„Mehr Vielfalt in der Bildung“: Erstwähler trifft Grüne-Spitzenkandidatin Anja Siegesmund in Erfurt

Erstwähler Richard Sattler trifft Anja Siegesmund, Spitzenkandidatin der Grünen zur Landtagswahl in Thüringen.
 
Erstwähler Richard Sattler trifft Anja Siegesmund, Spitzenkandidatin der Grünen zur Landtagswahl in Thüringen.
Erfurt: Fraktion der Grünen |

Richard Sattler aus Erfurt darf zur Landtagswahl im September zum ersten Mal wählen gehen. Der 18-Jährige hat seit kurzem sein Abitur in der Tasche und konzentriert sich voll auf seine Zukunft - das Architekturstudium. Richard hat sich ausführlich mit Politik beschäftigt. Er hatte als Erstwähler innerhalb einer Serie des Allgemeinen Anzeigers die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Anja Siegesmund, Grünen-Spitzenkandidatin zur Landtagswahl in Thüringen.


Sattler: Wo können sich Erstwähler, die sich unsicher sind, überhaupt informieren?

Siegesmund: Gute Frage, denn wer mehr weiß, kann besser entscheiden. Da gibt es viele Möglichkeiten. Das Erstwählerprojekt zum Beispiel. Die Europäische Jugend- und Begegnungsstätte in Weimar hat Projekte an Schulen durchgeführt. Das finde ich gut und richtig. Was ich außerdem jedem empfehlen kann: in die Zeitung schauen. Ich weiß, dass oft nicht alles so jugendgerecht geschrieben ist, dass es auf Anhieb verständlich ist. Aber ich glaube, wenn man sich für ein oder zwei Themen interessiert und diese über mehrere Wochen verfolgt, dann ist das der perfekte Einstieg. Der schöne Satz "Wir ertrinken an Informationen, aber hungern an Wissen" bringt es auf den Punkt. Eine wirklich gute Möglichkeit, um ein Gefühl für die unterschiedlichen Parteien und ihre Inhalte zu bekommen, ist der Wahlomat.

Sattler: Letzteres habe ich gemacht. Und zuvor auch Parteiprogramme studiert. Da wurden mir Parteien empfohlen, die ich nicht wählen würde. Ich sehe den Wahlomat kritisch. Er provoziert Fehlentscheidungen. Meine Generation - mein Freundeskreis - informiert sich über Zeitung, Nachrichtensendungen, Internetportale.

Siegesmund: Dort geht es hauptsächlich um Bundesthemen. Die Thüringer Medien sind in punkto regionale Themen die Nummer 1.

Sattler: Das ist ja das Problem. Wer in meinem Alter schaut schon MDR? Und in andere Sendungen schaffen es meist nur Skandale aus Thüringen.

Siegesmund: Wir Grüne wollen, dass ihr euch stärker beteiligt! Wir waren noch kein Jahr im Landtag, als wir einen Gesetzentwurf zur Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre eingebracht haben. Wenn ich bei Schülern unterwegs bin, frage ich immer, wer dafür ist, das Wählen mit 16 zu ermöglichen. Statt hundertprozentiger Zustimmung gibt es immer ein Drittel, das sagt: Nein, das ist noch zu früh. Deshalb frage ich mich: Wie können wir Jugendliche besser anbinden und informieren? Wie können wir den Weg dafür ebnen, dass sich Jugendliche auch mit 16 schon reif genug fühlen, eine Wahlentscheidung zu treffen?

Sattler: Das ist keine Frage des Alters, sondern der persönlichen Reife. Es gibt 18- oder 20-Jährige, von denen man nicht wirklich sagen kann, dass sie von ihrer Reife her wahlberechtigt sein könnten. Sie sind es halt, weil sie das Alter haben. Auf der anderen Seite gibt es 14-Jährige, die könnte man schon wählen lassen, weil sie den Überblick haben. Um junge Menschen früher dazu zu bewegen, sich politisch zu interessieren und sich an der Politik zu beteiligen, müsste etwas an den Schulen passieren.

Siegesmund: Was genau?

Sattler: Das Informations-Programm müsste natürlich parteiübergreifend sein. Die Schüler haben Sozialkunde, Wirtschaft und Recht. In den Lehrplan müssten aktuelle Dinge einfließen. Jugendliche würden auch zum Wählen animiert werden, wenn es Kurzwahl-Programme gäbe.

Siegesmund: Zwölf Punkte und aufgepeppt!

Sattler: Es kommt nicht auf die äußere Form, sondern auf Verständlichkeit und Verteilung an. Politik muss sich einfacher zugänglich machen.

Siegesmund: Wir reden zu kompliziert?

Sattler: Für viele schon. Wenn Sie keine Politikerin wären, würden Sie alles verstehen?

Siegesmund: Sicher nicht. Aber dafür gibt es auch unsere repräsentative Demokratie. Die gewählten Abgeordneten sollen sich als Volksvertreter intensiv mit fachspezifischen Themen und Gesetzen beschäftigen und natürlich aussagekräftig sein. Leider ist oft zu wenig Zeit, um Politik wirklich zu erklären.

Sattler: Letztendlich betreffen die Gesetze jeden Bürger. Und bei der Findung können die wenigsten noch folgen. Es ist zu kompliziert. Ich vermisse an Politik, dass der normale Bürger auch versteht, was da gemacht wird und warum.

Siegesmund: Das nehme ich sehr ernst und kann nur sagen: Darauf muss Politik mehr Wert legen!

Sattler: Sie stehen dafür, dass Schüler länger gemeinsam lernen...

Siegesmund: …wir haben ein Schulsystem, das sehr früh selektiert. Nach der vierten Klasse heißt es Gymnasium oder Realschule. Diese Selektion finde ich auch aus eigener Erfahrung zu früh. Es wird immer Kinder geben, bei denen in der vierten Klasse klar ist: es funktioniert mit dem Gymnasium. Aber es gibt eben auch solche, bei denen sich erst später abzeichnet, welcher Weg der richtige ist. Gemeinschaftsschulen ermöglichen eine spätere Orientierung. Längeres gemeinsames Lernen wäre dann überflüssig, wenn es funktionieren würde, in den Schulformen auf- oder abzusteigen. Diese Durchlässigkeit ist aber nicht gegeben. Knapp acht Prozent der Schülerinnen und Schüler in Thüringen verlassen die Schule ohne Abschluss. Ich finde, das können wir uns nicht leisten. Kinder sind so unterschiedlich wie Erwachsene auch. Und deshalb brauchen wir unterschiedliche Schulformen, damit sich jedes Kind am besten entfalten kann.

Sattler: Sie fordern unterschiedliche Bildungskonzepte?

Siegesmund: Genau, weil wir der festen Überzeugung sind, dass jedes Kind individuell gefördert werden muss. Das hört sich vielleicht kompliziert an, ist aber genau das, was Kinder brauchen. Deshalb haben wir auch vor dem Verfassungsgericht in Weimar geklagt. Das Land stellt freien Schulen nur 80 Prozent der Mittel im Vergleich zu staatlichen Schulen zur Verfügung. Das ist doch nicht gerecht.

Sattler: Im Prinzip müsste der Schüler dort kein Schulgeld zahlen.

Siegesmund: Die freien Schulen müssen auskömmlich finanziert werden, damit die Elternbeiträge niemanden vom Besuch einer Schule abhalten und zugleich die Existenz der Schulen gesichert ist. Alles andere verstößt nun einmal gegen die Verfassung und gegen die Wahlfreiheit von Eltern und Schülern.

Sattler: Diese Schulen unterstützen zwar auch die Schüler und haben agile Fördervereine. Das kann aber nicht jede freie Schule stemmen.

Siegesmund: Wir Grüne stehen für Bildungsvielfalt, deshalb setzen wir uns auch so stark für die freien Schulen ein. Freie Schulen probieren oft Neues aus, was dann später die staatlichen Schulen übernehmen. Wir Grüne wollen, dass über den Besuch einer Schule nicht der Geldbeutel entscheidet, sondern allein das Kindeswohl. Dafür brauchen wir ein vielfältiges Bildungsangebot. Das geht nur mit freien Schulen und dafür müssen sie vernünftig und fair unterstützt werden.

Sattler: Wenn Schulkonzepte gegensätzlich sind - an manchen Schulen gibt es zum Beispiel eine Zeit lang keine Noten - wie kann ein Wechsel oder ein Übergang gestaltet werden, ohne dass ein Kind Nachteile hat?

Siegesmund: Ich glaube, es ist Aufgabe der Politik, die Übergänge zu erleichtern und die Wege dafür zu bereiten. Ich glaube nicht, dass die Noten das zentrale Problem sind. Es steht aber symptomatisch für die Ländersache. Wenn ein Schüler in Thüringen in die neunte Klasse auf dem Gymnasium geht und ein Umzug nach Bayern bevorsteht, ist es fraglich, ob die neue Schule den Stoff anerkennt. Das bringt viele in Verzweiflung.

Sattler: Sie stehen also für einen bundeseinheitlichen Lehrplan?

Siegesmund: Nein. Wir würden es uns zu leicht machen, wenn wir den Bildungsföderalismus abschaffen und den Ländern diese Verantwortung nehmen. Wir brauchen stattdessen mehr Koordination, mehr Kooperation, mehr Abstimmung der Lehrpläne und weniger Konfusion. Dafür gibt es die Kultusministerkonferenz.

Sattler: Es heißt: Abgeordnete sollen ihre eigene Meinung vertreten. Auf der anderen Seite höre ich immer wieder: Fraktionszwang!

Siegesmund: Wir sind frei gewählte Abgeordnete und laut Verfassung nur unserem Gewissen unterworfen. Auf der anderen Seite vertreten wir als Fraktionsgemeinschaft bestimmte politische Interessen. Für uns als BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ist mit unserem gemeinsamen Wertehintergrund in vielen Fällen klar, welche Entscheidungen wir als Fraktion treffen. Zu 95 Prozent ist es so, dass es eine Beschlussempfehlung unseres Fachabgeordneten gibt. Diese diskutieren wir zusammen mit der weiteren Verfahrensweise, zum Beispiel einer Überweisung in den zuständigen Ausschuss. Wir wissen, was unsere gemeinsamen Ziele als Fraktion sind - in der Bildungs-, Umwelt- und Sozialpolitik - und arbeiten zusammen daran, sie umzusetzen. Es gibt aber auch tatsächlich Entscheidungen, die freigestellt sind, weil sie allein von persönlichen Wertvorstellungen geprägt sind. Zum Beispiel die Einrichtung von Bestattungswäldern eine zutiefst ethische und keine politische Frage. Oder der Nichtraucherschutz.

Sattler: Wie kommt man überhaupt dazu, in die Politik zu gehen?

Siegesmund: Oh, die Gretchenfrage. Ich bin ein neugieriger Mensch. Und wenn ich auf Ungerechtigkeit treffe, setze ich mich ein. Das motiviert mich. Das war schon in der Schule und an der Uni so. Bei mir zu Hause sitzt die Zukunft mit am Tisch. Für unsere drei Töchter eine gute Zukunft zu gestalten, gibt mir viel Energie. Eigentlich wollte ich Journalistin oder Lehrerin werden. Ganz früher sogar Kinderbuchautorin. Jetzt sitze ich hier!

Sattler: Kann man da noch abschalten?

Siegesmund: Meine Familie erdet mich. Wenn ich nach Hause komme und meine Mädels um die Ecke fegen, dann ist selbst der größte Arbeitsstress weg. Meine Familie steht an erster Stelle, sie ist sehr geduldig und unterstützt mich. Ich habe immer das Glück gehabt, Menschen kennenzulernen, auf die ich mich nicht nur verlassen kann, sondern die mich auch unterstützen. Das trägt sehr.

Sattler: Was sagen Sie jemandem, der behauptet: Es ist doch sowieso egal, wen man wählt. Die sind doch alle gleich.

Siegesmund:
Es ist nie egal, wen man wählt, weil es riesengroße Unterschiede unter den etablierten Parteien gibt. Wir als Grüne machen allen ein Angebot, denen nicht egal ist, wie es mit unserer Umwelt und dem Kinderschutz weiter geht. Denen die vielfältige Bildungslandschaft in Thüringen wichtig ist. Und denen auch nicht egal ist, was sie jeden Tag auf dem Teller haben - wir setzen uns gegen Massentierhaltung ein. Ich sage immer: Es ist nicht egal, es kommt auf jede Stimme an.

Hier geht es zu allen Beiträgen der Serie "Nicht- und Erstwähler treffen die Spitzenkandidaten zur Landtagswahl".
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6 Kommentare
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Mike Picolin aus Gera | 19.08.2014 | 20:57  
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Klaus Köhler aus Gera | 21.08.2014 | 14:56  
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Mike Picolin aus Gera | 21.08.2014 | 15:19  
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Klaus Köhler aus Gera | 21.08.2014 | 18:01  
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Mike Picolin aus Gera | 21.08.2014 | 19:21  
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Klaus Köhler aus Gera | 21.08.2014 | 20:49  
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