BA-Chef Senius: "Fachkräfte sind deutlich im Vorteil"

Kay Senius, Chef der BA-Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen

Interview mit Kay Senius, Chef der Arbeitsagentur Sachsen-Anhalt/Thüringen


Es existieren viele offene Stellenangebote und trotzdem gibt es eine hohe Arbeitslosigkeit. Worauf ist das zurückzuführen? Kann man den Statistiken überhaupt vertrauen?
Zunächst hat sich die Arbeitslosigkeit im Freistaat seit 2006 auf nunmehr 90 000 halbiert, das ist eine sportliche Entwicklung am Arbeitsmarkt. Aktuell haben wir rund sechs Arbeitslose pro gemeldeter Stelle und dennoch fällt uns die Stellenbesetzung manchmal schwer. Die Nachfrage nach Fachkräften wird also nur dann problemlos befriedigt, wenn ihr ein passendes Arbeitskräfteangebot gegenüber steht. Neben Qualifikation spielen da auch Faktoren wie Mobilität, zeitliche Flexibilität oder persönlicher Habitus eine Rolle. So haben wir derzeit fast 27 Bewerber auf eine freie Stelle im Bereich der Büroorganisation, dagegen aber nur einen Bewerber pro Stelle im Bereich der Mechatronik. Diesen Effekt nennen wir „Mismatch“.

Viele Stellenangebote der Arbeitgeber sind angeblich aufgeblasen: Die ausgeschriebenen Angebote sind gar nicht vorhanden oder man möchte auf diese Weise Werbung betreiben (so groß, fortschrittlich und vielseitig sind wir). Wie lässt sich diese Unehrlichkeit verhindern?
Das ist nicht unser Eindruck und auch nicht die Regel - zumindest, was unsere Jobbörse betrifft. Unser Arbeitgeberservice arbeitet ja auch über das Stellenan-gebot hinaus mit den Unternehmen zusammen. Viele Firmen können zudem eigenständig Stellenangebote einstellen und Arbeitskräfte suchen. Das passiert tausendfach im Monat. In die öffentliche Berichterstattung schaffen es aber meist nur die einzelnen schwarzen Schafe.

Welche Rolle spielt die Qualifikation der Arbeitnehmer? Genügen sie heutigen Ansprüchen überhaupt und wie steht es um die Bereitschaft der Menschen, sich weiter zu qualifizieren?
Die Entwicklung zeigt ganz klar, Fachkräfte sind gegenüber Geringqualifizierten deutlich im Vorteil, das wird auch so bleiben. Ich möchte das an einem Beispiel belegen: Wir haben derzeit in Thüringen 191 gemeldete Stellen als Fachkraft in der Altenpflege aber nur 68 Bewerber. Demgegenüber stehen 46 Stellen als Altenpflegehelfer und über 1000 Bewerber. Die Arbeitsagenturen setzen hier an und investieren individuell in Qualifizierungen. Allein im letzten Jahr haben die Arbeitsagenturen und Jobcenter 10 900 Qualifizierungen gefördert.

Welchen Stellenwert nehmen Zeitarbeitsfirmen ein? Werden Stellen bewusst für Zeitarbeiter freigehalten? Und entspricht es den Tatsachen, dass viele Zeitarbeitsstellen ausgeschrieben werden, nur um einen großen Pool an Bewerbern zu bilden?
Selbstverständlich behandeln wir alle Stellenangebote und Unternehmen gleich. Nicht zuletzt durch den Mindestlohn im Bereich der Arbeitnehmerüberlassung hat sich einiges getan. Im Schnitt wird jede vierte Stelle durch Unternehmen aus der Arbeitsnehmerüberlassung gemeldet. Übrigens geben gerade Zeitarbeitsunternehmen auch Bewerbern mit längeren Phasen der Arbeitslosigkeit oder anderen Einschränkungen eine Chance. Das darf bei der Diskussion nicht vergessen werden.

Wie wirkt sich die Kurzarbeit auf den Arbeitsmarkt aus?
Im Jahr 2012 hatten wir im Monat durchschnittlich 7000 Kurzarbeiter. Das liegt noch leicht über dem Niveau, das wir aus den Jahren Anfang des Jahrtausends kennen. Wir sind aber richtig weit von 35 000 Kurzarbeitern aus den Zeiten der Wirtschaftskrise entfernt.

Wie könnte das Missverhältnis zwischen Jobangeboten und Arbeitslosenzahlen gelöst werden?
Leider ist das Mismatch nicht über Nacht zu lösen. Jedem Schüler muss klar sein, dass ein Schulabschluss und eine abgeschlossene Berufsausbildung die besten Voraussetzungen für die Teilhabe am Erwerbsleben sind. Übrigens haben Arbeitsagenturen und das Land Thüringen ein Pilotprojekt in Ostthüringen initiiert, mit dem wir auch Menschen unter 35 Jahre für eine Ausbildung begeistern können. Bislang hat nämlich fast die Hälfte aller Arbeitslosen keinen Berufsabschluss. Weitere Möglichkeiten wären die Verbesserung der Qualität und der Durchlässigkeit des Bildungs- und Ausbildungssystems.

In welcher Weise schlägt die Abwanderung von Arbeitskräften zu Buche?
Hier hat sich Thüringen gut entwickelt. Die Zahl der Auspendler ist in den letzten Jahren leicht gesunken, während es gleichzeitig mehr Einpendler gibt. Es finden also mehr Menschen im Freistaat Arbeit, das ist eine gute Nachricht.

Wie viele Arbeitslose hat ein Vermittler im Schnitt zu bearbeiten?
Wir differenzieren hier verschiedene Altersgruppen. Für die besonders intensiv zu betreuende Gruppe der Jugendlichen hat ein Vermittler rund 75 Kunden, sonst sind es meist 150.

Arbeitgeber beschweren sich, dass die Agentur ihnen ungeeignete Arbeitnehmer schicke. Hingegen beklagen sich Arbeitnehmer, dass die Agentur sie lediglich verwalte und weniger vermittelt. Wie lässt sich das erklären?
Meine Erfahrung ist eine andere. Arbeitgeber beschweren sich nicht darüber, weil die Situation am Arbeitsmarkt auch den Unternehmen bekannt ist. Manche Unternehmen orientieren sich an Talenten von jungen Menschen und sind bereits bereit einen Auszubildenden mit schlechten Schulnoten aufzunehmen.
Ich denke, die Arbeitsagenturen sind gut aufgestellt, das bestätigt uns auch der Kundenzufriedenheitsindex. Die Arbeit mit Menschen in Notlagen ist immer sehr sensibel, das wissen auch die Kollegen vor Ort. Kritische Rückmeldungen nehmen wir immer ernst, deswegen haben wir bereits vor Jahren ein Kundenreaktionsmanagement eingerichtet. Das hilft uns, noch besser zu werden.

Mit Einführung von Alg II hieß es: Forderung und Förderung der Arbeitsuchenden. Welche Maßnahmen wurden bislang umgesetzt?
Die Mischung aus Fordern und Fördern hat möglicherweise einzelne Unschärfen, dennoch überwiegt das Positive. Der Grundsatz des Forderns und Förderns brachte Bewegung in den Arbeitsmarkt. Im Januar 2005 hatten wir im Freistaat 235 000 Arbeitslose, jetzt sind es 90 000. Im gleichen Zeitraum ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung um 65 000 auf 760 000 angestiegen. Es hat sich also etwas bewegt.


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Interview mit Jobexperte Matthias S. Freund
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