Wie eine Spätzünderin beim Studium durchstartet

Heike Schmidt vom CJD Erfurt vereinbart Arbeit, Familie und Studium.
Erfurt: CJD Erfurt |

Mit über 40 Jahren zu alt fürs Studium? Weit gefehlt! Für etliche langjährig Berufstätige kommt ein Studium auch neben der Arbeit in Frage. Heike Schmidt, 43 Jahre und Mitarbeiterin im CJD Erfurt, hat sich in einen berufsbegleitenden Studiengang eingeschrieben und erzählt, wie sie Alltag, Job und Hochschule unter einen Hut bringt.

Heike Schmidt arbeitet hart daran, einen lang gehegten Traum wahr werden zu lassen. „Ich wollte schon immer studieren, habe aber meinen Wunsch in den vergangenen Jahren permanent auf Eis gelegt“, erklärt die Mitarbeiterin aus dem „Haus Lebensfreude“, dem Kinder- und Jugendwohnbereich vom Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands in Erfurt (CJD Erfurt). Denn als sie 1993, direkt nach der Ausbildung zur Erzieherin, mit dem Studieren beginnen wollte, standen ihr entweder der Numerus Clausus oder die fehlende Fachhochschulreife im Weg. Es folgten familiäre und gesundheitliche Hürden. Dann stand die Familienplanung an. So legte Heike Schmidt ihren Wunsch zu studieren 10 Jahre ad acta.

Daran zurückerinnert wurde sie 2013. Beim Wäsche aufhängen kam die zweifache Mutter mit ihrer Nachbarin ins Gespräch. Die erzählte ihr von einem berufsbegleitenden Studium an der Fachhochschule Erfurt (FH Erfurt). Die Bewerbung wäre dabei auch ohne Abitur möglich, wenn ein staatlich anerkannter Abschluss vorhanden ist sowie ausreichend Berufspraxis. Und beides kann Heike Schmidt vorweisen.

Nach reiflicher Überlegung und Rücksprache mit den Gesamtleitern des CJD Erfurt und ihrer Familie bewirbt sich die Angestellte schließlich für den berufsbegleitenden Studiengang „Bildung und Erziehung von Kindern“ an der FH Erfurt. Im Wintersemester 2015/16 ist sie endlich als Studentin immatrikuliert und erfüllt sich mit 42 Jahren ihren langjährigen Wunsch. Damit folgt sie einem Trend, der sicherlich für viele Arbeitgeber von Vorteil ist. Denn junge Fachkräfte zu rekrutieren wird zunehmend schwieriger und somit steigt die Attraktivität von erfahrenen Arbeitnehmern, die sich durch ein Studium weiterbilden. Doch um die Karriere ging es Heike Schmidt in erster Linie gar nicht, als sie sich für das „verspätete“ Studium entschied: „Ich wollte einfach meinen Traum vom Studium verwirklichen, bevor ich 50 werde und mich persönlich und fachlich weiterqualifizieren, aufbauend auf vorhandenen Kompetenzen.“

Mittlerweile sind drei Semester vergangen und Heike Schmidt hat in ihrem Studium bereits die Halbzeit erreicht. Nach weiteren drei Semestern – im Oktober 2018 – wird die lebenslustige Frau als „Bachelor of Arts Bildung und Erziehung von Kindern“ abschließen. Doch das klingt leichter gesagt als getan. Wenn man Geschichten von ähnlichen „Spät-Studierenden“ liest, dann klingt die Vereinbarkeit von Beruf und zusätzlichem Studium immer unkompliziert und irgendwie zu schön, um wahr zu sein. Doch welchen Herausforderungen man sich in der Welt zwischen Studium und Arbeit stellen muss und wie man Klausuren, Schichtdienste und die Wochenend-Fußballspiele der Kinder unter einen Hut bekommt, hat uns Heike Schmidt ganz ungeschönt erzählt...

Frau Schmidt, wie hat Ihre Familie reagiert, als Sie verkündet haben, dass Sie berufsbegleitend studieren möchten?

Mein Partner und die Kinder haben ganz klar gesagt: „Mach das, wir unterstützen dich!“ Meine Mutter war da etwas skeptischer. Sie hat mir vor Augen geführt, wie ausgefüllt meine Wochen ohne Studium schon sind und dass ich mir das reiflich überlegen sollte.

Wie hat Ihr Arbeitgeber auf Ihren Entschluss reagiert, ein berufsbegleitendes Studium zu beginnen? Und wie sehen das Ihre Kollegen?

Meine Teamleiterin aus „Haus Lebensfreude“ hat es sofort befürwortet. Auch die Leitungsebene des CJD Erfurt stand dem Ganzen aufgeschlossen gegenüber und hat sich gefreut, dass ich in dem Bereich mehr Know How erwerben möchte. Mit meinem Kollegenteam von der Wohngruppe arbeite ich schon seit vielen Jahren zusammen und sie sind natürlich unmittelbar betroffen, weil ich seit Studienbeginn nicht mehr so flexibel in der Dienstplanung einsetzbar bin. Zum Beispiel kann ich in den Semesterzeiten freitags keinen Spätdienst machen. Aber sie hatten mir im Vorfeld ihre Unterstützung angeboten und durch gute Absprachen läuft es schon seit drei Semestern gut. Natürlich darf ich auch meine Aufgaben als Wohngruppenleiterin und Praktikantenbetreuerin nicht vernachlässigen.

Was genau verbirgt sich eigentlich hinter einem berufsbegleitenden Studium?

Es ist so umfassend wie ein Vollzeitstudium. Das heißt, die Anforderungen und Themen sind die gleichen. Die Präsenzzeit liegt hier allerdings am Wochenende (freitags ab 15 Uhr und samstags ganztägig) sowie an zwei Blockwochen im Semester. Studierende, bei denen die Ausbildung noch nicht so viele Jahre zurückliegt, können von bestimmten Prüfungsleistungen befreit werden. Auf mich trifft das allerdings nicht zu. Zudem müssen wir ein Pflichtpraktikum machen. Das ist in den Stundenplan integriert und erfolgt in dem Bereich, in dem wir arbeiten.

Mein Studium ist auch eine Art Entwicklungsprozess für mich. Regelmäßig überdenkt man durch das vermittelte Wissen seine pädagogische Haltung, sieht manches aus einem anderen Blickwinkel. Wo gibt es Bedarf, Notwendigkeiten, Kompetenzen? Wenn wir über Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sprechen, so kann dies von reiner Fremdbestimmung bis hin zur Selbstbestimmung reichen. Wie setzen wir die Kinderrechte in unserem Haus um? In welchem Bereich können wir uns weiterentwickeln und verbessern?

Auch wenn es schon eine Weile zurückliegt, wie haben Sie sich an Ihrem ersten Tag an der Fachhochschule gefühlt zwischen all den anderen Studierenden?

Es war so schön, dass dieser langersehnte Wunsch in Erfüllung ging. Am ersten Tag wurde mir das noch einmal richtig bewusst, als ich über das Campusgelände lief. Ich war dabei! Außerdem war ich neugierig auf die Mitstudenten und glücklich als ich feststellte, dass ich nicht die Älteste war. Sechs meiner 24 Kommilitonen sind wie ich über 40.

In den vergangen 20 Jahren hat sich ja auch einiges an den Hochschulen geändert. Neue Lerntechniken und Forschungsmethoden sind gefragt. Können Sie mit Ihren Kommilitonen mithalten oder gibt es Grenzen, an die Sie stoßen?

Mein Vorteil ist, dass ich viel mehr Praxiserfahrung habe und Studieninhalte daher besser nachvollziehen kann. Meine jüngeren Mitstudierenden haben den Vorteil, dass sie sich mit aktuellen Themen besser auskennen. Zum Beispiel gab es den Thüringer Bildungsplan zur Zeit meiner Ausbildung noch nicht. Auch mit Power-Point-Präsentationen tue ich mich schwer. Aber die werden von Mal zu Mal besser. Hinzu kommt: Außer mir und einer Kommilitonin arbeitet keiner der Mitstudierenden parallel in einer 40-Stunden-Woche.

Und wie bekommen Sie Ihr Familienleben auch noch unter einen Hut? Gibt es Abstriche, die Sie oder Ihre Familie machen müssen?

Sicherlich. Zum Glück sind meine Kinder mit einer Mutter in Schichtarbeit aufgewachsen und kennen es, wenn ich am Wochenende nicht immer zu Hause oder am Abend nicht da bin, um sie ins Bett zu bringen beziehungsweise wichtige Themen zu besprechen. Ich versuche die Zeit, die wir zusammen verbringen können, so intensiv wie möglich zu nutzen und zu genießen. Leider finde ich nur selten Zeit, um mich mit Freunden zu treffen oder Veranstaltungen zu besuchen.

Wie sieht eine typische Woche bei Ihnen aus?

Von einer typischen Woche kann man im Schichtdienst nicht ausgehen, da die Dienste in einer Woche verschieden sein können. Zudem arbeiten wir mit Teildienst, in dem ich dann morgens und nachmittags auf Arbeit bin. So müssen die Tage in Absprache mit der Familie täglich aufs Neue durchgesprochen und strukturiert werden. Zu berücksichtigen sind dabei Arzttermine, das Fußballtraining meiner Jungs und die Spiele am Wochenende, die tägliche Gassi-Runde mit unserem Mischlingshund Lotte, einmal wöchentlich Bauch-Beine-Po für mich, Haushalt, Garten, Wochenendeinkauf, Elternabende, Stammtische, Geburtstage. Um die Balance zwischen Joballtag und Studium zu schaffen, helfen mir die täglichen Spaziergänge mit unserem Hund und der Sport. Alle 14 Tage gönne ich mir einen Saunabesuch.

Was spricht für und was gegen ein berufsbegleitendes Studium in der Mitte des Lebens?

In einem so verantwortungsvollen Tätigkeitsfeld wie meinem ist es wichtig, regelmäßig seine Arbeit und Haltung zu reflektieren, was ganz klar durch solch ein Studium geschieht. Verknüpfungen und das Verständnis von Theorie und Praxis sind leichter, wenn Berufserfahrung vorhanden ist. Es entstehen neue Ideen, die man in seine Arbeit einfließen lassen kann. Auch der Erfahrungsaustausch mit Kommilitonen ist sehr hilfreich.

In einem berufsbegleitenden Studium erlebt man allerdings nicht ganz das typische Studentenleben mit langen Semesterferien und staatlicher Unterstützung in Form von BAföG. Ich will meinen Lebensstandard als Familie mit zwei Kindern und Hund behalten. Das Arbeiten in Teilzeit wäre für mich nicht so einfach möglich. Schließlich müssen Wohnung, Auto, Kinder und Hund finanziert werden. In jungen Jahren ohne Familie wäre dies einfacher.

Welche drei Fragen sollte sich jeder stellen, der sich für ein spätes Studium entscheidet?

Welches Ziel verfolge ich damit?
Habe ich den Ehrgeiz und die nötige Motivation?
Kann ich es mit meiner Familie vereinbaren?

Blicken Sie doch einfach mal auf die Zeit vor dem Studium und auf Heute: Was ist die größte persönliche Veränderung für Sie?

Ich rede nicht mehr davon, dass ich das Studium machen will. Ich bin voll dabei! Das Studium war seit vielen Jahren mein Traum, den ich nun realisieren kann. Es ist schön, dass ich über meinen beruflichen Tellerrand hinausblicken kann und mir theoretisches Wissen aneignen kann. Und ich freue mich, dass ich meine neuen Erkenntnisse auch mehr und mehr in der Berufspraxis anwenden kann.
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