Jobexperte Freund: "Politisch gesehen eine Schande"

Personalberater Matthias S. Freund

Interview mit Matthias S. Freund, Personalberater mit Niederlassungen in Erfurt und Shanghai


Thüringer Unternehmer klagen, dass es immer schwieriger wird, offene Stellen qualifiziert zu besetzen. Gleichzeitig sind im Freistaat 7,8 Prozent der Menschen arbeitslos. Sind diese Menschen denn alle unqualifiziert?
Nein, diese Menschen sind nicht alle unqualifiziert. Doch 7,8 Prozent Arbeitslosigkeit sagen nichts darüber aus, wie sich die Arbeitslosigkeit berufsfeldbezogen und regional verteilt. So finden wir den größten Bedarf im Umfeld maschineller Industrietechnik, in qualifizierten Handwerksberufen, in der Informatik, im Gesundheitswesen und in den sogenannten Pflegeberufen. Aber auch klassische Dienstleistungsberufe in Hotellerie und Gastronomie weisen überproportional viele offene Stellen aus. Meines Erachtens gelingt es uns gesellschaftlich noch nicht ausreichend genug, Arbeitskraft und Arbeitsplatz regional zusammenzuführen. Es gibt auch in Thüringen ein Ungleichgewicht zwischen den einzelnen Regionen und der Anzahl attraktiver Arbeitsplätze.
Auf der anderen Seite werden zunehmend hoch qualifizierte Mitarbeiter für sehr anspruchsvolle Tätigkeiten in unterschiedlichen Industriebereichen gesucht. In bestimmten Branchen ist es in der Tat so, dass derjenige, der mehrere Jahre aus dem erlernten Beruf heraus ist, Gefahr läuft, fachlich den Anschluss zu verlieren. Nicht geradlinige Biografien (im gesamten Osten sehr häufig anzutreffen) mit berufsfremden Tätigkeiten zwischendurch, erschweren den Wiedereinstieg in den erlernten Beruf.
Versuche der Umschulung waren in den letzten 20 Jahren nicht immer erfolgreich. Hier wurde sicherlich quantitativ viel geleistet. Zertifikate und Teilnahmebestätigungen wurden in Größenordnungen verteilt. Doch was sind diese letztlich wert? Die Umschulung einer Blumenbinderin zum System- oder Netzwerk-Administrator wird häufig von der Arbeitswelt nicht anerkannt.
Leider haben wir auch Menschen in der Arbeitslosigkeit, deren gesamte bisherige Entwicklung, von der unwillig absolvierten Schule, über abgebrochene Berufsausbildungen, mit hohen Wissens- und Leistungsdefiziten u.a. zeigt, dass sie mit den Tugenden der Arbeitswelt eher auf Kriegsfuß stehen. Die Aufnahmebereitschaft der Wirtschaft für diese Gruppe von Menschen hält sich wirklich in Grenzen.

Fliehen die Fachkräfte in andere Bundesländer, in denen die Bezahlung besser ist?
Leider ist Thüringen – neben Mecklenburg-Vorpommern – das Schlusslicht bei der Entlohnung in Deutschland. Die Menschen verdienen durchschnittlich 30 %, in bestimmten Fach- und Führungsebenen bis 50 % weniger als in den wirtschaftlich starken, alten Bundesländern. Insbesondere für den akademischen Nachwuchs ist Thüringen nur bedingt finanziell attraktiv. Nahezu ganze Jahrgänge unserer Hochschulen finden nur in den alten Bundesländern gut bezahlte Arbeitsplätze.

Wo liegen die Ursachen?
Über 80 Prozent der Thüringer Unternehmen sind nicht tarifgebunden und zahlen daher auch nicht vergleichbare Löhne. Die meisten Unternehmen haben Betriebsgrößen zwischen 1 und 15 Mitarbeiter und existieren höchstens zwei Jahrzehnte. Diese Zeit reicht nicht aus, um ausreichend Marktmacht sowie Eigenkapital für Investitionen und Lohnsteigerungen zu entwickeln. Die Struktur der Thüringer Unternehmen ist weitestgehend sehr personalintensiv. Dienstleistungsberufe, Handwerksberufe, Pflegeberufe und viele mehr stehen in einem harten Wettbewerb, der nicht über innovative Technik und Technologien entschieden wird, sondern ausschließlich über das Personal und seine Kosten. Große Chemiekonzerne erwirtschaften Umsätze von über 1 Million Euro pro Mitarbeiter. Da spielen in der Tat gezahlte Löhne kaum eine Rolle. Von derartigen Größenordnungen können Thüringer Unternehmen nur träumen.
Auf der anderen Seite hängt den Produkten aus dem Osten immer noch der vorauseilende Makel an, diese müssten billiger sein. Viele kleine und mittelständische Unternehmen, die Absatzmärkte im Westen Deutschlands suchen, sind mit diesem Problem bestens vertraut. Sie bekommen nur eine Chance, wenn sie mit ihren Leistungen deutlich unter dem Regionalniveau bleiben. Dies hat zwangsläufig Auswirkungen bei der Kalkulation der Personalkosten.

Wenn es wirklich einen Fachkräftemangel gibt: Warum arbeiten dann immer noch Tausende Ingenieure auf der Basis von Werkverträgen?
Ich bin über diese Entwicklung sehr unzufrieden und der Meinung, dass dies auf Dauer nicht gut gehen kann! Hier zeigt sich leider das hässliche Gesicht unserer Wirtschaftsordnung. Die Politik hat die rechtliche Basis dafür geschaffen und nun wird es eben auch von zahlreichen Unternehmen Vorteil schaffend angewendet. Es ist das alte Dilemma zwischen betriebswirtschaftlich richtigem Verhalten und den gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen. Wer die Lohnkosten senkt (die Vermeidung arbeitsrechtliche Konsequenzen einer Festanstellung im Kündigungsfall gehören eben auch dazu) erhöht seine Wettbewerbsfähigkeit. Es ging wirklich um die Einsparung von Lohnkosten und die Möglichkeiten, schneller Personal auf- oder abzubauen. Die fatale Nebenwirkung spiegelt sich in der nicht vorhandenen oder gesunkenen Kaufkraft. Der Bumerang schlägt dann auf alle anderen Wirtschafts- und Dienstleistungsbereiche in der Region zurück. Es ist schon sehr interessant, wenn man sich in diesen Tagen wundert, dass das Neuwagengeschäft in Thüringen über 10 Prozent zurückgegangen ist. Wenn die Reallohnentwicklung seit 16 Jahren rückläufig ist, dann bleibt den Menschen nichts weiter übrig, als Neuanschaffungen zurückzustellen.
Auf der anderen Seite werden mit derartigen Maßnahmen das Gemeinschaftsgefühl und die Zugehörigkeit zum Unternehmen (eine wichtige Basis für Motivation und Identifikation mit dem Unternehmen) torpediert.

Unsere Leser fragen: Existieren die freien Jobs wirklich? Oder werden sie nur ausgeschrieben, weil das auch eine Form von Werbung für das Unternehmen geworden ist?
Ausgeschriebene Stellen existieren in der Regel wirklich. Wenn es trotzdem zu Missverständnissen kommt, dann hat dies oft damit zu tun, dass eine ausgeschriebene Stelle die zwischenzeitlich besetzt ist, nicht in den einschlägigen Medien gelöscht wurde. Dies erweckt dann den Eindruck, Unternehmen würden aus Werbezwecken Stellenanzeigen schalten.

Deutschland hat rund eine Million Langzeitarbeitslose. Einmal Hartz IV, immer Hartz IV? Oder haben Langzeitarbeitslose bei Ihnen eine Chance?

Ich höre immer wieder von einzelnen, positiven Beispielen, wo dies gelingt. Aber manchmal ist die Spirale nach unten ein Teufelskreislauf. Häufig führt längere Arbeitslosigkeit zu seelischen und sozialen Problemen die dann (zum Beispiel gepaart mit Alkohol- oder Drogenmissbrauch bzw. einer Vernachlässigung der Gesamtpersönlichkeit), die Lage weiter komplizieren.

Die Regierung spricht derzeit von einem Jobwunder. Ist dies mit Minijobs, Leiharbeit und immer mehr schlecht bezahlten Jobs teuer erkauft?
Ja, das Jobwunder ist mit einem überproportionalen Anstieg prekärer Arbeitsverhältnisse bezahlt worden. Seit über 15 Jahren gehört Deutschland zu den OECD-Ländern, in denen der Anteil der Niedriglohnbeschäftigung am stärksten zugenommen hat. Nahezu 23 Prozent aller Beschäftigten (jeder fünfte Arbeitsplatz) gehören zu dieser Gruppe. Besonders hohe Anteile von Geringverdienern finden sich bei Minijobbern (86 Prozent), Leiharbeitskräften (67,7 Prozent), Jugendlichen unter 25 Jahren (51 Prozent) und befristet Beschäftigten (46 Prozent). 8,5 Millionen Menschen, die trotz Arbeit nicht wesentlich mehr verdienen als würden sie sich vom Staat vollständig alimentieren lassen. Diesen Menschen gehört größter Respekt entgegengebracht! Politisch gesehen ist es aber für unser Land eine Schande!

Was kann die Politik gegen die Probleme auf dem Arbeitsmarkt tun?
Es gibt im Wesentlichen vier Hauptgründe für den Anstieg der prekären Arbeit in Deutschland, die zugleich auch ein Hauptansatzpunkt für die Politik wären.
1. Der deutsche Arbeitsmarkt ist anfällig für Lohndumping, da es bisher nicht gelungen ist, generelle Lohnuntergrenzen in Form von Mindestlöhnen bzw. allgemein verbindlicher Tarifverträge einzuführen. Die Möglichkeiten für Schlupflöcher sind noch vielfältig und werden auch von zahlreichen Unternehmen kreativ ausgenutzt.
2. Die Deregulierung des Arbeitsmarktes durch die Agenda 2010 hat die Ausweitung Bereiche schlecht bezahlter Arbeit beschleunigt. Die ursprüngliche Erwartung, damit ein Sprungbrett in die bessere bezahlte Arbeitswelt zu schaffen, hat sich leider nicht erfüllt.
3. Die in der Regel unterbezahlte Erwerbsarbeit von Frauen, die häufig auf das traditionelle deutsche Familienmodell (Ehegattensplitting und daraus abgeleitete Krankenversicherung) aufgebaut ist, begünstigt diese Entwicklung. Deshalb ist der Anteil von Frauen im Niedriglohnsektor überproportional hoch.
4. Unsere politischen und wirtschaftlichen Eliten hängen zu sehr der neoliberalen Vorstellung an, dass deregulierte Märkte am effizientesten arbeiten und gesellschaftliche Probleme sich dadurch von alleine lösen. Dies erweist sich leider als Trugschluss und wir brauchen eine breit angelegte gesellschaftliche Diskussion von freier Wirtschaft und staatlicher Regulation.

Was würden Sie einem Arbeitslosen raten?
• Bleiben Sie trotz aller widrigen Umstände am Ball und geben Sie nicht auf.
• Konzentrieren Sie sich auf ihre Stärken.
• Aktualisieren Sie Ihre Kenntnisse und ihr Wissen aus dem Kernberuf.
• Wollten Sie einer Schwächung ihrer Gesamtpersönlichkeit vor. Achten Sie auf Ihr Äußeres und ihre sprachlichen Fertigkeiten. (Der Marktwert einer Arbeitskraft definiert sich über das anwendungsbereite Wissen / Können und über die Persönlichkeit).
• Suchen Sie das persönliche Gespräch mit Verantwortlichen in einem Unternehmen, bei dem sie am ehesten eine Chance für einen Arbeitsplatz sehen.


Porträt: Zwei arbeitslose Frauen erzählen ihre Geschichte

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1 Kommentar
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Joachim Kerst aus Erfurt | 06.09.2013 | 23:56  
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