Verdrehte Welt: 30 Prozent der Menschen sind Linkshänder – und dennoch dreht sich alles rechts

Claudia Kühn hat sich wieder von rechts auf links zurückgeschult.
 
Für Linkshänder gibt es viele Hilfsmittel. Spezielle Scheren sind an der Zweifarbigkeit der Griffe zu erkennen.
Wenn Claudia Kühn den Tisch deckt, steht ihre Tasse links – das schöne Blumenmotiv sieht sie nicht, es zeigt nach hinten. „Eine Kleinigkeit, mit der ich gut leben kann“, sagt sie schmunzelnd. Die junge Frau ist Linkshänderin – wie rund 30 Prozent der Bevölkerung. In einer auf rechts ausgerichteten Welt kommt es da öfter zu unbewussten Fehlgriffen: bei Türklinken, Heizungsreglern oder Fahrscheinautomaten. „Als Kind wurde ich auf rechts umgeschult. Das war in den 80er-Jahren gängige Praxis. Für mich war dies ein schwieriger Lernprozess, der viel Kraft gekostet hat“, erinnert sich Claudia Kühn. Die moderne Wissenschaft hat inzwischen nachgewiesen, dass jeder seine angeborene Händigkeit ein Leben lang beibehalten sollte. „Denn durch das Umschulen von links auf rechts kann es zu Störungen der gesamten Persönlichkeit kommen“, weiß die Linkshänderexpertin.

Vor einigen Jahren hat Claudia Kühn angefangen, sich selbst zurückzuschulen, hat das Bedürfnis die linke Hand als „starke“ Hand zu nutzen, einfach wieder zugelassen. „Mit Malen habe ich angefangen und mich dann Stück für Stück auch an das Schreiben herangetastet. Heute klappt das wieder sehr gut.“ Auch bei vielen anderen Dingen im Alltag benutzt sie wieder die linke Hand. „Schlägt man diesen Weg ein, muss man sich bewusst sein, dass bis dahin gewohntes aufgegeben werden muss. Es ist vor allem ein Weg zu sich selbst. Aber nicht für jeden „Umgeschulten“ eine passende Lösung.“

Linkshänder nutzen nicht nur die linke Hand zum Schreiben, sondern für sie ist auch die Abfolge von vielen Handgriffen im Alltag andersherum. In einer auf Rechtshänder ausgerichteten Welt erfordert es ein ständiges Umdenken – Missgeschicke sind da vorprogrammiert. „Mein Partner ist Rechtshänder und muss in vielen Dingen sehr tolerant sein. Bei uns geht öfter mal etwas kaputt. Wir kommen uns beispielsweise beim Kochen schon mal ins Gehege, da ich Kochutensilien und Zutaten auf der anderen Seite ablege“.

Eltern sollten für ihre linkshändigen Kinder viel Geduld aufbringen. Gerade das Schreibenlernen erfordert besondere Unterstützung, ­um ­Verkrampfungen und Fehl­haltungen zu vermeiden. Auch ist die natürliche Lese­richtung von Linkshändern ist von rechts nach links ge­­richtet. Sie müssen sich erst an unsere Schrift von links nach rechts gewöhnen. Da sich Kinder viele Dinge von Gleichaltrigen abschauen, ist es schwierig vor der Schule die Händigkeit genau zu er­kennen. „Wandern Tasse, Löffel, Stift oder Schere, meist unbewusst, wieder zurück in die linke Hand, sollten Eltern ihr Kind genau beobachten“, rät Claudia Kühn. Sie erinnert sich noch gut, wie schwer es ihr als Kind gefallen ist, einen Stift zu spitzen. „Ich habe immer den Spitzer gedreht und das ziemlich lange erfolglos.“

Heutzutage gibt es für Linkshänder viele Hilfsmittel, die vor allem den Kindern den Schulalltag erleichtern: Füller, Stifte, Scheren – sie sind an der Zweifarbigkeit des Griffes zu erkennen – oder ein Lineal mit Blickrichtung von rechts nach links. Auch Musikinstrumente wie Blockflöten oder Gitarren werden inzwischen für Linkshänder gebaut. Übrigens, auch Linkshänder können häkeln. „Ich stelle mir einen Spiegel hin und schaue beim Häkeln nur dort hinein statt in die Anleitung – schaffe mir so meine „richtige“ Welt. Eine Methode, die wirklich gut funktioniert.“
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3 Kommentare
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Ulf Wirrbach aus Gotha | 17.02.2012 | 18:55  
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wally kirchner aus Mühlhausen | 18.02.2012 | 09:49  
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Claudia Kühn aus Erfurt | 27.02.2012 | 13:05  
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