Sind Männer Mangelware? Mehr Mut zum Beruf Erzieher im Kindergarten!

Johannes Wagner mit einigen seiner Schützlinge
„Duhu, ich habe nur noch einen Gummistiefel!“. „Und ich finde meine Jacke nicht, so ‘ne graue“, übertönt der nächste suchende Zwerg fröhlich brüllend den ersten. Ein Fall für die Erzieherin?
Johannes Wagner hat sein entspanntes Lächeln aufgesetzt. Das trägt er eigentlich immer. Jacke und Stiefel entdeckt er mit einem einzigen Blick. So ganz nebenbei erklärt er den Kindern aus der Mäusegruppe, was sie als nächstes vorhaben. Und natürlich wird gewartet, bis alle fertig sind. Ordnung muss schließlich sein. Schon bald darauf geht es gemeinsam hinaus ins Klettervergnügen...

Der 25-jährige Johannes ist einer von fünf Männern, die in der AWO-Kindertagesstätte „Rabennest“ als pädagogische Fachkraft tätig sind. „Ein echter Traumjob“, gibt er zu. Der studierte Erziehungswissenschaftler mit Masterabschluss in Sonder- und Integrationspädagogik ist genau da, wo er immer schon hin wollte. Für ihn gibt es nichts Schöneres, als mit Kindern zu arbeiten.

Derzeit absolviert er eine zusätzliche Fortbildung zum Naturpädagogen. Deshalb organisiert er für die Kleinen regelmäßig einen Waldtag. Das ist der ganz große Hit bei den Rabennest-Besuchern. Für sie ist es ganz normal, mit Johannes zu toben und zu spielen. In anderen Kindergärten sind Männer da eher noch Mangelware.

„Erziehung ist leider immer noch in hohem Maß eine klassische weibliche Aufgabe“, weiß Kita-Leiter Torsten Sauerbrey. Deshalb ist er besonders froh, dass seine Einrichtung mit fünf erzieherisch tätigen Männern einen neuen, noch nicht so gewohnten Weg geht, unterstützt vom Modellprojekt „Mehr Männer in Kitas“. „Man muss Kindern die Möglichkeit geben, auch Männer zu erleben. Wobei ich niemals behaupten würde, dass Männer bessere Bezugspersonen für Kinder seien. Eben nur andere“, fügt er hinzu.

Im Rabennest funktioniert das prächtig. Auch hier macht es die Balance, die Gruppen werden von gemischten Teams betreut, haben weibliche wie auch männliche Ansprechpartner. „Die Eltern sehen unser Konzept durchweg positiv“ freut sich Torsten Sauerbrey.Eigentlich, so sagt er, gibt es nur gute Erfahrungen.

Gut vier Jahre ist es her, seit im "Rabennest" die ersten Männer zu arbeiten begonnen haben. An insgesamt neun Standorten in Thüringen beschreitet die AWO in ihren Kindertagesstätten diesen neuen Weg.

Obwohl schon im Jahr 2001 das Forum Bildung die "Gewinnung von Männern für den Beruf des Erziehers" als eine wichtige Aufgabe von Bund, Ländern, Kommunen und Trägerorganisationen festgeschrieben hatte, tun sich die meisten Kindereinrichtungen noch ein wenig schwer damit.

Doch es gibt erkennbare Tendenzen, dass langsam ein Umdenken einsetzt. Als Pendant zum Girls Day, bei dem Mädchen in eher männertypische Berufe hereinschnuppern, zeigte sich beim ersten Boys Day im April eine ganze Reihe von Jungs interessiert am Beruf des Erziehers. "Auch Praktikumsanfragen erreichen uns immer häufiger von Jungs, und bei unserem FSJler haben wir uns für einen jungen Mann entschieden", sagt Torsten Sauerbrey. Was aber nicht heißen soll, dass Mädchen hier beim Absolvieren des Freiwilligen Sozialen Jahres benachteiligt würden. Es kommt einzig auf die Eignung an, und die lasse sich nicht am Geschlecht festmachen.

Für die 138 Kinder im "Rabennest" ist es ganz normal, dass sie tagtäglich mit Frauen und mit Männern zu tun haben. Der eine kann das besser, die andere jenes. Männer, so zeigt es die Erfahrung, können durchaus auch frischen Wind in einen Kindergarten bringen. Ebenso andere Sichtweisen. Und oft tun sie eben andere Dinge. Oder die Dinge anders.

Manchmal wirken Männer im täglichen 'Erziehungskampf' ein wenig entspannter. Natürlich nicht weniger verantwortungsvoll. Ein weiteres Plus: "Männer basteln nicht, sie bauen", lacht Kita-Chef Sauerbrey. Sie scheuen sich nicht vor Axt und Säge. Oder vorm Fußballspielen und Herumtoben. "Obwohl ich natürlich sagen muss, dass auch Frauen mit all dem durchaus umgehen können, wir haben hier genug von ihnen, die liebend gern aufs Tor kicken", zollt er seinen Erzieherinnen höchste Wertschätzung. Zum bloßen Fußballspielen sind die männlichen Erzieher also nicht da.

Alles in allem sind es die ganzheitlichen Angebote, die den guten Kindergartenalltag ausmachen: Weibliche und männliche Ansprechpartner für die Heranwachsenden. Im "Rabennest" scheint das hervorragend zu funktionieren. Hier hat die Zukunft wohl bereits begonnen.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige