Erinnerungen an Tschernobyl

Gemeinsam mit anderen Familien aus der Regler-Gemeinde sind wir am 26.04.1986 zu einer Rüstzeit nach Bad Sulza aufgebrochen. Der Sohn von Pfarrer Baer leitete dort ein christliches Kurheim und hatte sich mit Spielen, Gesprächen und einem Unterhaltungsprogramm auf die Eltern und Kinder eingestellt.
Wir haben ein bisschen "Westfernsehen" abgeguckt und "Was bin ich?" von Robert Lembke u.a. nachgespielt.

Am 26.04.1986 gab es von den offiziellen Medien der DDR überhaupt keine Nachrichten über die Katastrophe in Tschernobyl. Wir wurden am Abend zu einem Elterngespräch zusammengerufen und über eine radioaktive Wolke, die nun auf uns zukäme, aufgeklärt. In der Folgezeit wurden die Kinderspiele im Freien eingestellt, was für die Kleinen nur schwer nachvollziehbar war.
Meine Tochter, damals 11 Jahre alt, war schon ziemlich selbstständig. Die zwölf Kinder aus der Rüstzeit-Gruppe waren alle in einem Alter zwischen 8 und 12 Jahren. Da musste ganz schön aufgepasst werden, dass sie nicht doch irgendwie ausbüxten.
Das Problem bestand darin, dass man den Kindern mit Rücksicht auf ihren Schulalltag nicht in aller Deutlichkeit erklären konnte, was eine Kernschmelze im Atomreaktor und eine daraus resultierende radioaktive Wolke für Umwelt, Lebewesen und Pflanzen bedeuteten. Eine umfassende Information darüber hätte für Eltern und Kinder erhebliche Konsequenzen gehabt, denn dieses Wissen konnte nur aus dem "Westfernsehen" stammen, das offiziell nicht gesehen werden durfte.
Ich erinnere mich, dass wir auch damals ein wunderschönes Frühlingswetter hatten. Plötzlich gab es auf den Märkten Salatköpfe, Pilze, Gemüse und Kräuter in ungewöhnlicher Hülle und Fülle. Die Leute staunten, weil die Auslagen sonst normalerweise eher mager waren.
Doch vor dem Kauf dieser so lecker aussehenden Waren wurde im Kurheim gewarnt. Wir erfuhren inoffiziell, dass der Westen wegen der befürchteten radiaktiven Verstrahlung diese Waren nicht abgenommen hatte, so dass sie in der DDR landeten.
Angesichts der vermuteten radioaktiven Verseuchung war es in der Folgezeit nicht leicht, für die Familien sich in der DDR einigermaßen gesund zu ernähren.

In Erinnerung an diese Ereignisse und als Warnung angesichts von 25 Jahren Tschernobyl habe ich ein Vierteljahr lang den Thüringer Ostermarsch 2011 vorbereitet. Mit Karin Schrappe von DIE LINKE und Andreas Steinert vom Bündnis 90/Die Grünen gab es eine angenehme Zusammenarbeit. Zusätzlichen Aufschwung erhielten wir durch die dramatischen Ereignisse von Fukushima. Diesmal ereignete sich der Super-GAU in nach westlichen Standards ausgerüsteten und daher als sehr sicher eingeschätzten Kernreaktoren. Wir konnten es nicht fassen! Wir hätten nie geahnt, wie aktuell dadurch unser Motto wurde:

Atomkraftwerke abschalten!
Atomwaffen abschaffen!
Afghanistan-Krieg beenden!

Dann kam auch noch der Krieg in Libyen hinzu! Es war abzusehen, dass wieder vor allem die Zivilbevölkerung leiden würde. Ob Bomben oder Atomstrahlen - alles ist tödlich!

In Thüringen nahmen in diesem Jahr insgesamt 395 Oster-Marschierer an den Demonstrationen teil. Damit lag die Anzahl der Protestler mit 195 Personen über der Teilnehmerzahl von 2010.
Unsere Mühe hat sich gelohnt! Ich hatte im Vorfeld lange überlegt, ob ich 2011 nochmals so aktiv einsteigen könnte, weil mir meine Krankheit für all diese Einsätze sehr viel zusätzliche Energie und Willenskraft abfordert.
Seit langem habe ich eine hartnäckige Anämie und muss Blutspritzen bekommen.
Aber wohl wissend, wie verletzlich diese Welt ist, wollte ich einfach noch mal nützlich sein!
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Annett Deistung (HarzWusel) aus Nordhausen | 27.06.2011 | 21:23  
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