Schreck, lass nicht nach

Rainer Hohberg, Schriftsteller aus Jena: "Gespenster sind eine naive Form der Welterkenntnis. Insofern existieren Geister wirklich."
 
Eine Statue erinnert daran: Im Greizer Schlosspark lauert der Aufhocker nicht nur zu Halloween müden Wanderburschen auf.
In Thüringen spukt es nicht nur in der Halloweennacht – Sagendetektiv Rainer Hohberg geht den Geistergeschichten auf den Grund.

Wer bei der Burgruine Liebenstein die Eulen schreien hört, sollte vorsorglich den Kopf einziehen. Was hier durch die Luft fliegt, ist kein Vogel und schon gar nicht von dieser Welt. Vielmehr schallt das Wehklagen gepeinigter Seelen über den Südwesthang des Thüringer Waldes. Vor gut 800 Jahren töteten zwei Lehrlingsburschen ein kleines Mädchen - ein Opfer, um den erfolgreichen Bau der Burg zu garantieren. Tagsdrauf fand man ihre Leichen am Ufer der Werra. Seitdem sind sie dazu verdammt, in Eulengestalt die Burg zu bewachen.

Wo Burgen und Schlösser thronen, da spuken auch Geister. In Thüringen gespenstert es folglich an jeder Ecke. Auf Burg Bodenstein nahe Worbis wird beispielsweise der Totenschädel eines kopflosen Ritters ausgestellt. Dieser Geist warf nachts Bilder von den Wänden, polterte in seiner schweren Rüstung durchs Eichsfelder Anwesen. Und wer dem rasenden Ritter in die Hände fiel, wurde unter Hohngelächter die Treppe hinabgeschleudert. Erst seit der Gang vermauert ist, in dem der Kopflose spukte, herrscht Ruhe. Wer genau hinschaut, erkennt noch heute die vermauerte Türöffnung.

"Diese Welt der Gespenster ist ein unüberschaubarer Kosmos", sagt Rainer Hohberg. Der Jenaer Schriftsteller sammelt und analysiert die Sagen und versucht, Licht in das Dunkel solcher Mysterien zu bringen. "Denn noch spannender finde ich, was hinter der Maske der Gespenster steckt." Hohberg ist somit ein moderner Geisterjäger. Den Untoten an den Kragen will er aber gar nicht. Im Gegenteil: "Man sollte die Gespenster unter Denkmalschutz stellen." Die Spukgestalten, so lobt der Sagendetektiv, sind Tradition, Marketingmittel und Touristenmagnet zugleich.

Von seinem Balkon aus kann der 57-Jährige auf die Friedrich-Schiller-Universität blicken. "Früher stand an gleicher Stelle einmal ein Schloss", sagt Hohberg und fügt mit bedeutungsvollem Unterton hinzu: "Dort soll ein Poltergeist sein Unwesen getrieben haben." Offensichtlich glaubt er nicht, dass der unruhige Untermieter Schuld am Abriss des Gebäudes trug.

Auch den Mitarbeitern einer Erfurter Bierbrauerei schenkte Hohberg keinen Glauben. Sie berichteten ihm von einer Frau mit blutbeflecktem Kleid. "Das ist ein typisches Phänomen in Gärräumen", schlussfolgert der Autor. Seine Erklärung für die Sichtung: Die Luftverhältnisse führen zur Halluzination. Denn auch in Weingebieten spukt es immer wieder verdächtig oft - dort, wo der Rebensaft gärt. "Bis ins letzte Detail lassen sich die Sagen nie aufklären - müssen sie aber auch gar nicht." Oft ist der Sachverhalt viel zu komplex. Historische Details vermischen sich mit Ängsten, Aberglauben und Psychologie.

Manches Monster ist heute mit einem einfachen Herzkasper erklärbar. Auf diese Weise hat es ein schauriger Übeltäter zur Thüringer Berühmtheit gebracht. In Eisenach nennt man dieses Wesen Pummpälz, im Norden Huckauf, in Gera Bieresel und in der Rhön Trollbär. Gemeint ist der sogenannte Aufhocker, der nachts müden oder angetrunkenen Wanderern auflauert. Meist hören die armen Opfer nur ein Geräusch, sehen einen Schatten im Augenwinkel. Zack, schon springt der Aufhocker dem Verängstigten auf den Rücken und wächst dort zentnerschwer zu übernatürlicher Größe heran. Er würgt sein Opfer und versetzt es in Atemnot. Angina pectoris - Herzschmerzen - lautet die medizinische und völlig ungruselige Begründung von Hohberg. Warum der Aufhocker den Büchern zufolge aber gerade im Greizer Schlosspark so oft zuschlug, kann sich der Schriftsteller auch nicht erklären. Manchmal ist selbst er mit dem Spuklatein am Ende.

Ein weiterer Exportschlager ist die weiße Frau aus Orlamünde (Saale-Holzland- Kreis), die in vielen Schlössern Europas gespukt haben soll. Burgherrin Kunigunde hatte sich zu Lebzeiten in den schönen Albrecht verliebt. "Uns sind vier Augen im Weg", kassierte die Witwe einen Korb. Sie missverstand und erstach ihre beiden Kindern. Der Burggraf meinte aber seine Eltern. Zur Strafe kündigt Kunigunde nun als weiße Frau Todesfälle an.
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