Zwei neue Türme für Erfurt? Eine überragende Idee für die Peterskirche

Dr. Steffen Raßloff (links im Bild) und Jürgen Valdeig machen sich für die Erfurter Peterskirche stark.
 
Blick auf den noch bestehenden Teil der einstigen Klosterkriche St. Peter und Paul.

Bekommt Erfurt bald zwei neue Türme, die die Stadt überragen und von hier aus einen wunderbaren Blick bieten? Dr. Steffen Raßloff und Jürgen Valdeig kämpfen für die Aufwertung des Kulturdenkmals Peterskirche.



Die BUGA, die Bundesgartenschau, wird im Jahr 2021 in Erfurt zu Gast sein. Bis dahin ist noch viel Zeit. Ist es nicht, widersprechen Dr. Steffen Raßloff und Jürgen Valdeig. Die Gedanken der beiden Männer, des Historikers und des engagierten Heimatmalers, gelten vor allem dem Peterberg, der in der BUGA-Planung eine wesentliche Rolle spielt. „Nun ist die Frage, was passiert mit dem Juwel vom Petersberg, der Peterskirche?“, bringt es Steffen Raßloff auf den Punkt. Schließlich ist die einstige romanische Klosterkirche St. Peter und Paul - besser gesagt deren Überbleibsel - nicht nur das bedeutendste Bauwerk an diesem Standort, sondern demnächst das letzte unsanierte. Heute ist etwa die Hälfte der Kirche erhalten. Das Gebäude gehört zur Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten und beherbergt seit 1993 das Forum Konkrete Kunst.

Ein wahrlich großes Vorhaben


Steffen Raßloff und Jürgen Valdeig haben mit diesem für Erfurt wichtigen Kulturdenkmal einiges vor. Die Sanierung der Fassade ist überfällig, sind sich die Männer einig. Außerdem könnte eine Ausstellung im Inneren des Gebäudes über die wechselvolle Geschichte der Kirche berichten. Der dritte Punkt in ihrer Vorhaben-Liste ist zugleich der spektakulärste: Einst hatte die Peterskirche zwei alles überragende Türme. Mehrere Jahrhunderte lang bildete sie gemeinsam mit Dom und Severikirche die Erfurter Stadtkrone. Eine moderne Rekonstruktion dieser beiden Türme würde nicht nur Geschichte wieder erlebbar machen, sondern ebenso den BUGA- und späteren Petersberg-Besuchern ungeahnte Ausblicke ermöglichen.

Überwältigender Blick


Der Blick von hier aus ist überwältigend. Ebenso der Blick von weither auf die Türme. „Diese alte, imposante Stadtkrone wiederherzustellen ist unser großer Traum“, gibt Jürgen Valdeig zu. Lange schon beschäftigt er sich mit der Peterskirche, wie sie einst war, gibt ihr in seinem neuen Kalender und als Bild auf Tassen wieder ein Gesicht. Dabei müssen die Türme gar nicht dieselbe Höhe erreichen wie früher. Angemessen solle die Größe sein, den Proportionen des noch erhaltenen Bauwerks entsprechend. Und sie müssten auch die Spitzen von Dom und Severi nicht überragen. „Es geht nicht darum, die alte Kirche in ihrer gesamten Dimension wiederzubekommen, wir wollen kein Wolkenkuckucksheim bauen“, sagt Dr. Raßloff. Mit Sanierung, Ausstellung und den beiden Türmen, in stilisierter Form, hätten sie ihr großes Ziel vollkommen verwirklicht.

Offene Ohren


Bislang, so berichten die beiden Initiatoren, sind sie mit ihrer Idee auf offene Ohren gestoßen. Bei Politikern in der Stadt, bei den Erfurtern sowieso. Professor Ludwig Güttler, einen der bedeutendsten Kämpfer für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkriche, haben sie auch auf ihrer Seite, er ist von der Idee sehr angetan. Nun geht es langsam darum, nicht nur nebenbei über derart hochfliegende Träume zu plaudern, sondern mit den konkreten Planungen zu beginnen. „So langsam entdecken die Erfurter ihre alte Stadtkrone wieder“, freut sich Steffen Raßloff und hofft, noch mehr Landeshauptstädter für die Sache begeistern zu können. Noch in diesem Jahr, so haben sich die Männer vorgenommen, wollen sie mit allen Verantwortlichen an einen Tisch kommen. „Wir stehen Gewehr bei Fuß“, sagen sie. Bis zur BUGA - wenn sich bis dahin auf dem Petersberg etwas tun soll - ist nämlich gar nicht mehr so viel Zeit.

Historiker Dr. Steffen Raßloff über die Peterskirche:


Über Jahrhunderte war die romanische Klosterkirche St. Peter und Paul neben Dom und Severikirche die weithin ausstrahlende zweite Stadtkrone. Der seit 1060 dort ansässige Benediktinerorden hatte von 1103 bis 1147 dieses Gotteshaus errichtet. Es wurde auch zum Ort großer politischer Ereignisse, wie der Unterwerfung Heinrichs des Löwen unter Kaiser Barbarossa 1181 oder der Reichstag König Rudolfs von Habsburg 1289/90. Schon in der „Weltchronik“ des Hartmann Schedel von 1493, der wir die erste Stadtansicht Erfurts verdanken, ist gleich zu Beginn die Rede von „einem hohen Berg, den man Sankt Peters nennet“ und auf dem sich ein altehrwürdiges Kloster befinde. Fortan findet man auf allen Ansichten und Stadtplänen jenen imposanten Komplex, dessen Türme am höchsten gen Himmel ragen. Dass Kirche und Kloster weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden sind, haben die Preußen zu verantworten. Nach den kriegsbedingten Zerstörungen vom November 1813 rissen sie die Reste des Klosters ab und errichteten stattdessen die riesige Defensionskaserne. Die Kirche wurde ihrer Türme beraubt, auf die Hälfte der einstigen Höhe zurück gebaut und eine hölzerne Zwischendecke eingefügt. Fortan nutzte man sie bis in die DDR-Zeit als Lagerhaus. Welches Kulturgut der Stadt Erfurt hierbei verloren gegangen ist, lässt neben alten Stadtansichten ein großes Modell im Stadtmuseum erahnen.


Im 20. Jahrhundert wuchs das Bewusstsein in der Erfurter Bevölkerung für jenes außergewöhnliche Kulturdenkmal wieder. Von 1905 bis 1911 war sogar eine „Vereinigung für Wiederherstellung der Peterskirche“ in Zusammenarbeit mit Militär und Behörden um die Rekonstruktion der Kirche bemüht, wenngleich das Projekt letztlich scheiterte. In den folgenden Jahrzehnten blieb es bei der Nutzung als Lagergebäude, wobei nach dem Ersten Weltkrieg 1914/18 auf die militärischen nunmehr zivile Nutzer folgten.


Erst nach der friedlichen Revolution und deutschen Wiedervereinigung 1989/90 rückte der Torso der Peterskirche wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit.
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