Mein Blick auf Flucht und Mauer

Es war in meinen letzten Schulferien. Damals, im Sommer 1961, war ich zu Besuch in Ostberlin. Gerade zu der Zeit, als die Mauer gebaut wurde. Das heißt, wir kamen da gar nicht richtig ran. Und mit meinen 16 Jahren begriff ich nicht wirklich, was da los war.
Erst sehr viel später habe ich mich damit auseinandergesetzt und werde dazu noch etwas sagen.

In der TLZ vom 18.07.2011 sah ich ein Foto vom Notaufnahmelager Marienfeld. Es ist ein sehr altes Foto, denn der Kinderwagen im Vordergrund ist ein Modell aus den Jahren 1945-1950. In so einem Wägelchen lag ich einst auch als Baby.
In der Nachkriegszeit herrschte Hunger und Armut. Es war verständlich, dass die Leute sich bessere Lebensbedingungen wünschten.
Ich wohnte damals in Eisenach, einer kleinen Stadt nahe der Südwestgrenze zur BRD. Meine Familie lebte auf dem Stadtbauernhof von Bauer Jahr am Petersberg.
Eines Tages startete die Familie Jahr mit großem Trauerkranz zur Beerdigung in den Westen. Zuvor hatte mir Lydia Jahr erzählt, dass sie den Hof verkauft hätten und dass das ganze Geld im Kranz steckte. Kurz bevor sie loszogen, hatte der Bauer seine Frau vermöbelt, damit sie "flennen" konnte und somit ihre Trauer echt wirkte.
Es gab damals die verrücktesten Fluchten. Wenn russische Militärangehörige die Grenze nach dem Westen überqueren wollten, wurde der gesamte Bahnhof Eisenach abgeriegelt.
Mit dem "kleinen Grenzverkehr" kamen die Schleuser. Sie lockten die Leute in den Westen gegen Bezahlung.
Ein Ehepaar sprach mich unterwegs an. Die Leute versprachen, mir einen Pass zu verschaffen, der so gut wie echt sei. Nach einiger Überlegung stand jedoch für mich fest: Ich bleibe! Denn ich fühlte mich meiner Familie in Eisenach eng verbunden.
Aber mehrere Freundinnen und Freunde verschwanden damals über Nacht. Es waren haupt-sächlich Ärzte-, Architekten- und Pfarrerfamilien, sowie eine Tankstellenbesitzerfamilie. Da von Seiten der Kirche ein Ausreiseverbot für Pfarrer bestand, zog Pfarrer F. gleich in die Schweiz.

Heute gibt es um die Flüchtlinge viel Wirbel. Aber nie hat sich jemand Gedanken darüber gemacht, wie sich die zurückgebliebenen, verlassenen Jugendlichen fühlten. Es gab keine psychologische Betreuung. Ich musste damals meinen Schmerz selbst verarbeiten.
Die Arztfamilie W. verließ Eisenach und "schenkte" der Stadt ihren zurückgelassenen, behinderten Sohn. Der hätte ja bei ihrem Neuanfang im Westen nur gestört.
Die Flüchtlinge gingen damals aus den unterschiedlichsten Gründen in den Westen. Doch in den letzten Jahren der DDR schien es, als seien die Menschen in einen Sog geraten.
Auf der obersten Stelle in der Wunschliste stand eine sehr gute Lebensqualität und ein gutes Gehalt in D-Mark. Ferner Reisen und der Besitz von Luxusgütern.

Aber es kamen auch Flüchtlinge aus dem Westen in die DDR. Sie wurden im "Weimeier-Lager" bei Eisenach untergebracht. Ich weiß das deshalb so genau, weil meine Familie einen Garten in Lagernähe hatte und die Flüchtlinge immer schon vor uns im Garten "ernteten".
Das hat mich alles sehr irritiert. Deshalb habe ich 1956 - mit 11 Jahren - angefangen, ein Tagebuch zu schreiben, um meinen Versuch einer Erklärung festzuhalten.

Als ich erwachsen wurde, konnte ich verstehen, dass die notwendigen Veränderungen in der DDR unausweichlich waren. Seit Jahren stand "die Luft still" und es bewegte sich gesellschaftlich nicht mehr viel. Vom Anfang ihres Bestehens bis zu ihrem Ende war ich Mitglied der bürgerbewegten Partei "Neues Forum". Der Erfurter Matthias Büchner, genannt Fritz, war damals unter dem Motto "Macht muss kontrolliert werden" gestartet. Das hatte mich sehr beeindruckt.
Aber schon bald nach der Wende war ich von den bürgerbewegten Gruppen schwer enttäuscht. Die meisten Mitglieder hatten ihre Pfründe gefunden und erhoben nie wieder ihre Stimmen. Nicht mehr gegen die Massenarbeitslosigkeit, gegen die Bildungsnot von Kindern und Jugendlichen und auch nicht gegen die Werbung für die Bundeswehr in den Schulen. Dabei hatte es früher in der DDR große Proteste gegen die Einführung des Wehrkundeunterrichts im Jahr 1976 gegeben.
Doch nun war diesen Leuten alles egal; Hauptsache, sie hatten ihre persönlichen Ziele erreicht. Ich finde das nicht gut, denn jede Demokratie braucht auch eine Opposition. Weil damals das Neue Forum immer handlungsunfähiger wurde, Haben Pfarrer Karl Metzner, Veit Voigt und andere den "Aktionskreis für Frieden" gegründet. Seit 21 Jahren bin ich auch dabei.

Nun noch ein paar Gedanken zur Berliner Mauer.
In der TLZ gibt es immer wieder Beiträge zu diesem Thema und TA-Reporter wandern den Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze entlang. Das ist sehr interessant.

Bevor es zum Mauerbau in Berlin kam, unterbreitete die Sowjetunion Ende der fünfziger Jahre den Vorschlag, Deutschland wieder zu vereinen. Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte das aber entschieden abgelehnt. Er soll gesagt haben: "Lieber ein halbes Deutschland ganz, als ein ganzes Deutschland halb." Damit war vorprogrammiert, was kommen musste.

Ich lese zur Zeit das Buch "Der Grenzgänger" von Landolf Scherzer. Es wird immer von einer "innerdeutschen Grenze" gesprochen. Das halte ich für unkorrekt. Der Kalte Krieg teilte Europa und die Nahtstelle verlief durch Deutschland. Hier existierten zwei unterschiedliche Staaten nebeneinander. Die DDR unternahm mit ihrer Grenzsicherung den Versuch, eine Stabilität im Land zu erreichen. Das war jedoch aus meiner Sicht nicht zu erzielen, weil die DDR in hohem Maße vor allem wirtschaftlich den gesamten RGW einschließlich der Sowjetunion versorgen musste. Für so ein relativ kleines Land war das eine schwere Bürde. 1980 musste die DDR die gesamte Sommer-Olympiade in Moskau bezahlen. Das führte im Landesinnern zu extremen Engpässen. Monatelang gab es z. B. keine Damenbinden und wir stopften uns Watte zwischen die Beine. Ich dekorierte damals Schaufenster. Das erforderte viel Beweglichkeit. Den Rest kann man sich denken...

Leider gibt es auch heute noch ungelöste Probleme in Thüringen. Deshalb haben sich nach der Wende mehr Leute zur Flucht entschieden, als zu DDR-Zeiten. Bald gibt es nur noch 2 Millionen Thüringer. Eine vernünftige Wirtschafts- und Sozialpolitik könnte Abhilfe schaffen. Aber wer will das schon?

Ich habe mir aus heutiger Sicht Gedanken zum Thema Mauer gemacht:.
Angefangen hat es ja mit der großen Chinesischen Mauer. Sie ist heute ein historisches Bauwerk. Aber in alten Zeiten sollten damit die Grenzen abgesichert werden.
Aus Königsberg ist ein Tagebuch von Frau Selma Peppel erhalten geblieben. Sie berichtete, dass 1946 die sowjetische Militäradministration begann, die verbliebene deutsche Bevölkerung mit einem hohen Zaun von den russischen Neubürgern abzugrenzen. Leider verhungerte Frau Peppel im Jahr 1948, sodass nicht zu erfahren ist, wie das damals ausging.

In Warschau hatten die SS und die deutsche Wehrmacht ab 1940 ein jüdisches Getto mit Mauern umgeben. Mutige Juden versuchten einen Aufstand. Im Herbst 2011 wird unser Aktionskreis dieses Thema in einer Ausstellung im Erfurter Rathaus behandeln.

Gegenwärtig ist Israel dabei, eine hohe Grenzbefestigung um das palästinensische Land zu bauen. Trotzdem dreht sich die Gewaltspirale immer weiter. Nicht zu vergessen die DDR-ähnlichen Grenzsicherungsanlagen zwischen den USA und Mexiko.

Aus all dem ergibt sich für mich, dass der Bau von Mauern ein völlig ungeeignetes Mittel zur Sicherung eines Landes und zur Lösung von inneren Problemen ist.
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