1914-2014 - 100 Jahre Krieg

  Der Doktor schnappt seine Tasche zu, wäscht sich die Hände und drückt sein Bedauern gegenüber der Frau aus.
Die junge Frau ist verzweifelt. Da liegt ihr kleiner Sohn Otto, knapp vier Jahre alt, bleich und blass im Bett. Er hatte Diphtherie. Der kleine Körper hat den Kampf verloren.
Seit zwei Jahren tobt in Europa Krieg, die Ernährungslage ist schlecht. Lene hat noch zwei Kinder, Fritz ist sechs Jahre alt und Lotte zwei. Sie ist wieder schwanger und der Mann ist im Felde, wie es so schön umschrieben heißt. Die Wahrheit sieht ganz anders aus.
Als Lene und Alfred 1910 heirateten, schienen es glückliche Tage zu werden. Aus Leinenweberfamilien stammend hatte der Mann in Eisenach Lohn und Brot gefunden. Fred arbeitete als Eisendreher in den Automobilwerken der Firma Dixi, Lene kümmerte sich um die Kinder.
Aber dann kam der Krieg; für das Vaterland, für die Ehre, hieß es. Der Mann, Ende Zwanzig, gehörte nicht zu den Hurra-Schreiern, er war 1908 den Freidenkern beigetreten und wusste, das ist nicht sein Krieg, es ist der Krieg der Herren.
Was heißt das überhaupt: „Im Felde stehen“? Die Nächte in Schützengräben, voller Schlamm und Matsch, „dem Feind“ unmittelbar gegenüber stehen. Auf dem Col du Linge sind sie immer noch zu sehen, die Gräben. Ein Nervenkrieg, ein Giftgaskrieg, war es. In diese Gräben habe ich mich gestellt. Man konnte dem Feind ins Gesicht sehen. Es war ein bedrückendes Gefühl.
Ein deutscher Physiker, Fritz Immerwahr, hat das Giftgas entwickelt und hat dafür den Nobelpreis erhalten. Als er gefragt wurde, ob die hundertausendfache Quälerei von Soldaten. nicht sein Gewissen belaste, war die Antwort „Nein“. Nein, weil dann die Franzosen etwas Ähnliches erfunden hätten. Deshalb fühlte er sich moralisch nicht verpflichtet.
Seine Frau Clara war auch Physikerin. Er hatte sie während des Studiums kennen gelernt und 1903 geheiratet. Sie bekamen einen Sohn. Vergeblich flehte Clara ihren Mann an, das Massensterben nicht zuzulassen. Er lehnte dies ab. Deshalb ging sie in den Freitod. Noch am Tag ihres Todes forschte er ungerührt weiter nach neuen Giftgasen.
Mein Großvater kommt aus dem Krieg zurück, aber seine Augen sind schwer geschädigt durch einen Fronteinsatz, bei dem er sich mit Giftgas verletzte. Eine spätere Verletzung, ein Lungensteckschuss, löste eine dauerhafte Bronchitis aus, an deren Folgen er verstarb.

Ohne jedes Heldentum findet täglich das Abschlachten von Menschen in diesem Krieg statt. Um Fred herum ein Krachen und Splittern, unmittelbar vor seiner Stellung Gewehrfeuer, eine Kugel trifft. Lungensteckschuss! Fred taumelt und verliert das Bewusstsein. Im Lazarett wacht er wieder auf. Er nimmt die weinende Frau über sich wahr. Nun begegnen sie sich wieder, Wanderer in einer freudlosen Welt, die nicht wissen, wie das Ende aussieht.
Und in der Tat fragen sich beide, warum er an der Front zum gegenseitigen Totschlagen angetreten ist und zu Hause die Hungerschlacht tobt?
80 Jahre später stand ich auf einem dieser Kampffelder im Elsass und fand immer noch Splitter.
Mächtig muss das Toben um dieses Fleckchen Erde gewesen sein, sowohl von französischer als auch von deutscher Seite.


-2-

Fred heilt die Verwundung aus, aber auf ihn wartet die nächste Front. Wo wird das sein? Flandern, Ypern, Dixmuiden oder Galizien?
Aber auch zu Hause ist alles Elend. Der Krieg brachte den Umstand mit sich, dass Frauen jetzt die Männerberufe ausüben. Schaffnerin, Taxi-Fahrerin, Gespannführerin, Kassiererin, Eisendreherin usw. Lene arbeitet als Köchin im Schmiedehof, der jetzt Soldaten-Kantine ist. Die Kinder hat sie im Schlepptau. Sie hängen an ihren Röcken und schreien nach Brot.
Dabei hat sie noch Glück. Die Geburt, es ist ein kleiner Junge, verläuft gut. Er bekommt den Namen Werner und mit 21 muss er in den nächsten Krieg. Als im Radio 1953 die Namen von Soldaten verlesen wurden, die aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurden, war er scherkrank dabei. Lene rollten die Tränen übers Gesicht. Es war für sie eine Erlösung.
Der Mann kommt 1918 nach Hause. Alles, was vernichtet wurde, kann wieder aufgebaut werden.
Fred sagt: „Wir wollen das ganze Leben daran denken, was wir durchgemacht haben, und es soll nie wieder Krieg sein.“ Er gehörte zum Arbeiter- und Soldatenrat und erlebte 1920, wie Marburger Studenten diese Männer einfach erschossen. Es waren fünf in Eisenach, 12 in Thal und 15 im Webbicht bei Weimar. Jedes Jahr gab es ein Gedenken an die „Märzgefallenen.“ An der Hand von Opi war ich mit dabei.

Kriege zu verhindern, lag nicht in ihrer Macht, denn bald ziehen die Söhne und Enkel in den Krieg. Selbst der Urenkel fällt in Afghanistan, im Felde. Von Deutschland geht 2013 immer noch Krieg aus.
Gesellschaftlicher Wahnsinn! Es muss einer mal ganz konsequent Nein sagen!

Ute Hinkeldein

Meine Großeltern:
Foto 1+2: Alfred Keyser (1885-1963),
Foto 1: Magdalena Keyser, geb. Schenk (1891-1963), Heirat 1910
Kinder:
Friedrich (1910-1974)
Otto (1912-1916)
Charlotte Frida Berta (1914-1994)
Werner (1917-2002)
Elisabeth (1922-1973)
Gerda 1929
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10 Kommentare
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Uwe Zerbst aus Gotha | 26.12.2013 | 19:00  
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Joachim Kerst aus Erfurt | 02.01.2014 | 10:28  
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Hannelore Grünler aus Artern | 03.01.2014 | 07:05  
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Antje Hellmann aus Jena | 03.01.2014 | 14:07  
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Hannelore Grünler aus Artern | 03.01.2014 | 17:53  
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Simone Guhr aus Zeulenroda-Triebes | 03.01.2014 | 19:12  
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Hannelore Grünler aus Artern | 03.01.2014 | 20:01  
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Simone Guhr aus Zeulenroda-Triebes | 04.01.2014 | 12:40  
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Hannelore Grünler aus Artern | 04.01.2014 | 20:57  
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Joachim Kerst aus Erfurt | 14.01.2014 | 20:26  
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