Seltene Tiere & Pflanzen sind hier zu Hause: Steppenrasen an der Burg Gleichen

Matthias Hartmann inspiziert den Steppenrasen.
 
Der Hang mit dem Steppenrasen.
Ein seltenes Stück Erde findet sich am Südhang der Burg Gleichen. Der hier vorkommende Steppenrasen gewährt seltenen Pflanzen und Tieren eine Heimat.


Naturkunde außerhalb von Museumsmauern: "Hier können wir direkt beobachten und erforschen", freut sich Matthias Hartmann, Direktor des Erfurter Naturkundemuseums, über Herausforderungen und eine wunderbare Bereicherung durch den Außenstandort des Hauses. Seit 2013 obliegt die Betreuung der Burg Gleichen dem Museum. Sie thront mitten in einem geschützten Gebiet, an ihrem Südhang findet sich der seltene Steppenrasen, etwa zweieinhalb Hektar davon. Deutschlandweit gibt es weniger als 1000 Hektar Steppenrasen, 400 in Thüringen.

Baumlos, trocken und voller Leben


Eine Steppe ist eine baumlose Graslandschaft, die mit weniger als 500 Milliliter Niederschlag im Jahr auskommt. Der trockende, durchlässige Boden speichert kein Wasser und kann bei starker Sonneneinstrahlung bis zu 60 Grad Celsius heiß werden. "Die Pflanzen sind an diese Bedingungen angepasst, speichern in ihren Wurzeln viel Wasser", muss sich Hartmann keine Sorgen um die Versorgung machen. Hier haben sich seltene Tier- und Pflanzenarten angesiedelt, die gefährdet sind. Matthias Hartmann weiß um die Pflegebedürftigkeit der Umgebung. Ganz behutsam müsse man da vorgehen, mit viel aufwendiger Handarbeit. Gerade an diesem steilen Hang bei 30 bis 40 Prozent Neigung sei es schwierig und mitunter sehr gefährlich, den Steppenrasen zu pflegen. "Manchmal ein echter Knochenjob", weiß der Naturliebhaber. Zunehmender, anders als früher verteilter Regen machen die Fläche fruchtbarer für Nicht-Steppenrasenbewohner, die nahe Autobahn mit ihren Fahrzeug-Abgasen sorgt für so etwas wie eine Düngung aus der Luft. Die unerwünschten Ansiedler, zu denen immer wieder auch Gehölze gehören, müssen entfernt werden, um den Lebensraum für die bedrohten Arten zu erhalten. Mit viel ehrenamtlichem Einsatz und Schafen, die etwa zweimal im Jahr am Burghang weiden, bleibt der Steppenrasen erhalten.

Viel ehrenamtlicher Einsatz vonnöten


Nachdem das europäische Steppenrasen-Projekt im vergangenen Jahr ausgelaufen ist, sind nun vor allem wieder die Naturschützer vor Ort gefragt. Ohne sie würde es dem Trockenrasen am Burghang weniger gut gehen, allein 90 Prozent der notwendigen Pflegearbeiten übernehmen Mitglieder vom Verein RABE e.V. und die Museums-Mitarbeiter ehrenamtlich. Ihr Lohn: Zu wissen, dass sie den 18 hier vorkommenden Pflanzenarten und den ebenso seltenen tierischen Bewohnern den Lebensraum erhalten. Besucher dürfen sich natürlich ebenso erfreuen an dem gedeihenden Gebiet. Schilder an den Wegesrändern informieren über dessen Bewohner, im Burghof sind extra Beete angelegt, um die Pflanzen aus der Nähe zu betrachten. Auf dem Hang sollte man nicht unbedingt umherklettern, die wenigen Trampelpfade dort zu benutzen, findet der Museumsdirektor nicht weiter schlimm. Da bereiten ihm eher die Quadfahrer Sorgen, die rücksichtslos mit ihren Fahrzeugen den Boden aufwühlen. Sie sollten dem Steppenrasen besser seine Ruhe gönnen.


Bei den Naturliebhabern sorgt er immer wieder für ungewöhnliche Anblicke. "Ich genieße es jedesmal, hier zu sein", gesteht Matthias Hartmann. Es ist phantastisch, von Woche zu Woche die Veränderungen in der Natur zu sehen, sagt er und genießt vor allem jetzt die Zeit. "Im Juni, bis in den Juli hinein, ist es hier am schönsten!"



www.naturkundemuseum-erfurt.de


Fakten rund um den Steppenrasen:


- In Deutschland gibt es weniger als 1000 Hektar Steppenrasen, 40 Prozent davon sind in Thüringen, vor allem im Thüringer Becken und auch kleinere Flächen im Drei-Gleichen-Gbeiet

- Seit etwa 150 Jahren spricht man vom Steppen- oder Trockenrasen, früher bezeichnete man solche Flächen einfach als 'totes Land'

- Gehölze bedrohen den Steppenrasen, traditionelle Beweidung mit Schafen und Ziegen verhindert das. Am Hang der Burg Gleichen sind dafür zwei- bis dreimal im Jahr Schafe im Einsatz.

- Der Verein "Ried-, Auen- und Burgen-Landschafts-Entwicklung e.V." (RABE e.V.) hat auch den Schutz des Steppenrasens, ein "Vorposten" großer osteuropäischer Steppen", auf seine Fahnen geschrieben, absolviert vor Ort Einsätze, um das sensible Gebiet zu erhalten.

- Steppenrasen-Aufwertung, -erweiterung und -sicherung ist auch eine europäische Angelegenheit. Das LIFE-Projekt unter Trägerschaft des Thüringer Ministeriums für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz widmete sich von 2009 bis Juli 2015 in 14 Projektgebieten im Thüringer Becken und seinen Randlagen der Erhaltung und Entwicklung der Steppenrasen Thüringens.

- 90 Prozent der Arbeiten für den Erhalt des Steppenrasens am Hang der Burg Gleichen geschehen auf ehrenamtlicher Basis, getragen vom RABE e.V. und dem Erfurter Naturkundemuseum

- Vom Landkreis Gotha gibt es rund 2000 Euro pro Jahr für den Fortbestand des Steppenrasens am Burghang





Einige seltene Pflanzen am Burghang

(18 Arten):

- Orchideen wie die Bocksriemzunge und das Blasse Knabenkraut

- Nach dem Entfernen von Schwarzkiefern hat sich der Bestand an Bienenragwurz (eine Orchideenart) innerhalb eines Jahres verzehnfacht.

- Pannonische Katzenminze (hier ist Thüringens einziges Standort)

- verschiedene Disteln

- das Haar-Pfriemengras (Federgras) ist das typische Steppengras, inzwischen wächst es sogar auf den Burgmauern.



Seltene Tiere

(insgesamt 80 Arten):

- Rote Schnarrschrecke

- Blauflügelige Ödlandschrecke

- verschiedene Laufkäfer

- eine Weichkäfer-Art, die erst nach 100 Jahren hier wieder nachgewiesen werden konnte und nur an diesem einzigen Standort in Mitteleuropa vorkommt

- Ameisenfischschen

- Hirschkäfer
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Petra Wolf aus Gotha | 19.06.2016 | 09:48  
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