Veni, vidi, Wikipedia - Der Erfurter Michael Sander schreibt für das Internet-Lexikon

Über den Erfurter Fischmarkt, den Römer und das Haus zum Roten Ochsen hat Michael Sander auch schon bei Wikipedia geschrieben.
 
Der Erfurter Soziologieprofessor Dr. Christian Stegbauer.
Wer "Thüringen" googelt, findet Michael Sander. Etwa 160.000 Mal passiert das im Monat - und doch kennt wohl nur eine Minderheit den 20-jährigen Studenten aus Erfurt. Michael Sander ist ein Wikipedianer und auf seinen Artikel über den Freistaat im größten Internet-Mitmach- Lexikon ist er besonders stolz.

In den vergangenen fünf Jahren hat der gebürtige Ilmenauer rund 600 Artikel geschrieben und bebildert. "Über meine Fotos ist im Internet schon jeder einmal gestolpert." Dabei bekommt Michael Sander für seine Arbeit kein Geld - ja, nicht einmal Ruhm und Ehre. Denn die Wikipedia-Einträge erscheinen anonym. "Es ist einfach ein gutes Gefühl, Gutes zu tun", deutet er seine Mitarbeit als ein Ehrenamt. "Durch Wikipedia hat jeder einen kostenlosen Zugang zu Wissen. Schließlich hat nicht jeder das Geld für einen 20-bändigen Brockhaus."

Wikipedia ist eine zehnjährige Erfolgsgeschichte: Weltweit sind über eine Million Nutzer im freien Internet-Lexikon gemeldet, in Deutschland schreiben rund 6700 Autoren für das meist genutzte Online- Nachschlagewerk. Gedruckt würden die 1,1 Millionen Artikel der deutschen Wikipedia etwa 449 Bände füllen.

"Jetzt steht Wikipedia aber vor dem Scheideweg", sagt der Erfurter Universitätsprofessor Dr. Christian Stegbauer. "Es müsste einen Generationswechsel geben." In seinem Buch "Rätsel der Kooperation" ergründet der Soziologe, warum sich so viele Menschen an der Enzyklopädie beteiligen. "Die Ideologie, das Wissen der Menschheit zu sammeln, ist sehr attraktiv. Man überwindet Copyright- Schranken, alle arbeiten zusammen."

Sander beschreibt die anderen Wikipedianer als Idealisten, die das Wissen der Welt zusammentragen wollen. "Ein bisschen freakig sind die meisten", spielt er auf die Autoren an, die viel über ihre skurrilen Hobbys schreiben. Und - na klar: Die Besserwisser gibt es auch. Die nerven hartnäckig, zerpflücken jeden Text. "Anonym ist der Umgang viel direkter. Aber das Projekt lebt ja von dieser Offenheit", nimmt Sander gerne die Kritik an.

Doch seit einiger Zeit hat die Wikipedia-Gemeinde zunehmend Schwierigkeiten, engagierte Autoren zu finden. "Viele neue Teilnehmer werden nicht integriert. Früher war der Einstieg leichter."

Heute bestimmen laut Stegbauer viele strenge Regeln das Schreiben. Er beobachtet immer höhere Hürden, welche die Gemeinschaft zu einer elitären Gruppe schrumpfen lassen, während hinter den Kulissen Machtkämpfe zwischen den alteingesessenen Administratoren toben. "An jedem getippten Wort hängen zehn Augen dran", sagt Michael Sander dazu. "Das digitale Bürgertum ist misstrauisch."

Am meisten schreibt der Fünftsemester über seine Studienfächer Geschichte und Sozialwissenschaften oder über seine Thüringer Heimat. "Die eigene Bildung profitiert. Man nimmt viel Wissen mit."

Derzeit arbeitet er an einer Artikelreihe über die Erfurter Stadtteile. Mit dem Rad fährt er herum, fotografiert, achtet auf Kleinigkeiten: das leicht zu übersehende Denkmal zum Beispiel. "Die Stadtverwaltung veröffentlicht Statistiken: die Zahl der Touristen, der Ausländer, der Männer und Frauen. Die liest niemand." Sander übernimmt diese Aufgabe und verarbeitet die Daten zu verdaulichen Häppchen. Er durchstöbert Fachliteratur, gleicht die Fakten ab. „Nicht jeder will zehn Bücher zu einem Thema lesen“, erklärt er.

Früher lud die Gemeinschaft zum Stammtisch ein. "Da sind echte Freundschaften entstanden." Mittlerweile treffen sich die etwa 30 aktiven Thüringer Autoren kaum noch. Viele kennen sich nur vom Lesen. Was aber allen wichtig ist: dass Wikipedia keine kommerziellen Ziele verfolgt. Sander: "Alles andere würde von der Community nicht getragen. Sollte irgendwann einmal Google oder Apple Wikipedia aufkaufen, wäre das der Supergau."



Nachschlagen gefällig?

• Das Internet-Mitmach- Lexikon Wikipedia feiert seinen zehnten Geburtstag. Der Name setzt sich aus dem hawaiianischen Wort für schnell und Enzyklopädie zusammen.

• "Hello World!" lautete am 15. Januar 2001 der erste Eintrag von Gründer Jimmy Wales. • Die Enzyklopädie finanziert sich allein durch Spenden über die "Wikimedia Foundation".

• Die deutschsprachige Wikipedia ist die zweitgrößte nach der englischen. Sie zählt gut eine Million angemeldete Benutzer. Etwa 24 000 Wikipedianer sind aktiv.

• Das Lexikon bietet nach eigenen Angaben mehr als 17 Millionen Artikel in mehr als 270 Sprachen. In der deutschen Version sind seit Mai 2001 knapp 1,2 Millionen Artikel entstanden. 446 kommen hier täglich hinzu.

• Wikipedia wird monatlich von rund 400 Millionen Menschen weltweit genutzt.

• 29 Prozent aller Artikel sind Biografien, davon entfallen 85 Prozent auf Männer. Der längste Artikel behandelt in 500 000 Zeichen (130 Word-Seiten) "Schamanismus".
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1 Kommentar
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Florian Storch aus Gotha | 31.01.2011 | 11:06  
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