Viele Behinderte sind noch benachteiligt - Interview mit dem Thüringer Vize-Beauftragten für Menschen mit Behinderungen

Markus Lorenz ist der stellvertretende Beauftragte der Thüringer Landesregierung für Menschen mit Behinderungen. (Foto: BürgerReporterin Birgit Zacher)
Erfurt: Der Beauftragte für Menschen mit Behinderungen beim Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit |

Haben Menschen mit Behinderung die gleichen Chancen? Diese Frage stellten sich die Leser des Allgemeinen Anzeigers und wünschten sich bei der Mitmachaktion „Mein Thema“ eine Antwort.

Markus Lorenz, stellvertretender Beauftragter der Thüringer Landesregierung für Menschen mit Behinderungen, spricht im Interview über Chancengleichheit.


Sie sind der stellvertretende Beauftragte für Menschen mit Behinderungen. Mit welchen Fragen und Problemen wenden sich die Menschen an Sie?
Die Fragen sind sehr vielfältig. Der Behindertenbeauftragte hat einen Mega-Aufgabenbereich mit einer Mini-Behörde zu bewältigen. Wir sind in allen Lebenslagen gefragt. Es beginnt mit Kinderbetreuung, geht über Inklusion in der Schule, Ausbildung und den Arbeitsprozess bis hin zu Rente, Altersschwerbehinderung oder Pflege. Hinzu kommen Themen wie bauliche Maßnahmen, soziale Leistungen oder öffentlicher Nahverkehr, der Behindertensport in Thüringen, barrierefreier Tourismus. Zudem stoßen wir größere Projekte an. Wir erstellen zum Beispiel gerade eine leicht verständliche Broschüre zur Kommunalwahl. Es gibt große Themenblöcke und kleinere Anliegen wie Fragen zum Krankengeld.


Wie sieht es in Thüringen aus mit der Chancengleichheit behinderter und nichtbehinderter Menschen?
Da kommt es immer darauf an, über welchen Bereich wir uns unterhalten. Man muss sagen: Je nachdem wie gravierend die Behinderung ist, desto unterschiedlich groß sind die Menschen beeinträchtigt. Aber es gibt natürlich Bereiche, in denen Menschen mit einer Behinderung strukturell noch benachteiligt sind. Nehmen wir den Arbeitsmarkt als Beispiel. Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt, dass Menschen mit einer Schwerbehinderung nicht im gleichen Umfang vom Beschäftigungsaufschwung profitieren. Die Arbeitslosenzahl zeigt ganz deutlich, dass sich die Quote kaum nach unten bewegt. Es gibt eine hohe Bewegung auf dem Arbeitsmarkt, aber gerade für ältere und junge Schwerbehinderte ist es extrem schwer. Oftmals ist es so, dass sie gut ausgebildet sind und doch ist es schwer, an Arbeit zu kommen.


Woran liegt das?
Es gibt in der Arbeitswelt manche Vorbehalte und Unsicherheiten bei den Arbeitgebern. Man muss sehen, dass es in den vergangenen Jahren einen Bewerberüberhang bei Ausbildungen gegeben hat. Unternehmer konnten auswählen und hatten die freie Wahl. Jetzt dreht sich das Verhältnis so langsam. Es gibt manche Vorbehalte, dass Behinderte häufiger krank sind oder doch nicht so ins Unternehmen passen und dass man diesen Mitarbeiter dann „nicht wieder loswird“. Bei den älteren Schwerbehinderten, die es im besonderen Maße trifft, kann es durchaus sein, dass auch manche Qualifikation nicht mehr so gefragt ist oder sie so gesundheitlich eingeschränkt sind, sodass viele Tätigkeiten nicht mehr möglich sind. Manche listen in dem Alter auf, was sie alles nicht mehr machen können. Sie wollen aber arbeiten.

Der Arbeitsmarkt ist ein schwieriges Thema, aber manchmal auch erfreulich. Gerade wenn man von Einzelfällen erfährt. Wir fahren auch immer wieder in die Unternehmen und schauen, wenn das Unternehmen eine gute Quote erreicht hat, wie die das hinbekommen, um es auch öffentlich zu machen. Wir haben dazu ein Netzwerk aufgebaut mit Unternehmen und Bildungsträgern, um ins Gespräch zu kommen, um voneinander zu lernen. Damit gute Beispiele die Runde machen und wir Vorurteile abbauen. Es bewegt sich langsam etwas.

Großen Nachholbedarf gibt es beim Thema Barrierefreiheit – sowohl die öffentliche Infrastruktur wie denkmalgeschützte Rathäuser, den ÖPNV oder barrierefreie Wohnungen. Das sind große und schwierige Baustellen im wahrsten Sinne des Wortes, die uns in den kommenden Jahren beschäftigen werden.


Sie sprechen die Themen an, die sich auch eine große Mehrheit der Deutschen (93 Prozent) laut einer Umfrage im Auftrag der "Aktion Mensch" wünscht: uneingeschränkte Mobilität, gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt und das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung. Gibt es wirklich so viel Rückhalt für Behinderte in der Gesellschaft?
Es gibt niemanden, der in einer Umfrage oder öffentlich sagen wird: "Ich bin dagegen." Man merkt ja auch, dass der Trend dahin geht, dass viele Menschen in irgendeiner Weise betroffen sind. Entweder selbst oder durch Angehörige, Freunde oder Nachbarn. Es gibt kaum jemanden, der nicht einen behinderten Menschen kennt. In aller Regel sagt man dann: "Klar, die Menschen sollen dazugehören und dabei sein." Wenn man dann ins Detail schaut, in die Unternehmen, wenn dort jemand doch mal ausfällt oder etwas nicht kann oder nicht mehr kann, weil er einen Unfall hatte oder älter geworden ist, dann wird es kritisch. Wenn die Kollegen manche Arbeiten mit erledigen müssen oder der Chef Probleme hat, den behinderten Mitarbeiter irgendwo einzusetzen, dann dreht sich das Ganze schnell.

Im Bereich der Schule gibt es kaum Lehrer oder Eltern, die öffentlich sagen würden: Ich will das nicht. Es ist aber so, dass es gerade in manchen Bereichen gewachsene Strukturen gibt, wie man bisher mit dem Thema umgegangen ist. Wir haben ein sehr differenziertes Schulsystem, ein Förderschulsystem. Das umzubauen, ist ein Systemwechsel, wo wir sagen, das braucht 20 Jahre. Die Haltung ist grundsätzlich da und die Offenheit, aber wie man es im Detail organisiert – nicht jede Schule ist auf Barrierefreiheit und inklusives Lernen ausgelegt – diese Detailfragen machen es manchmal unmöglich.


Ist es eine Finanzierungsfrage?
Klar, wenn man eine Milliarde Euro übrig hätte, könnte man vieles machen. Aber das wäre wahrscheinlich auch zu einfach, zu sagen, es liegt nur am Geld. Es gibt manche Strukturen und manche gesetzliche Rahmenbedingungen, die man ändern müsste, ohne dafür gleich viel Geld in die Hand nehmen zu müssen. Es kann sein, dass man kurzfristig etwas Geld braucht bis der Strukturumbau gelungen ist. Wenn barrierefreie Wohnungen einmal gebaut sind, muss ich sie nicht noch einmal bauen. Aber der Umbau eines Hauses oder einer Wohnung kann sehr teuer sein, was erst einmal das Geld bindet. Wenn ich gleich barrierefrei baue, ist es nicht unbedingt teurer.


Stichwort Inklusion: Thüringen liegt beim gemeinsamen Unterricht behinderter und nichtbehinderter Kindern leicht über dem deutschen Schnitt. Doch die große Mehrheit besucht dennoch Sonder- und Förderschulen und verlässt diese meist ohne Abschluss und Berufsperspektiven. Was muss sich ändern?
Man muss sich anschauen, um welche Kinder es sich handelt, die noch auf den Förderschulen sind. Wir besuchen die Förderschulen. Dort sind in der Regel keine körperbehinderten Kinder, sondern Kinder mit einer Lern- oder sozialen Beeinträchtigung. In Thüringen sind die Zahlen nicht so schlecht wie in manchem alten Bundesland. Ich habe eine Statistik gesehen, dass 50 Prozent bei uns die Schule ohne Abschluss verlassen. Das sind immer noch zu viele. Aber es gibt auch Länder, in denen die Quote über 70 Prozent liegt. Man muss genau schauen: Was sind das für Schüler und warum haben sie ohne Abschluss die Schule verlassen? Es wird immer Kinder geben, die keinen Hauptschulabschluss haben.
Wir gehen davon aus, dass sich alle Lehrer an den Förderschulen bemühen, damit die Kinder zu einem Abschluss kommen. Vielleicht benötigt ein Kind an der einen oder anderen Stelle eine Förderung, aber dies ist eine Frage, die man mit dem Kultusministerium absprechen müsste.


Sie haben die Abschaffung von Förderschulen als Blödsinn bezeichnet? Warum?
Wir sind durch zwei Schulamtsbezirke gezogen, Nord- und Mittelthüringen, um zu erfragen: Worüber reden wir hier überhaupt? Was passiert denn in den Förderschulen eigentlich? Wir waren zum Beispiel in der Stiftung Finneck in Rastenberg und haben uns dort umgeschaut. Dann sitzen sie mit 10 oder 15 Leuten dort, auch Eltern, und die sagen: Mein behindertes Kind zeigt plötzlich ganz andere Verhaltensweisen und will möglicherweise nicht mehr in den Unterricht. Es fühlt sich überfordert oder vielleicht auch an den Rand gedrängt. Das sind Fragen, denen man vernünftig und behutsam begegnen muss. Man muss genau aufpassen, die Kinder, die eine individuelle Förderung brauchen, nicht zu überfordern.

Wie man das genau organisiert, wie groß eine Klasse sein muss, welche Qualifikationen die Lehrer haben, wie die bauliche Situation sein muss, das sind alles Dinge, auf die bisherige Schulsystem mit dieser Trennung eine andere Antwort gegeben hat, als es sich jetzt entwickelt. Wenn man diese Inklusionsquote von 28 Prozent auf 60 Prozent steigern will, dann muss man die Schullandschaft, das Gebäude, den Einsatz der Pädagogen, der sonderpädagogischen Fachkräfte, noch anders ordnen. Und das geht so schnell nicht.

Das sind ganz viele Elemente, in denen es in den kommenden Jahren einige Entwicklungen geben muss, um weiter zu kommen. Viele brauchen eine so starke individuelle Förderung, dass man oft nicht über eine Einzelbetreuung hinauskommt. Etwa autistische oder schwerst-mehrfachbehinderte Kindern wird man in Zukunft nicht mehr in gesonderten Gebäuden erziehen, aber zumindest in einem Multifunktionsschulgebäude, in einer Einzelsituation, vielleicht hier und da auch in einem Klassenverband. Aber die Kinder brauchen eine Umgebung, in der sie nicht abgelenkt werden und zu vielen Reizen ausgesetzt werden. Das wird es immer geben.


Werden Menschen mit Behinderung in der Regel immer noch in Sondereinrichtungen abgeschoben?
Man muss im Einzelfall schauen, warum es dem Träger der Maßnahme nicht gelungen ist, hier adäquat zu vermitteln. Es gibt gute Programme, gute Träger. Wir arbeiten beispielsweise gerne mit dem Bildungswerk Thüringer Wirtschaft zusammen, weil sie eben auch von der Wirtschaft getragen werden und viele interessante, auch erfolgreiche Projekte gemacht haben. Natürlich können sie nicht jeden vermitteln. Viele Menschen berichten uns von ihrer Biografie – da muss ein Profi ran und schauen: Was ist da schiefgelaufen? Ist da jemand auf eine Maßnahme, auf ein Ziel hin geschult worden, das er nicht erreichen kann? Oder gab es Probleme im Umfeld, im Leben des behinderten Menschen, die nicht beachtet worden sind?


Wie viele landen denn beispielsweise in einer Behindertenwerkstatt, die es auch auf dem ersten Arbeitsmarkt schaffen könnten?
Das ist eine interessante Frage, auf die ich Ihnen keine richtige Antwort geben kann. Es ist vielleicht auch ein Generationenproblem, dass sich erst jetzt die Einstellung bei den Schülern, Eltern und Lehrern wandelt. Zunehmend wird der Wunsch laut, nicht mehr in die Werkstatt gehen zu müssen, wobei man sagen muss, dass die Werkstätten für viele Personen eine Chance sind, auch in der Gemeinschaft zu arbeiten und einen guten Tagesablauf zu haben. Mit Sicherheit gibt es mehr Menschen, die mit einfachen Beschäftigungen auf dem Arbeitsmarkt zurechtkommen würden. Ob die alleine davon leben könnten, ohne eine staatliche Unterstützung, ist eine ganz andere Frage.


Was ist der bessere Weg: Die Integration, bei der Menschen fit für das System gemacht werden oder die Inklusion, bei der die Rahmenbedingungen und das System an die Bedürfnisse aller Menschen angepasst werden?
Es geht nicht darum, Systeme aufrecht zu erhalten und Menschen dort hineinzupressen, sondern dass ein Mensch vom System aufgefangen, gefördert und unterstützt werden muss, um sich in seinem Leben entwickeln zu können, seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechend auch in der Gesellschaft ankommen zu können. Das System muss auf jeden Menschen vorbereitet sein und ihn so annehmen, wie er ist und so fördern, dass er sich optimal entwickeln kann. Das ist ganz klar der Gedanke der Inklusion. Das hat zunächst erst einmal nichts mit Behinderung zu tun, sondern sollte selbstverständlich sein.

Jeder ist unterschiedlich, ob behindert oder nicht. Ein System, das darauf keine Antwort hat, das nur einen Weg kennt, um zu einem Ergebnis zu kommen, ist fragwürdig. Der Umgang mit behinderten Menschen sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

Es gibt Menschen, die reden von Integration und meinen Inklusion, da sind die Grenzen mitunter auch fließend. Ich glaube aber, dass sich der Begriff Inklusion durchgesetzt hat und jeder weiß, was damit gemeint ist.  

Mehr zum Thema:

Ohne Vorurteile - Warum der Behindertenbegriff für Kinder keine Rolle spielt: Ute Barth leitet die integrative Kindertagesstätte in Gotha

Das Aktionsbündnis „jobp“ hilft Menschen mit Behinderung, eine Tätigkeit auf dem freien Arbeitsmarkt zu finden. Hier die Geschichte von Stephanie Sluka.
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1 Kommentar
Axel Heyder aus Erfurt | 28.04.2014 | 15:01  
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