Allerweltspredigt oder tiefes Zeugnis?

Was darf man erwarten, wenn der Stellvertreter Gottes kommt? 30.000 Gläubige standen früh auf, kamen auf den Domplatz und hörten eine Predigt, die möglicherweise ein Redenschreiber Papst Benedikt aufs Manuskirpt gezaubert hat. War das diesen Rummel wert?

Ein bisschen Heilige Elisabeth von Thüringen (die zumindest einmal als Elisabeth von Tübingen durchging) ein bisschen Bonifatius. Beide Diktaturen, die braune und die rote, wurden angerissen. Der Papst ist dabei aber an der Oberfläche geblieben.

Elisabeth von Thüringen "kam" auch nicht aus Ungarn nach Thüringen, wie der Papst sagte: Nach heutiger Lesart wurde da ein vierjähriges Kind verschleppt. Denn bereits zu ihrer Geburt wurde sie mit dem einflussreichen Hermann von Thüringen verlobt und deshalb in diesem jungen Alter nach Thüringen - ohne ihre Eltern - verbracht. Dass sie unter solchen Umständen, nach allem was man weiß, diese Verdienste erworben hat, wäre ausreichend Stoff für eine eigene Predigt gewesen, mit vielen Möglichkeiten dabei auf das hier und heute überzuschwenken: Aber, es blieb in der Predigt Benedikts bei einem kleinen geschichtlichen Abriss, den jeder bei Wikipedia nachlesen kann.

Wer in den hinteren Reihen stand, siehe Bericht von Florian Storch, sah ihn nicht. Wer ihn nur sehen wollte, kam also mancherorts nicht auf seine Kosten. Wer ihn hören wollte, erlebte eine allerwelts Sonntagsmesse ohne Tiefgang.

Der Past konnte auf seiner Reise nur für kurze Momente glänzen: Als er im Bundestag die (mehrheitlich evangelischen) Grünen würdigte, setzte er ein überraschendes Zeichen. Dagegen verpasste er die Chance im Augustinerkloster, wo er an historischer Stelle einen echten Schritt hätte gehen können. Die ev. Kirche bleibt weiter eine Glaubensgemeinschaft, Abtrünnige Roms, die man in die Kirche heimholen möchte. Auf der anderen Seite wird mit den Pius-Brüdern verhandelt, die weder Evangelen, noch Muslime noch Juden anerkennen (Du sollst keine Götter neben mir haben). Unverständlich für Nicht-Katholiken.

Die Themensetzung auf dem Domplatz taugte nicht, um junge Menschen für die Kirche zu interessieren, die nicht von Hause aus schon so aufgewachsen sind. Nach wie vor ist die Rede von "Gott dem Herrn", dessen 2000 Jahre alten Geboten sich die Gläubigen unterwerfen, nach den immer gleichen Ritualen des Abendmahles.

Dabei arbeiten eine Vielzahl von Katholiken (siehe Suppenküche, Caritas, in Kinderheimen, Seelsorge ect. und an vielen anderen Stellen) im Alltag an neuralgischen Punkten, bieten dort Hilfe an, wo Menschen ausgegrenzt sind.

Woher stammt also die Kluft? Warum trinkt der Stellvertreter, der sich auf Jesus beruft, vor aller Welts Augen aus einem goldenen Kelch, trägt goldene Siegelringe und sitzt auf goldverzierten Stickereien?

Dabei hat Benedikt ebendiese Kluft selbst angesprochen und zitierte Mutter Theresa, die auf die Frage "Muss die Kirche sich ändern, moderner werden?" gesagt haben soll: "Wir und Sie" müssen sich ändern! Ein Satz, den jeder ersteinmal unterschreiben kann. Warum aber läuft dann diese Veranstaltung nach solchem Muster ab?

Eine Million Euro gibt die Stadt Erfurt für fünf Prozent ihrer Bevölkerung für diesen Papstbesuch ohne zu zögern aus. Aber beispielsweise fehlte im Kindergarten Weltentdecker das Geld, nach einer Sanierung des Fußbodens nach 20 Jahren Betriebszeit auch noch die Tapeten zu erneuern. Sie sollten zum 20. Mal überstrichen werden, dabei kamen den Kindern schon die Fetzen von der Wand entgegen. Nur mit viel Gezerre konnte erreicht werden, dass nun doch neues Papier an die Wände kommt.

In der Schule am Zoopark sollte sich mal jemand die Umkleideräume für die Jungen und Mädchen ansehen, die stammen aus DDR-Zeiten. Aber für den Papstbesuch wurde der benachbarte Parkplatz erneuert. Wer wiegt diese Ausgaben so ab?

Zum Konzert von Peter Maffay waren auch 25.000 Leute auf dem Domplatz, ohne dass jemand auf die Idee gekommen wäre, Parkplätze in der Nähe des Zoos bereit zu stellen. War das alles gerechtfertigt?

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4 Kommentare
Axel Heyder aus Erfurt | 28.09.2011 | 14:18  
16.680
Steffen Weiß aus Gera | 29.09.2011 | 07:34  
Axel Heyder aus Erfurt | 29.09.2011 | 08:32  
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Florian Storch aus Gotha | 29.09.2011 | 12:00  
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