Einsicht in meine Stasi-Akte beantragt

Erfurt: Thüringen-Park | Gezielt waren wir gestern im „Thüringen-Park“ – nicht in erster Linie zum Einkaufen sondern, um die dort gezeigten Dokumentationen über das Wirken der Stasi anzusehen.
Ungewöhnlich ist es schon: die Informationstafeln so mitten im unteren Gang. Aber dadurch mischten sie sich beachtenswert aber unaufdringlich in den Alltag der Park-Besucher, fühlte ich, wie die Stasi noch Bestandteil der Gegenwart ist und aus unrühmlicher Vergangenheit in die Zukunft hineinreicht.

Wie junge Menschen verteufelt und daraus resultierend ausspioniert und ihr Leben gebrochen wurden, wobei eine Anzahl der Jugendlichen selbst als Stasi-Spione tätig wurden, ist wieder und immer wieder kaum fassbar. Nicht so sehr die Tatsache selbst – ich war nicht dabei, kenne solche Situationen nicht persönlich, habe somit keine echten Vorstellungen davon. Mich erschreckt, dass man Menschengruppen eine zerstörerische Absicht unterstellte, ihre Gründe ignorierte, weil man sich damit nicht auseinandersetzen wollte und konnte – und das gerade in einem Staat, dem es doch um ein neues gutes Menschenbild ging, der ein neues Deutschland im Visier hatte und die düstere jüngste Vergangenheit vergessen machen wollte.
So sollte es sein, so war es aber offensichtlich nicht – nicht gegenüber diesen auf den Tafeln dargestellten Jugendlichen und ihrem jungen Leben. Und das sind ja nur Beispiele für so viele und für eine total unsozialistische Handlungsweise. Wie dafür Menschen verformt wurden, andere auszuspionieren, wie viele Leben verbildet und zerstört wurden, wie viel Geld dafür vergeudet wurde!!! Stets unfassbar – wenn man damit konfrontiert wird.

Ja, auch im Dritten Reich wurde gelacht, geliebt, geküsst, getanzt, gewandert und konnten Zeiten und Tage verbracht werden, ohne mit Hakenkreuz und braunem Sumpf konfrontiert zu sein. Auch in der DDR waren all diese Dinge möglich und konnten gelebt werden. Besonders schlimm erscheint es mir aber, dass die Stasi ganz und gar entgegen des Staatszieles wirken konnte, durfte, sollte – damit den guten Gedanken des „Sozialismus“ in den Schmutz zog und sogar ins gesellschaftliche Abseits brachte.
Es ist da auch kein Trost, dass allein die Stasi Beweis genug ist, dass die DDR kein wirklich sozialistischer Staat gewesen war – nicht sein konnte. Daraus zu folgern, dass die Zielstellung eines „Sozialismus“ ein Hirngespinst und auf jeden Fall zu verdammen sei, ist allerdings falsch und unhaltbar. (Ein Blick in das Grundsatzprogramm der SPD hilft, das klarzustellen.)

Für mich führte das im „Thüringen-Park“ über die Machenschaften der Stasi Gelesene und Gesehene auch dazu, erneut verbittert und verärgert zu sein, dass meine Arbeit und mein Leben in der DDR dadurch mit heruntergezogen und abgewertet wird, weil heute leider oft diese Zeitspanne unachtsam oder gezielt wie ein grosser Topf für alle darin Gelebten betrachtet wird.

Ich kann das Betrachten dieser Stasi-Dokumentation mitten in unserem Alltag nur empfehlen, finde den Ort und die Form gut gelungen!
Falls noch nicht getan, kann man dort auch Einsicht in eigene Stasi-Akten beantragen. Ich habe sie beantragt, wenn auch der Gothaer Stasi eine gründlich „gesäuberte“ Aktenhinterlassenschaft nachgesagt wird.

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1.Nachtrag (10.04.2012):
Am 02.04.2012 erhielt ich schon eine "Eingangsbestätigung" bei "Der Bundesbeauftragte für Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik":
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass die Bearbeitung aufgrund der Vielzahl der täglich eingehenden Schreiben einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Bitte sehen Sie deshalb von schriftlichen oder telefonischen Nachfragen ab.
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3 Kommentare
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Thomas Twarog aus Erfurt | 12.02.2012 | 11:52  
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Uwe Zerbst aus Gotha | 12.02.2012 | 13:05  
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Hannelore Grünler aus Artern | 12.02.2012 | 22:52  
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