Hass, Neid und Rache

Im Mittelalter gehörten Ketzerverbrennung, Abschlagen der Hand und andere Foltermethoden zur Rechtsprechung. Erst danach setzte sich langsam eine menschenwürdigere Gerichtsbarkeit durch. Aber dort, wo Rache im Spiel war gab es auch weiterhin immer wieder Grausamkeiten.
Ein Beispiel: 1772 wurde in Kopenhagen/Dänemark der deutsche Arzt Johann Friedrich Struensee hingerichtet. Hinrichtung ist eigentlich das falsche Wort. Ihm wurde zunächst bei Bewusstsein eine Hand abgehackt; dann wurde er geköpft und anschließend gevierteilt.
Das waren Methoden des Mittelalters. Warum wurden noch im 18. Jahrhundert solche Gewaltakte praktiziert?

Johann Friedrich Struensee war zu seiner Zeit ein tüchtiger Arzt. Er führte die Pockenschutzimpfung auch für die ärmere Bevölkerung ein. Außerdem setzte er für die Fronbauern und das dänische Prekariat Sozialprojekte durch, die die Einkünfte des Adels schmälerten. Damit zog er sich die tödliche Rache der Adligen und auch des Königshauses zu. Ein intriganter Kronrat erpresste die Zofe der Königin und sie sagte aus, es habe eine Affäre zwischen dem Arzt und der Königin gegeben. Dazu muss man wissen, dass diese - eine englische Prinzessin - im Alter von 15 Jahren mit dem 17-jährigen, geisteskranken König Christian verheiratet wurde. Wir wissen nicht, ob die Königin tatsächlich dem klugen, charmanten Arzt erlegen ist. Aber das Schicksal beider war nach der Intrige besiegelt. Er wurde hingerichtet und sie starb 24-jährig in der Verbannung an Röteln.
Als ihr Sohn Frederic´, der einst von dem Arzt erzogen wurde, den Thron bestieg, setzte er eine Reihe der Sozialprojekte des Arztes wieder in Gang und entließ den intriganten Thronrat.

Tja, Gewaltakte machten bis in die heutige Zeit nicht Halt - manchmal scheint es, als würden sie sich sogar häufen.
Im April 2002 kam es am Erfurter Gutenberg-Gymnasium zu einem Amoklauf. Ein Schüler aus gutem katholischen Hause riss 17 Lehrer und Schüler mit sich in den Tod.
Es dauerte lange, bis wirklich geklärt werden konnte, welche Ursachen es für die furchtbare Bluttat gab. Der Schüler hatte Lernschwierigkeiten und musste das Gymnasium ohne Zeugnis verlassen. Er galt fortan als ungelernt und die jahrelangen schulischen Leistungen wurden nicht anerkannt. Der junge Mann war Sportschütze und für ihn war es eine Schmach, die er sich und seinen Eltern nicht eingestehen wollte. So wuchs von Tag zu Tag sein Hass auf die Schulleiterin wegen ihrer, seiner Meinung nach zu harten Handlungsweise. Diese Schulleiterin überlebte die Bluttat; stattdessen erwischte der Mörder die Schulsekretärin, was ein privates Drama nach sich zog: Ihre gebrechliche Mutter musste ins Altenheim.
In der Folge wurde von der Schulbehörde eine Lösung erarbeitet: Gymnasiasten können nun extern in der 10. Klasse die Mittlere Reife ablegen. Dafür bekommen sie ein Zeugnis, falls sie das Abitur nicht schaffen.

In diesen Tagen wurde Europa durch eine andere Gewalttat erschüttert. Ein junger Norweger, Anders B., verübte ein Bombenattentat im Osloer Regierungsviertel und eröffnete anschließend auf der Insel Utoya, wo sich ein Feriencamp der Arbeiterjugend befand, ohne Vorankündigung das Feuer auf die entsetzten Jugendlichen. Insgesamt 76 Menschen wurden getötet.
Zur Zeit befindet sich der Attentäter, der keinerlei Schuldbewusstsein zeigt, in Isolationshaft. Die schwedischen Behörden wollen vermeiden, dass der Mörder seine wirren Vorstellungen öffentlich verkündet und rechtfertigt. Man vermutet auch, dass es weitere Mittäter gibt.
Der norwegische Attentäter gab an, allein gehandelt zu haben und begründete die Bluttat damit, dass er Leute hasst, die mit Ausländern leben (im Camp befanden sich Jugendliche mit Migrationshintergrund). Er hasst außerdem Sozialisten; vor allem aber den Islam. Dieses Camp war organisiert von der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Norwegens und wurde von ihm folgerichtig bekämpft.
Hier liegt ein großes Gefahrenpotenzial, wenn nicht endlich auch von Regierungsseite die Versöhnung mit und zwischen den Kulturen gesucht wird.
Im Oslo, aber auch vor der norwegischen Botschaft in Berlin, legten zahlreiche Bürger Blumen nieder und trauerten. Ich fände es gut, wenn auch im Erfurter Rathaus ein Kondolenzbuch ausgelegt würde. Natürlich würde ich ebenfalls meinen Namen eintragen.

Warum habe ich mir die Mühe gemacht, diese Beispiele von unfassbarer Gewalt zu nennen? So unterschiedlich sie auch sind - eines haben sie gemeinsam: Die Hass- und Racheakte basieren auf der Ungleichkeit der Menschen. Unsere Gesellschaft polarisiert und trägt in hohem Maße dazu bei, dass die Gewaltakte immer neue Nahrung finden.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige