Für ein Fußballstadion mit Atmosphäre – gegen eine unsauber finanzierte Multifunktionsarena!

Es geht ein Gespenst um in Erfurt, das Gespenst der Multifunktionsarena.
Oder wabert gar die nächste Auflage einer Wahllüge wie zur letzten
Stadtratswahl, als die beiden Geschäftsführer der Erfurter Stadtwerke
bewusst widerrechtlich fristlos entlassen wurden, um den
publikumswirksamen Wahlhit fur die jetzt größte Fraktion zu schaffen, durch
den politischen Sumpf? Tatsache ist, dass wir hier defacto an der Nase herum
geführt werden und durch Milchmädchenrechnungen (O-Ton Thüringer
Allgemeine) als Wahlkampfhilfe für die Etablierten für dumm verkauft werden,
ja sogar bedroht werden, wenn wir es wagen sollten, uns kritisch dazu zu
äußern (O-Ton des Klubchefs von Rot-Weiß).

Erinnern wir uns: Im Frühsommer 2011 stimmte der Stadtrat Erfurt, mit
Ausnahme der Freien Wähler, den Planungen zur Multifunktionsarena zu.
Heute beobachten wir mehr oder weniger deutliche oder auch zaghafte
Absetzbewegungen in der politischen Szene – auch wenn manches nur
Theaterdonner zwischen verschiedenen Ministern einer Koalitionsriege ist.
Das gibt den Freien Wählern Mut und Kraft, weiter gegen die
Multifunktionsarena aufzutreten!

Was ist uns bis heute, mit etlichen Monaten Verspätung zur Zeitplanung der
Stadt, bekannt?

Der Anteil der Stadt Erfurt beträgt 4,8 Mio. €, nach anderen Veröffentlichungen in der Tagespresse 5,5 Mio. €. Der Rest sei Förderung von Land, Bund, EU, z.B. aus Tourismustöpfen.
Nebenbei: Gefährdet diese Förderung nicht eventuell die Förderung der BUGA oder wird Erfurt dann eben doppelt gefördert?

Die Förderung beruht auf einem bestimmten Verhältnis von Sport- und anderen (nichtsportlichen) Veranstaltungen und einer Touristenteilnehmerdefinition von „mehr als 50 % außerhalb einer 30-km-Zone um Erfurt – einzuhalten für 25 Jahre“.
Nur zur Klarstellung: In diesen 30 km breiten Ring um Erfurt gehen Weimar, Sömmerda, Bad Langensalza, Gotha oder Arnstadt komplett hinein.

Zuschauer oder Besucher in der Multifunktionsarena von dort und naturlich aus Erfurt sind aber keine Touristen! Glaubt jemand ernsthaft, dass mehr als die Hälfte der Erfurter Drittund in der Perspektive Zweitligazuschauer (Ich bin optimistisch und dem Club durchaus gewogen!) von jenseits dieser 30-km-Zone und Erfurts herkommen? Wahrscheinlich ist nur mit einem ideologisch-geographischen Radius nahe Null die Touristenquote erfüllbar.

Erlaubt sind nur 20 Spiele von Rot-Weiß Erfurt im Jahr. Aktuell bedeutet dies, dass Erfurt regelmäßig in der ersten Pokalrunde zu scheitern hat und Freundschaftsspiele (wie zuletzt gegen Bayern München) wegfallen, weil einfach mehr Spiele nicht zulässig sind. Ganz zu schweigen von der zweiten RWE-Mannschaft, anderen Erfurter Fußballmannschaften, Nachwuchsteams usw., die nie hier spielen dürfen. Wahrlich, ein schönes Fußballstadion!

Gleichzeitig steigen aber die nichtsportlichen Events wie Kultur-, Unterhaltungs- oder Firmenveranstaltungen, Ausstellungen und sogar Trauerfeiern im Stadion auf jährlich rund 150! Anders ist das fragile Gleichgewicht zwischen Fördervoraussetzung und drohender Fördermittelrückzahlung für 25 Jahre nicht einmal auf dem Papier zu halten! Auch die Nutzung durch viele weitere Sportler (kaum Touristen) in jährlich über 2.500 Trainingsstunden ist zu hinterfragen. Am besten, man spielt dort überhaupt keinen Fußball – dann könnte es klappen!
Völlig unterschätzt wird auch die Konkurrenzsituation zur Erfurter Messe, der Thüringenhalle, dem Kaisersaal und anderen Veranstaltungsorten, auch zur Jenaer Multifunktionsarena.

Doch weiter zu den Kosten: In der Presse werden zur Zeit insgesamt etwa 27,5 Mio. € genannt; die Fördermittelbefürworter planen mit etwa 29 Mio. €. Dabei sind
Umsatzsteuerbeträge, die zwar nicht in voller Höhe anfallen, aber doch anteilig, nicht berücksichtigt. Ebenso sind eventuell negative Fördermittelkonsequenzen, die mit den Neuinstallationen der letzten anderthalb Jahrzehnte im Stadion verbunden sein könnten (Stabhochsprunganlage, Flutlicht, Rasenheizung, Tribunen, Tartanbahn) völlig offen.

Offen sind aber vor allem die Kosten für die Infrastruktur, also Maßnahmen zur
Verkehrsanbindung, Umfeldordnung sowie die Schaffung derzeit fehlender Parkplätze.
Dazu nur eine unverbindliche Schätzung: Bei 21.500 Eventteilnehmern und 80 Prozent Touristen kommen nach Meinung der Befürworter uber 17.000 Touristen in angenommen nur 6.000 Autos. Erinnerlich sind Parkplatzablösesummen in Erfurt und anderen Städten (siehe Internet) von 5.000 bis 10.000 €. Mithin dürfte ein Parkplatz in dieser Dimension liegen. Folglich: 6.000 x 10.000 = 60 Mio. €!
Selbst bei völlig unzulässiger bzw. äußerst gutwilliger Reduzierung der Pkw-Zahl und auch der Parkplatzkosten auf jeweils die Hälfte sind das immer noch 15 Mio. €. Die werden natürlich nicht vom Land oder sonst irgendwem bezahlt, was angesichts der Straßenschäden in Erfurt und in Thüringen sogar nachvollziehbar ist. Auch ein Rückgriff auf vermeintlich vorhandene Parkplätze hilft da nicht – man frage nur die Anwohner im Stadionumfeld. Ich spare mir die Addition der 4,8 oder 5,5 Mio. € Eigenanteil mit der Differenz zwischen 29 und 27,5 Mio. €, möglichen Umsatzsteuerbeträgen und eventuellen Förderückforderungen und 15 bis ??? Mio. € Infrastrukturkosten! Stattdessen sei noch exemplarisch auf einige
„Kleinigkeiten“ in der EAV = Erfurter Allgemeinen Verunsicherung hingewiesen:

Betreiberkosten:
Bisher: (O-Ton Rot-Weiß) im hohen sechsstelligen Bereich, also 500.000 bis
800.000 Euro im Jahr
Zukunftig: 1,64 Mio €, also nicht weniger, sondern das Doppelte bis Dreifache

Rot-Weiß-Miete: (O-Ton Rot-Weiß) 300.000 € pro Jahr
Geplant: 450.000 € pro Jahr
Zum Vergleich: Gezahlt 2011 etwa 58.000 €.
Zwischen Phantasie und Wirklichkeit liegt der Faktor 8.

Bandenwerbung: Geplant 180.000 €
Im vergangenen waren es Jahr 375 € (wirklich kein Druckfehler!!!).
Hier klafft der Faktor 480 dazwischen.

Angesichts einer bisherigen Werbeeinnahme von 375 € im Jahr, die ja durchaus ein Indikator des Interesses der Erfurter Sponsoren und Unternehmen ist, stellt sich auch die Frage nach Sinn oder Unsinn von 200 „Logen seats“ bzw. 1.500 Plätzen im Businessbereich. Geht es nicht ein bisschen bescheidener (und billiger)?

Völlig im Unklaren werden wir über die konkreten Kosten einer durchaus möglichen
Sanierung gehalten. Vor einigen Jahren waren mehrere Millionen Euro einschließlich der Rasenheizung im Gespräch. Jetzt hört man, je nach konkreter Verkündungszielstellung fünf, sechs oder gar völlig überzogene zweistellige Millionensummen.
Uns als Steuerzahler, die wir sowohl den Eigenanteil als auch die zusätzlichen nicht
ausgewiesenen Kosten als auch mit hoher Wahrscheinlichkeit die Rückzahlung der
Fördermittel bezahlen müssen, kann es nicht egal sein, ob wir nur Sanierungskosten (fast egal wie hoch) fur das vorhandene Stadion oder die tatsächlichen Gesamtkosten einer Multifunktionsarena samt Rückzahlung der Fördermittel zahlen mussen.
Unabhängig davon: Wir mussten auch die Förderung in jedem Fall selbst finanzieren. Wo kommen denn sonst die Landes-, Bundes- und EU-Mittel her, wenn nicht aus unseren Steuern?

Angesichts von 20.000 Rot-Weiß-Anhängern und potentiellen Kommunalwählern, die ja u.a. auch mit Ihrem Votum für ein neues Stadion vom letzten Herbst viele Politiker in Stadt und Land ins parteipolitische Schwitzen und zu finanziell abenteuerlichen Handlungen bringen, erlaube ich mir noch einen Vorschlag, wie er beispielsweise beim FC 1910 St. Pauli mit Erfolg praktiziert wurde.
Was spricht dagegen, eine private Betreibergesellschaft, in der z.B. durchaus der FC Rot-Weiß Erfurt federführend sein könnte, für den Bau eines echten Fußballstadions (also Zuschauerbanden nahe am Spielfeldrand) zu gründen, in die die Stadt oder – ortsabhängig – auch das Land das entsprechende Grundstück als Sacheinlage einbringen und private Investoren einschließlich der 20.000 genannten Fans Anteile in Form von z.B. 100-Euro-Aktien oder auch Anleihen zeichnen?
Die St.-Pauli-Anleihen bringen übrigens 6 Prozent im Jahr – ein Traum am aktuellen Kapitalmarkt! Das sollte doch angesichts des bevorstehenden goldenen Fußballzeitalters in Erfurt, das ja wohl nur am fehlenden Stadion scheitert (O-Ton Rot-Weiß), kein Problem sein. Ich wurde jedenfalls durchaus Aktien kaufen oder Anleihen zeichnen.

Dr. Gerd Stübner

(Stand: 12.02.2012)
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26 Kommentare
502
Fedor Freytag aus Erfurt | 14.02.2012 | 13:55  
22
Herr Rychlewski aus Gotha | 14.02.2012 | 15:21  
15
Stephan Utzen aus Erfurt | 14.02.2012 | 15:23  
22
Herr Rychlewski aus Gotha | 15.02.2012 | 13:03  
15
Stephan Utzen aus Erfurt | 19.02.2012 | 15:44  
15
Stephan Utzen aus Erfurt | 19.02.2012 | 21:37  
5.078
Joachim Kerst aus Erfurt | 20.02.2012 | 20:01  
15
Stephan Utzen aus Erfurt | 20.02.2012 | 21:22  
5.078
Joachim Kerst aus Erfurt | 21.02.2012 | 07:37  
22
Herr Rychlewski aus Gotha | 21.02.2012 | 11:24  
166
Michael Biebler aus Erfurt | 21.02.2012 | 19:00  
5.078
Joachim Kerst aus Erfurt | 22.02.2012 | 09:36  
15
Stephan Utzen aus Erfurt | 22.02.2012 | 12:08  
5.078
Joachim Kerst aus Erfurt | 22.02.2012 | 15:41  
15
Stephan Utzen aus Erfurt | 22.02.2012 | 18:23  
166
Michael Biebler aus Erfurt | 23.02.2012 | 06:58  
166
Michael Biebler aus Erfurt | 23.02.2012 | 06:59  
5.078
Joachim Kerst aus Erfurt | 23.02.2012 | 14:13  
22
Herr Rychlewski aus Gotha | 23.02.2012 | 14:20  
15
Stephan Utzen aus Erfurt | 23.02.2012 | 15:08  
502
Fedor Freytag aus Erfurt | 23.02.2012 | 18:41  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 24.02.2012 | 01:45  
166
Michael Biebler aus Erfurt | 26.02.2012 | 10:36  
6
Sveni Bull aus Apolda | 26.02.2012 | 16:29  
53
Carsten Schleichardt - Freie Wähler Erfurt aus Erfurt | 05.03.2012 | 09:42  
5.078
Joachim Kerst aus Erfurt | 06.10.2016 | 18:09  
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