder mich im Notfall mit ein paar Gerichten ernähren. Aber ich hatte immer Frauen um mich, die sehr gut gekocht haben – von meiner Mutter bis zu meiner heutigen Frau. So wurde ich ein Leben lang verwöhnt. Ich verdanke 99,9 Prozent meines Erfolges tüchtigen, fleißigen Frauen.

Lassen Sie mich bitte nachhaken: Was kocht man denn in der Arktis?

Eine dicke, fette Suppe. Mit Pemmikan, das ist Dörrfleisch, und mit Kartoffeln oder Nudeln als Basis. Das ist vorgekocht, gefriergetrocknet und wird angereichert mit Olivenöl oder Lardo, italienischem Speck. Wenn Sie das bei 40 Grad minus essen, schmeckt das so gut wie sonst nichts.

Haben Sie ein Lebensmotto?

Ich sage 'Kalipe', wenn ich jemanden am Berg treffe oder auf dem Gipfel die Hände reiche. Das ist tibetisch und heißt übersetzt 'immer ruhigen Fußes'. Also Schrittchen für Schrittchen. Mit kleinen Schritten kann man alles erreichen, was man sich erträumt.

Mehr Informationen http://www.reinhold-messner.de/
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