Rehabilitation

Das neue Jahr begann für mich mit einem Paukenschlag. Der Notarzt fand, mein Herz war aus dem Gefüge geraten. Ich kam sofort ins Krankenhaus und in den nächsten zwei Stunden erfolgte eine Herzkathederuntersuchung, mit deren Hilfe mir ein Stent gesetzt wurde. Im Anschluss daran erhielt ich eine Reha.
Das Klinikum lag in einer kleinen Stadt, die jetzt ein Ortsteil der Stadt ist, in der die „schönste Frau“ des Mittelalters lebte und heute in Stein gehauen vielfach bewundert werden kann. Im Jahr 1996 wurde dieses Klinikum für einen normalen Kurbetrieb errichtet, den es dann allerdings aus Kostengründen bald nicht mehr gab. Heute sind hier hauptsächlich ältere Leute zu Gast. Eine ausgesprochene liebe Geste war der Marienkäfer, den alle auf ihrem Kopfkissen vorfanden. Für Rollstuhlfahrer wie mich waren die Räumlichkeiten zu eng; die Mininasszelle, das alte Krankenhausbett, das sich nicht verstellen lies u.a. Nun werden einige Trakte des Hauses baulich verändert.
Dem Personal, das guten Willens war, angefangen von der Ärzteschaft bis hin zu den Leiharbeitskräften der Firma Ranstatt (Schwester Vanessa) und den Raumpflegerinnen, spreche ich hier ausdrücklich meinen Dank aus. Den weniger netten Teil der Pflegschaft verschweige ich hier aus Höflichkeit. Aber ein Ereignis hat mir schon zu schaffen gemacht. In der ersten Reha-Woche hatte der Nachtdienst, aus welchen Gründen auch immer, den Notruf aus der Wand gezogen, so dass ich keine Hilfe herbeirufen konnte. Sehr selbstbewusste Schwestern haben eventueller Kritik vorgebaut, in dem sie deutlich genug sagten, sie seien unfehlbar und wollen da nichts anderes hören. Andererseits muss man natürlich gerechterweise sagen, dass auch Patienten nicht immer einfach sind.
Erfreulicherweise gibt es viele junge Leute, sei es als FSJ-ler (Freiwilliges soziales Jahr), Bufdis (Bundesfreiwilligendienst) oder Praktikanten in der Reha im Einsatz. Mit ihren orangenen T-Shirts sind alle gut zu erkennen. Dieses Personal wird vor allem für die Schiebelisten gebraucht. Das heißt, die Patienten werden in ihren Rollstühlen vom Zimmer zum Essen oder zur Behandlung hin und zurück geschoben, unabhängig davon, ob sie es selbstständig tun könnten oder nicht. Ich wurde mit schöner Regelmäßigkeit bedrängt, mich doch schieben zu lassen. Der springende Punkt dabei ist, dass wohl selten jemand zu Hause ständig geschoben werden kann. Also ist die nächste Stufe ein Pflegeheim. Diese Förderung von Hilflosigkeit tat mir in der Seele weh, denn es gibt Rollstuhltraining und andere Übungen, um auch ältere Bürger wieder selbstständig zu machen.
Bekanntlich gibt es dort, wo Schatten ist, auch Licht. Das leuchtete in meinem Fall vor allem im Kreativ-Bereich. Freizeittherapeutin Silke Kräske hat bei mir viele Ideen geweckt und ich habe für mich und die Familie einiges gestaltet, vor allem Plüschtiere gestopft, einen Delphin, einen Frosch, ein Pferd. Aus Ton eine Eule geformt, Wand – und Seidentücher gemalt.

Ich hätte gern diesen interessanten historischen Kulturraum persönlich kennengelernt. Leider waren die Touristik-Busse für Rollis nicht geeignet. Mein Anliegen muss ich auf den Sommer verschieben, wenn ich gemeinsam mit meinem Mann noch mal in diese Region reisen werde.

In der dritten Kurwoche schien dann für mich so richtig die Sonne. Die beiden Burschen Holger und Matthias haben sofort mein Herz erwärmt. Holger ist ein lieber, hilfsbereiter und sehr ordentlicher Junge. Matthias mit seiner freundlich-lustigen Art hat mich ohne es zu wissen, wieder aufgebaut. Ich drohte schon wegen der Tristesse in eine Depression abzurutschen. Also, diese beiden haben sich um meine Seele und meinen Körper verdient gemacht.
An manchen Stellen hatte ich den Eindruck, die Kurgäste werden für Idioten gehalten. Z.B. hing an Fahrstuhl B sehr lange das Schild „Außer Betrieb.“.Ich bemerkte, der Aufzug wird vom Personal benutzt und sprach einen FSJ-ler darauf an. Der Knirps spreizte sich wichtig: „Ja , dieser Fahrstuhl ist für das Personal reserviert, denn die Kurgäste wissen nicht, wie sie ihn bedienen sollen.“ Die Reha-Gäste müssen Fahrstuhl A oder den Eingangsaufzug benutzen. Da fragt keiner, ob sie diesen bedienen können oder nicht. Das ist Alberei!

Menschen, die mich in meiner Mobilität und Entwicklung gefördert haben, möchte ich an dieser Stelle namentlich nennen: Ergotherapeutin Anja Flemming, Bademeisterin Tibo, Physiotherapeutin Friedericke Zenner und Masseur Kurzhals (Praktikant). Wobei Frizzi es fertiggebracht hat, mich an die Sprossenwand zu kriegen und mir einige Tricks zeigte, wie ich mit Hilfe der Knie in den Stand kommen kann. Bisher hatte ich alles mit den Armen gemacht.
Wenn ich nun wieder für Nicht-Regierungsorganisationen im Einsatz sein kann, dann hat die gute Frizzi indirekt auch für den Europäischen Frieden entscheidendes getan. Also ihr Lieben, ich erinnere mich mit einem lachendenden und einem weinenden Auge an dieses Klinikum. Bei Gelegenheit teile ich meine Reha-Erfahrungen der höheren Berufsschule für Pflegeberufe in Mühlhausen mit.

Nun sind wir mitten in der Narrenzeit und bald ist Valentinstag. Da verteile ich meine zur Kur gefertigten Geschenke: Für Rainer die Eule, für unsere Tochter ein Fensterbild mit Tulpen und für die Enkelinnen einen Delphin und ein Pferd.
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