Mueller googelt Mueller

Anousch Mueller twittert, bloggt und posted, ist süchtig nach dem Internet: "Das Netz gehört zu meinem Leben dazu." Ihr Debütroman "Brandstatt" trifft auf geteilte Kritiken. Beim Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis lautete das harte Urteil der Jury "Unausgereift" und "Einfach gestrickt". Das Resümee, als sie den Literaturpreis der Jürgen-Pronto-Stiftung entgegennehmen konnte, lautete hingegen: "Spannend, genau, sprachmächtig und bewegend."
 
Ihr Blog anousch.net heißt: „Anousch – Ich bin immer hin.“ Damit beschreibt sie selbstironisch einen leichten Erschöpfungsmodus.
 
Anousch Mueller twittert unter twitter.com/Anousch vom Standesamt, von der Geburt, von der Preisverleihung. "Irgendwie habe ich immer einen Tweet im Hinterkopf."
 
Auf Facebook posted Anousch Mueller ihre Favoriten.
 
Brandstatt heißt der Debütroman von Anousch Mueller. Die Geschichte: Annie Veit, die in einem thüringischen Dorf aufwächst, spioniert ihrer schönen, extravaganten Mutter nach und verliebt sich in den gleichen älteren Mann, den auch die Mutter begehrt.

Ein Leben ohne Netz? Für Anousch Mueller bislang kaum vorstellbar. Seit vielen Jahren twittert, bloggt und posted sie. Doch jetzt ist die gebürtige ­Erfurterin erstmals in einen Beinahe-Shitstorm geraten. ­Auslöser ist ihr Debüt-Roman „Brandstatt“, der in einem ­fiktiven ­Thüringer Örtchen spielt. Was Google über ihr Leben verrät – im Interview mit ­AA-Redakteur ­Michael ­ ­Steinfeld geht die Autorin online. "Die Verknappung ist eine Form, im Netz zu überleben. Denn: Wer soll das alles lesen?", fragt die Twitter-Titanin mit ihrer 140-Zeichen-Poesie. Wir versuchen es trotzdem.


Sie bloggen und twittern und sind überhaupt im Netz sehr präsent. Googeln Sie sich selbst?
Jaja, klar. Man muss ja wissen, was so los ist und was die Feinde und Wohlgesonnenen so über mich schreiben.


Ist Anousch Mueller ein Künstlername?
Mein echter Name ist Anja. Aber Anousch ist immer schon mein Spitzname gewesen. Und als ich vor vielen, vielen Jahren angefangen habe, mich im Internet zu bewegen, habe ich den Namen Anousch als Pseudonym benutzt. Da ich eine kleine Popularität unter diesem Namen aufgebaut hatte, bin ich auch dabei geblieben. Meine Familie, meine Freunde und mein Mann nennen mich auch so. Inzwischen ist Anousch eigentlich kein Pseudonym mehr, sondern mein Name. Ich werde ihn mir auch auf meinen Ausweis drucken lassen.


Sie haben gar keinen Wikipedia-Eintrag.
Ich werde gucken, dass ich da auch mal präsent bin, weil es ja auch ein paar Texte bei Wikipedia gibt, in denen mein Name auftaucht. Da kann ich ja mal verlinken und mich darum kümmern oder jemanden damit beauftragen.


Ihr Blog heißt: „Anousch – Ich bin immer hin.“ Damit ist weder ihr Unternehmungsdrang gemeint, noch dass Sie auf jeder Hochzeit tanzen oder ein extremes Pflichtbewusstsein besitzen, oder?
Es ist eher so ein leichter Erschöpfungsmodus damit gemeint. Aber da drin steckt ein bisschen Selbstironie.


Wer bloggt, gibt viel von sich preis. Wo liegt Ihre Grenze? Was ist für Sie Privatleben?
Ich habe in den letzten zwei Jahren nicht mehr so viel gebloggt, weil ich das Buch zu schreiben hatte und auch Mutter geworden bin und da war gar keine Zeit. Ich habe auch viel Zeit für Twitter und auf Facebook investiert und in den ganzen Dialog und die Kommunikation mit anderen. Aber das hat sich jetzt auch erschöpft. Deswegen möchte ich wieder mehr bloggen, habe auch einiges in der Pipeline.

Ich schwanke da selber. Eigentlich habe ich Lust darauf, mehr zu offenbaren. Ob das mit Voyeurismus zu tun hat, ich weiß es nicht. Kann ich selbst nicht so genau beantworten. Andererseits schreibe ich manchmal Blogtexte und schicke sie dann doch nicht ab, weil ich auch seit diesem Jahr und dem Buch und dem Bachmann-Wettbewerb weiß, dass ich mich auch selbst schützen will. Man macht sich schon sehr verwundbar und angreifbar. Deswegen habe ich einige Texte geschrieben, bei denen ich zögere, ob ich nicht zu viel preisgebe und zu viele Karten ausspiele. Im letzten Jahr habe ich bemerkt, dass ich nicht nur Gönner und Freunde im Internet habe, sondern auch Gegner. Da stecke ich gerade in der Situation, dass ich das überdenke und hinterfrage.

Das Netz gehört zu meinem Leben dazu. Ich habe es hinterfragt und Tendenzen, mich zurückziehen zu wollen. Aber letzten Endes ist die Anziehung zu stark und die Vernetzung, die Verbundenheit mit so vielen Leuten, dass es fast nicht mehr möglich ist. Da fehlt dann ganz, ganz viel.


Haben Sie zum ersten Mal negative Erfahrungen mit dem Netz gemacht? Sind Sie nie das Opfer eines Shitstorms geworden?
Ne. Ich habe nie Anlass zu ganz großen Provokationen gegeben. Ich war anfangs beim Bloggen in einer sehr kleinen, überschaubaren, eher freundschaftlichen Atmosphäre unterwegs. Das war sehr familiär. Über Twitter habe ich erstmals Erfahrungen mit den negativen Seiten gemacht. Aber ich bin persönlich selten angegriffen worden. Ich habe es nur bei anderen miterlebt.

Im letzten Jahr habe ich zu spüren bekommen, dass einem Erfolg nicht jeder gönnt. Es war kein Shitstorm, aber böse Kommentare. Ich provoziere ja nicht wild herum. Aber eine Erfahrung, die ich nicht alleine gemacht habe: Wenn man mit seiner Popularität - oder sagen wir lieber Präsenz - einen gewissen Punkt überschritten hat, lassen Neider ganz ungefiltert ihren Frust und ihre Meinung vom Stapel. Diese Erfahrung muss ich erst einmal verarbeiten und damit klarkommen.

Mir ist nichts grausam Schlimmes passiert, da haben andere Schlimmeres erleben müssen. Aber es war ein Punkt erreicht, an dem es umgeschlagen ist. An dem sich das Sich-aufgehoben-fühlen in dieser Netzfamilie sehr schal angefühlt hat. Mitunter haben mich Leute fallen gelassen, mit denen ich mich eigentlich verbunden gefühlt habe. Aber das sind keine Erfahrungen, die ich exklusiv habe, das erleben einige Leute. Gerade, wenn sie noch einen Schritt mehr hinaus gemacht haben in die Öffentlichkeit mit einer Publikation oder dergleichen. Bei mir hat sich alles im Digitalen abgespielt. Ob es ein paar gehässige Blogeinträge waren oder eben Tweets. Bei einer Lesung ist die Atmosphäre eigentlich immer ganz gut.


Sie haben beim Bachmann-Preis harte Jury-Kritik einstecken müssen. Ihr Text sei unausgereift, es fehle die Kernaussage.
Die Jury hat mich leider hingerichtet. Ich habe sicherlich Unterstützung bekommen und Fürsprecher im Internet gehabt, aber es gab dann irgendwie so einen Moment, in dem das Wohlwollen umgeschlagen ist in eine Grabesstille. Vorher waren alle begeistert und haben mich unterstützt. Als es dann negativ für mich gelaufen ist, war dann irgendwie nur noch eine sehr geringe Solidarität da. Das ist das Pech des Verlierers. "The Winner Takes It All" und der Rest bleibt liegen – auch im Internet. Vielleicht war mein Anhang auch überfordert.


Beim Juryurteil zum Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis war von Ihrer Enttäuschung zu lesen (auf Junge Verlagsmenschen.de). Zuletzt haben Sie mit Wut reagiert und mutmaßten, dass Ihre Kritiker "wohl auf leichenstarre Literaturinstituts-Prosa" abfahren. Machen Sie bestimmte Phasen durch?
Es gibt so Trauerphasen. Die Psychologin Elisabeth Kübler-Ross hat über Trauer nach Todesfällen geschrieben. Ich will das nicht vergleichen, aber ich habe tatsächlich diese Phasen durchgemacht. Zuerst Wut und Verzweiflung und ein Nicht-annehmen-können. Dann kommt die reflexive Phase. Ich habe eine emotionale Achterbahn durchgemacht.

Wenn man liest, dass einem die Enttäuschung angesehen wurde... Wie soll man auch sonst reagieren? Einem Sportler, der beim Wettkampf eine Niederlage erleidet, merkt man das ja auch an. Es ist eine richtige Schocksituation, weil mir anderes prophezeit wurde. Natürlich nicht den Sieg, aber einen positiveren Ausgang des Ganzen. Dann steht man da und muss es mehr oder weniger alleine mit sich ausmachen. Es herrschte eine große Ratlosigkeit bei meiner Entourage aus dem Verlag und der Agentur. Die haben zwar sehr viele Erklärungen dafür angeboten, aber es ist sehr theoretisch und kittet dann auch nichts mehr.


Es gibt auch positive Kritik. Und Sie haben den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung gewonnen. Danach schrieben Sie: „Es scheint, als habe ich den Preis genau dafür erhalten, wofür mir andernorts ins Rückgrat getreten wird.“ Am Ende also doch Genugtuung?
Als ich den Anruf bekommen habe, war gleich ganz viel weggeblasen vom Trübsal und von der Enttäuschung. Es war eine Genugtuung und ganz wichtig für mich. Sonst wäre das Buch eine reine Enttäuschung gewesen. So wurde es stark aufgewertet. Letztlich bin ich aber auch jemand, den das immer wieder einholt. Ich knabbere da immer noch dran. Also so ganz lässt es mich nicht los.

Trotz allem verursacht so ein Preis und die Laudation insofern Schmerzen, dass man dann denkt: Ja, es gibt auch diese Sicht und diese Meinung und diese Kritiken. Ihnen ist aber zu wenig Raum verschafft worden. Man vergleicht sich auch immer mit anderen Debüts des Jahres und denkt: Dort gab es viel mehr Aufmerksamkeit.


Ist Ihnen Kritik aus Thüringen besonders wichtig, weil das Buch hier spielt oder weil sie hierher kommen?
Junge Nachwuchsautoren gibt es in Erfurt nun nicht gerade viele. Blöderweise steht im Buch nicht, dass ich aus Erfurt stamme. Auf dem Klappentext hätte stehen können: Geboren in Erfurt, weil ich da auch ein bisschen stolz drauf bin und ich Erfurt ganz toll finde.


Sie sind 1979 in Erfurt geboren, wohnen mittlerweile in Berlin. In Ihrer Biofiktion Ihres Blogs erinnern Sie sich an eine schreckliche Schulzeit und diverse Traumen. Sind Sie aus Erfurt geflüchtet?
Das hat mit Erfurt nichts zu tun. Da kann die Stadt ja nichts dafür. Ein paar Mal im Jahr komme ich nach Hause. Es leben noch einige Freunde da. Ich würde auch gerne öfter kommen. Es ist immer schwierig, das zu organisieren mit dem Kind. Grundsätzlich bin ich gerne in Erfurt – mit den Jahren sogar lieber. Als junger Mensch habe ich den typischen Abnabelungsprozess gehabt und der Stadt tatsächlich den Rücken gekehrt und bin nach Berlin gezogen. Letztes Jahr war ich über Weihnachten für zwei Wochen in Erfurt und habe ganz viele Spaziergänge gemacht und fotografiert und war total begeistert.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie schön die Stadt ist. Damals haben wir noch im Berliner Wedding gewohnt und man kam hier nach Berlin zurück und es ist so schrecklich hässlich, dreckig. Jetzt wohnen wir in Pankow, das ist schon eine große Aufwertung. Aber ich erwähne gerne, dass ich aus Erfurt komme und bin da fast ein wenig patriotisch. Das kommt vielleicht nicht so rüber. Vielleicht sollte ich mal was über die Stadt schreiben. Dadurch, dass ich in Erfurt geboren und aufgewachsen bin, bin ich auch sehr unduldsam sehr hässlichen Städten gegenüber. Man ist dann so verwöhnt. Auch vom Dom. Alle schwärmen immer vom Kölner Dom. Der Erfurter Dom ist mit weitem Abstand der schönste überhaupt. Das ganze Stadtensemble. Ich komme gerne nach Hause.


Wie kommen Ihre Tweets zustande? Sprudeln Sie aus Ihnen heraus? Haben Sie einen besseren Blick auf den Alltag als wir?
Es schleichen sich Prozesse ein, die sicher neurologisch wirksam werden, wenn man das über Jahre hinweg macht. Dass man tatsächlich in Tweets denkt. Ich bin in irgendwelchen Lebenssituationen, Standesamt, Geburt, Preisverleihung, und irgendwie habe ich immer einen Tweet im Hinterkopf, zumindest ein Vorgefühl für einen Tweet. Ich versuche schon einmal, etwas zu formulieren. Nicht immer gelingt das. Manchmal verweigere ich das auch total, will mich davon auch nicht behelligen lassen von diesem Tweetzwang. Manchmal drängt sich das aber auch direkt auf.

Aber es ist nicht so, dass es aus mir heraussprudelt. Sogar das Gegenteil ist der Fall: Der Tweet ist wohl überlegt. Manchmal beschäftigt mich auch ein Thema eine längere Zeit. Und natürlich gibt es auch immer wieder den Spontaneinfall in der U-Bahn, beim Spazieren oder zu Hause. Dann twittere ich sofort. Aber bei manchen ist es ein permanenter Flow, das ist bei mir selten der Fall.

Demnächst erscheint im Frohmann-Verlag ein E-Book mit Werkstattberichten einiger Twitterer - darunter bin auch ich.


Sie wissen aber, wie Sie es kanalisieren wollen: ob Sie bloggen, twittern oder die Idee vielleicht fürs Buch verwenden können?
Ich überlege tatsächlich, ob ich das verschenke, wenn ich einen guten Einfall habe. Dann notiere ich mir das und überlege, ob ich das gezielter einsetze. Die Verknappung ist eine Form, im Netz zu überleben. Denn: Wer soll das alles lesen? Letztendlich muss man, wenn man Präsenz erhalten will, auch eine kürzere Form finden. Für den Blog hat es etwas Monumentaleres, das erst einmal da steht. Der Tweet rauscht ja durch, ist weg. Ein Blogbeitrag fügt sich ins Lebensarchiv besser ein. Das ist dann eine schöne Erinnerungsstütze.


Wie kommen Sie denn überhaupt zum Schreiben? Sie haben doch studiert und wollten sogar in die Landwirtschaft.
Meine Laufbahn hat eine gewisse Konsequenz. Ich war nie so vom Ehrgeiz gepackt und hatte kein konkretes Ziel. Ich hatte auch nie ein Berufsbild. Ich habe mich mehr immer treiben lassen. Es war klar, dass es immer was mit Schreiben zu tun haben würde. Ich hatte von später Kindheit, früher Jugend an den Wunsch, ein Buch, einen Roman, zu schreiben. Insofern gibt es da schon einen roten Faden, was sich aber nie in einen Broterwerb niedergeschlagen hat. Das ist mir ganz schwer gefallen, das miteinander zu verbinden.

Nach dem Studium 2007 kam dann schon die große Frage, was macht man mit Literaturwissenschaften und jüdische Studien? Alles oder nichts. Wenn man sehr ehrgeizig ist und engagiert und selbstbewusst, dann findet man da sicher auch irgendwas. Aber für mich war das auch eine große Krisenzeit persönlich und gesundheitlich. Davon ist auch ein bisschen was ins Buch eingeflossen. Da bin ich da eher ein bisschen hilf- und haltlos hin- und hergeschlingert zwischen prekären Arbeitsbedingungen, Praktika und Freiberuflichkeit, aber das hat sich nie in einen festen Job kristallisiert. Dann habe ich nebenbei das Buch geschrieben.

Als ich gar nicht mehr weiterwusste, da dachte ich dann schon: Jetzt muss ich etwas Handfestes machen. Ich wäre gerne in die Landwirtschaft gegangen, aber wahrscheinlich nur aus so einem romantischen Gedanken heraus. Natürlich war mir klar, dass ich keine Bäuerin werde in diesem Leben.

Dann habe ich eine Heilpraktikerausbildung angefangen, weil ich immer schon ein Interesse an Medizin hatte. Ich dachte, da hat man viele Möglichkeiten, therapeutisch zu arbeiten mit Kindern oder Schwangeren. Ich bin aber – da lege ich großen Wert drauf – null esoterisch. Ich spreche mich überall gegen Homöopathie aus.

Dann habe ich diese Ausbildung auch abgeschlossen, aber nicht die amtsärztliche Prüfung. Da kam dann die Geburt des Kindes dazwischen. Ich habe das noch in der Rückhand, geburtsvorbereitende Entspannungstherapie könnte ich mir auch gut vorstellen. Nicht so versponnen esoterisch, da habe ich auch keinen Zugang,

Das ist bisher mein Lebenslauf, meine Karriere. Ich habe keinen Vater mehr. Meine Mutter hat immer darunter gelitten, weil mein Lebenswandel negative Konsequenzen mit sich gebracht hat. Alles immer heikel und psychisch und emotional eine Riesenbelastung. Sie hat mich trotzdem immer unterstützt, gerade was den Roman angeht. Auch als ich dachte, ich kriege das nie mehr fertig und habe da gar nicht die Nerven dazu, hat sie mir immer geraten, dass ich das unbedingt zu Ende bringen muss. Und sie ist sehr stolz.

Der Erfolg, in einem großen Verlag zu veröffentlichen, gibt ihr auch Recht, dass sie mich immer unterstützt hat. Deswegen wollte ich auch unbedingt, dass sie zur Preisverleihung der Jürgen-Pronto-Stiftung mitkommt. Ich habe ihr den Preis gewidmet. Es war ein sehr schöner Abend und das Ende eines langen Weges, den wir teilweise auch gemeinsam beschritten haben.


Das Jahr 2012 lief für Sie perfekt: Kind bekommen, Mann geheiratet, Buch vollendet. 2013 war schwieriger.
Ich finde es gut, dass ich alles abgeschlossen habe und loslassen kann. Ich habe die Möglichkeit, durchzuatmen, der Druck und die Enttäuschung fallen ab. Dann wird der Blick für Neues geöffnet, wo es langgeht. Es gibt ja ein paar Möglichkeiten. Natürlich hat man Hoffnungen und Erwartungen, wenn man sein Debüt bei einem renommierten Verlag veröffentlicht. Da hat sich so viel aufgebaut. Die Leute haben ja auch so viele Erwartungen an einen. Zumindest fühlt sich das so an. Man muss so vielen gerecht werden.

Ich bin ja auch viel rumgereist trotz des Babys. Es ist nicht leicht, das Kind zurückzulassen, weil ich auch so eine Glucke bin. Es war eine Herausforderung, das Kind alleine beim Vater zu lassen. Für andere ist das kein Thema. Aber da ich so eine Krankheitsgeschichte habe, waren das auch wieder Schritte ins Leben und die Selbstständigkeit. Der Bachmannpreis hatte eine reinigende Wirkung, dass ich dachte: Naja, so schlimm kann es ja nie wieder werden. Bei den letzten Lesungen war ich dann auch gar nicht mehr aufgeregt und habe es sogar genießen können.


Sie sind jetzt 34 Jahre alt, scheinen aber schon eine alte Seele zu haben. Lernt man aus negativen Erlebnissen mehr als aus positiven?
Ich bin nicht so weit, zu sagen „Jetzt erst recht“ und alles umzukrempeln. Weil das Gefühl da ist, dass es mich zurückgeworfen hat in vielerlei Hinsicht. Aber natürlich muss ich mich dafür entscheiden, das anzunehmen und mit Abstand als Ansporn zu nehmen. Natürlich wäre es einfacher gewesen, vielleicht einen Nebenpreis zu gewinnen. Aber vielleicht hätten sich daran zu viele Erwartungen angeschlossen. Vielleicht hätte sich die Enttäuschung nur verzögert. Viele Künstler machen die Erfahrung, dass man wahnsinnig kämpfen muss. Man bekommt nichts auf dem goldenen Tablett präsentiert. Es ist ein großer Durchsetzungskampf. Selbst die erfolgreichsten Leute müssen sehen, wo sie bleiben.

Am Ende sitzt man wieder allein am Schreibtisch und muss gucken, ob man weitermachen will oder in eine ganz andere Richtung geht. Weil das schon sehr an einem zehrt. Diese Anforderungen und die Ansprüche an sich selbst füllen einen aus im Laufe der Zeit.


Sie beschreiben ironisch, wie Sie Ihr Sohn ein wenig von der "Weltkarriere" abhält: „Vor allem das Ankleiden ist zeitraubend. Irgendwann nach acht wird das Kind im Bett liegen und schlafen. Jetzt hätte ich Zeit, meine Karriere voranzutreiben. Aber vorher noch kochen und Abendessen.“
Wobei ich gerade wieder dabei bin, mich von meiner Mutterrolle zu emanzipieren. Ich habe ihn fast ein Jahr lang nicht aus den Augen gelassen, niemandem die Verantwortung übertragen. Ich habe alles mit dem Sohn gemacht. Ich habe angefangen, mich zu lösen. Er ist im Kindergarten. Ich bin dabei, das aufzuteilen: Denn Alltag mit Kind und Familie ist auch eine ganz große Rettung. Gerade wenn man einen künstlerischen Beruf hat. Die Absturzgefahr wäre sonst sehr groß, wenn man immer Selbstzweifel hat. Die alltäglichen Herausforderungen richten immer auf und machen vieles wett. Ich würde das auch nie aufgeben und der Schriftstellerei alles opfern. In der Zeit, die ich für mich habe, konzentriere ich mich auf meine Sachen. Ich will nicht von einem Parallelleben sprechen, aber es hat Aspekte davon. Es hat mit Freiheit zu tun, sich aus dieser Mutterrolle herauszulösen.

Diese symbiotische Beziehung zum Kind ist zu Beginn sehr wichtig, aber letzten Endes kann man sein Lebensglück nicht dem Kind aufbürden. Man muss selbst für sein Glück sorgen, für seine Zufriedenheit, Erfüllung. Ich hoffe, dass es Motivation für ein zweites Buch gibt, das ich aus lauter Trotz zuerst nicht schreiben wollte, weil die Welt ja nicht darauf wartet. Aber das geht ja allen Autoren so. Mittlerweile habe ich tatsächlich mein zweites Buch begonnen.


Sie haben Ihren Mann über Twitter kennengelernt. Er hat nichts dagegen, dass Sie Ihr Smartphone zum Standesamt und in den Kreißsaal mitgenommen haben. Wächst Ihr Kind in eine digitale Welt und Familie?
Das sieht von außen so aus, aber der Alltag entwickelt sich ganz normal. Mein Mann ist Informatiker und Programmierer, daher ist der Laptop etwas, das den Kleinen immer umgibt. Er klappt ihn selbstbewusst auf und wischt mit seinen kleinen Fingern übers iPhone und kann es schon entsperren. Es ist die Realität, in der ich lebe. Freunde und Bekannte handhaben das auch so. Ich sehe das nicht als so außergewöhnlich oder gefährlich an. Wenn ich mit meinem Kind auf die Straße gehe, sehen es ja jeden Tag auch Hundert Menschen. Man ist ja immer öffentlich. Wenn was vorfallen sollte, wenn jemand das für andere Zwecke missbraucht, tritt man zurück von der Öffentlichkeit. Aber im Alltag ist das Internet nicht so böse, wie es dargestellt wird. Ich bin ja nicht prominent genug. Da müsste ich ja schon einen Weltbestseller schreiben.

Ich fühle mich in der digitalen Provinz beheimatet. Es ist Gott sei Dank nicht so, dass sich die Welt um mich dreht. Und das gibt mir die Freiheit, öffentlich umzugehen mit meinem Familienleben. Das ist meine Form, mit meiner Umwelt zu kommunizieren. Es ist ein Tauschgeschäft. Man nimmt die Erfahrungen der anderen und gibt die eigenen Erfahrungen her.


Das heißt, Ihre Follower sind für Sie keine Fremden mehr?
Es habe vor Jahren an vielen Twittertreffen teilgenommen. Das hat sich gelegt. Gerade in Berlin kannte man seine Pappenheimer. Einige kennt man persönlich, ist hinter den Kulissen vernetzt und schreibt sich E-Mails oder chattet. Gerade Mütterlichkeit ist im Internet ein Thema für sich. Einige hat man noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen, kennt aber Fotos und glaubt, die Leute auch tatsächlich zu kennen. Das Schreiben ist ja wie ein Fingerabdruck. Man hat zwar mal das Bedürfnis, sich im „Real Life“ zu begegnen und es passiert ja auch hin und wieder. Aber durch die Vernetzung erfüllt sich ein Teil der sozialen Bedürfnisse.


Und Ihr Mann tickt da gleich?
Er twittert ja nicht mehr so viel. Im Gegensatz zu mir hat er einen richtigen Broterwerb, dem er nachgehen muss. Vielleicht ist auch sein Feuer erloschen, sich mitzuteilen. Aber er versteht mich. Er macht das schon so lange, als andere noch nicht wussten, dass es das Internet gibt. Er ist ein Native, ein Originaler, der von Kindheit an programmiert. Vielleicht ist deshalb das Internet für ihn nicht mehr so reizvoll, weil es viel Klatsch und Tratsch bietet, viel Schulhofatmosphäre. Für ihn ist die Technik interessanter. Als zurückgezogener Mensch liegt ihm dieser Voyeurismus nicht. Andere tragen ihre Beziehungen und Ehen im Internet aus. Das tun wir nicht. Wir halten es immer im Hintergrund.


Sie schreiben: „Mein erster Roman trägt biofiktiografische Züge.“ Wenn man biofiktiografisch googelt, findet man jetzt immer Sie. Nach Ihrem Studium folgte ein Aufenthalt in der Nervenklinik. Eine Klinik kommt auch im Buch vor.
Das Debüt ist bei vielen Autoren besonders biografisch, so als müsse man sich erst freischreiben. Es taucht ein fiktives Dorf auf, das an das Dorf meiner Kindheit erinnert. Meine Oma lebte dort und ich verbrachte dort einen Großteil meiner Ferien und Kindheit. Die Geschehnisse sind absolut erfunden. Das wäre sonst krass, auch wenn verschwundene Menschen, Morde und dergleichen zwar vorkommen. Der Klinikaufenthalt ist tatsächlich biografisch. Ich wüsste auch gar nicht, wie man sich das ausdenken sollte. Man muss es erfahren haben oder jemand anderem die Erfahrung klauen. Ansonsten ist es mehr Fiktion, als es scheint.

Es ist ein Problem, weil ich immer wieder darauf angesprochen werde. Es macht mir auch immer zu schaffen, weil die Mutterbeziehung im Roman negativ ist. Aber es ist Literatur. Eine funktionierende Mutterbeziehung taugt ja kaum für einen Roman. Das finde ich nicht interessant. Und Familie ist literarisch mein Thema, könnte ich mir vorstellen. Aber da bin ich auch wahrlich nicht die erste. Es ist sicherlich einiges eingeflossen, aber es hat sich keine Situation so 1:1 abgespielt. Ich habe abstrahiert und das hat mir auch mehr Spaß gemacht. Ich schreibe auch nicht Tagebuch, weil ich nicht wiederholen möchte. Das langweilt mich. Der literarische Prozess, das Umformen, ist für mich reizvoller als aufzuschreiben, wie es gewesen ist. Das wäre für mich eher zäh. Ich möchte nicht zu viel offenbaren. Das kann ein Geheimnis bleiben – oder der Imagination des Lesers überlassen.


Half Ihr Literaturstudium dabei, das Buch zu schreiben?
Ne. Ich habe mir auch keine Unterstützung geholt. Meine Agentin war die erste, die es zu lesen bekam.


Hatten Sie die Geschichte im Kopf?
Sie hat sich ergeben. Es musste ein Thema sein, das mich wirklich packt. Ich wollte keinen Befindlichkeitsroman schreiben, zum Beispiel über das Studentenleben einer 20-Jährigen in Berlin mit Partys und Sex. Das hat nichts hergegeben. Es muss einen Überbau haben. Es fließen zwar Erfahrungen aus dem Studium ein. Ich wollte Unterhaltung bieten, nichts Kryptisches oder Kompliziertes, das intellektuell rüberkommt. Es sollte lesbar sein. Dann dachte ich, ich lasse mal ein Mädchen verschwinden und gucke, was weiterpassiert. Das war für mich auch spannend. Ich hatte keinen Plot. Ich wusste nicht, was passiert. Es sollte sich entwickeln. Ich hatte kein Drehbuch und kein Ende. Ich habe immer weitergeschrieben und immer wieder etwas umgestellt. Es war ein sehr langer Prozess. Ich musste das Buch dann zu Ende bringen und habe mich antreiben lassen von meiner eigenen Fiktion. Sich immer wieder etwas einfallen zu lassen, ist sehr anstrengend. Um es halbwegs plausibel werden zu lassen, muss man sehen, wie man alles zusammenhält. Das ist sehr viel Arbeit und wenig Inspiration. Es heißt: Immer weitermachen.


Also nicht das romantische Bild vom Schriftsteller, der nachts beim Schreiben von der Muse geküsst wird?
Es war ganz am Anfang so, als ich die ersten Seiten geschrieben habe. Da waren es die nächtlichen Momente. Später habe ich mich hingesetzt, wenn das Kind Mittagsschlaf gemacht hat. Wenn es abends im Bett war, habe ich weitergemacht. Das war nicht besonders glamourös.
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