Kreide wird nicht mehr gefressen

Zum 1. Mai habe ich mir auf dem Erfurter Anger einen Sonnenbrand geholt, weil ich fünf Stunden lang am Infostand unseres Vereins saß. Die auf der benachbarten Bühne gehaltenen Reden waren in großer Lautstärke zu hören. Es ging um die bekannten Themen.
Thüringen ist immer noch ein Land, in dem zwar die Unternehmen "brummen", aber die Arbeiter mit Hungerlöhnen abgespeist werden - Negativrekord in Deutschland.
Vor diesem Hintergrund habe ich mit großem Interesse den Beitrag in der TA vom 02.05.2011 über Leben und Alltag in Ost und West gelesen.
Der Bericht weist aus, dass früher in Westberlin die höchsten Löhne und Gehälter gezahlt wurden. Das machte auch Sinn, wenn man es im Zusammenhang mit den politischen Zielen während des Kalten Krieges sieht.
Berlin war die Nahtstelle zwischen den Blöcken Kapitalismus und Sozialismus. Der Kapitalismus war zur damaligen Zeit gezwungen, Kreide zu fressen, wenn es um wichtige ökonomische Interessen im Kalten Krieg ging. Insbesondere Wissenschaftler und Ingenieure mit abgeschlossenem Studium, aber auch Facharbeiter aus der DDR konnten so für den Westen gewonnen werden. Ein Staat, der nicht selbst ausbilden muss, sondern die ausgebildeten Kräfte sozusagen "für nix" vom Nachbarn bekommt, ist wirtschaftlich fein raus. Die DDR hingegen war eine Art Stiefel ohne Sohle. Über die offene Grenze entschwand das Fachpersonal gen West. Hinzu kam, dass fast der gesamte RGW von der DDR lebte und außerdem hohe Kriegsreparationen an die Sowjetunion zu zahlen waren. Das führte nach und nach zum totalen Auslaugen des Staates DDR.

Ich war damals als Werbegestalterin in einer Konsumkreisgenossenschaft beschäftigt; zu einem jährlichen Salär von 7 320 DDR-Mark. Damals wurden die Preisschilder für die Waren mit der Hand geschrieben. So sind auf meinen Schaufenster-Fotos einige Preise in DDR-Mark gut zu erkennen:

1 x 6-teiliges Kaffeeservice, Kobaltblau Unterglasur 47,-
1 Paar Herrenschuhe, Leder 42,- bis 58,-
1 Paar Damenpumps, Boxcalfleder 29,- bis 45,-
1m Stoff für Bekleidung, Material Viskose 4,-
Dederon 7,-
Präsent 20 6,-
1 Damenkleid für den Tag 66,-
1 Coctailkleid 75,-
1 Abendkleid 90,-
1 Damenpullover und Stickjacke, Wolpryla 30,- bis 69,-
Wolle 93,-
Schals und Zubehör 42,-
1 Damenhut 20,-
1 Damenhandtasche 27,-
Kinderjeans, Größe 116 - 146 10,-
Damen-Dessous 71,-
Damen-Nachthemd 27,-
elektrische Kaffeeemühle 45,-
Pfeifkessel 24,-
Wäscheschleuder 280,-
Elektrisches Waffeleisen 69,-
Kinderroller mit stabiler Metallfassung 108,-

Die Warenangebote und Preise stammen aus den 60-er und 70-er Jahren im Warenhaus der Einheit, Eisenach (KDE).
Eisenach war eine Stadt des kleinen Grenzverkehrs. Dort war die Versorgung mit Waren des allgemeinen Bedarfs gesichert. Bei Lebensmitteln gab es aber auch hier die üblichen Engpässe.
Als in der Sowjetunion der Bau der "Trasse" (für den Transport von Erdöl und Erdgas) begann, meldeten sich viele Arbeiter in der DDR, denn die Teilnehmer wurden zur Steigerung der Motivation für die sehr schwere und entbehrungsreiche Arbeit teilweise mit Valuta bezahlt bzw. sie erhielten in der DDR bevorzugt und kurzfristig begehrte Waren, die für den "normalen" DDR-Bürger nur sehr schwer erhältlich waren. Ähnliches galt auch für Ärzte, diplomatische Dienste im Ausland und Mitarbeiter auf Hochseeschiffen.

Einreisenden aus dem NSW (Nicht-sozialistischen Wirtschaftsgebiet) wurde "Tagegeld" abverlangt. Sie waren verpflichtet, einen bestimmten Betrag ihrer Währung in DDR-Geld zu tauschen bzw. in speziellen Shops, die in Hotels und auf Bahnhöfen eröffnet wurden, auszugeben.
Für die DDR-Bevölkerung wurden Lebensmittel des gehobenen Bedarfs in speziellen Delikatess-Läden für DDR-Währung angeboten. Im Volksmund nannte man die Geschäfte "Grünes Gewölbe" oder "Fress-Ex".
Das alles musste jedoch erst einmal erwirtschaftet werden. Um Valuta zu bekommen, bot die DDR ihre Waren z. B. das Versandhaus QUELLE unter dem Herstellungspreis an. So lebte die DDR sozusagen von der nicht ausgesäten Saat. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen!

Eine Tante von mir lebte damals in einer kleinen Stadt bei Würzburg in der BRD. Sie war alleinerziehend, hatte drei kleine Kinder und war auf Sozialhilfe angewiesen. Ihre Wohnung befand sich in einer Plattenbausiedlung. Solche Viertel wurden auch in der BRD gebaut, vorzugsweise für ausländische Gastarbeiter und Sozialhilfeempfänger. Weil es bei meiner Tante nicht vorne und nicht hinten reichte, haben wir ihre kleine Familie über Jahre mit Paketen aus der DDR gesponsert.
Eine andere Tante lebte in Hamburg. Im zweiten Weltkrieg war in den "Phosphornächten" ihr Haus zerstört worden. Nun lebte sie seit langem von einer winzigen Rente in der Gartenlaube.

Wer also weit entfernt von Westberlin seinen Lebensmittelpunkt im Kapitalismus hatte, stellte fest, dass es in dieser gepriesenen Wirtschaftsordnung gar nicht so goldig aussah.
Aufgrund dieser persönlichen Erkenntnisse haben ich beide Welten immer sehr nüchtern und realistisch betrachtet.
Es würde mich interessieren, wie schnell nach der Wende die Löhne und Gehälter in den westlichen Bundesländern und Westberlin den Bach runtergegangen sind. Denn Kreide mussten die Unternehmer nun nicht mehr fressen. Jetzt schwimmen wir ehemaligen DDR-Bürger ja auch im Haifischbecken der schönen Kapi-Welt.
Ein Foto, das um die Welt ging und symbolisch ist für die deutsch-deutsche Zerrissenheit, wurde am 13.08.1961 aufgenommen. Ein NVA-Soldat springt über die wachsende Mauer auf die Westberliner Seite. Er wurde von den westlichen Medien als Held gefeiert. Doch schließlich nahm er sich im Westen das Leben, weil er mit diesem Alltag nicht zurecht kam.
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3 Kommentare
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Antje Hellmann aus Jena | 03.05.2011 | 23:28  
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Frank K. Viezenz aus Erfurt | 05.05.2011 | 11:27  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 07.06.2011 | 01:20  
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