Schicksalswege von Frauen

Verwarnungsgeld
Opa Alfred war mein Idol. Groß, schlank, sportlich, aber auch politisch interessiert, hat er wesentlich meine Persönlichkeit geprägt. In der von ihm eingeführten täglichen „Plauderstunde“ haben wir über Gott und die Welt gesprochen; vor allen Dingen aber, wie man möglichst geradlinig durch das Leben kommt.
Mein Opa war Mitglied der USPD und der Freidenker. Außerdem hat er sich aktiv bei den Arbeiter- und Soldatenräten beteiligt. Er wollte eine Räterepublik, was ihm in der braunen Zeit schwer angekreidet wurde. Die Freidenker haben in der Zeit von 1924 bis 1932 in Eisenach im Thüringer Landestheater die Jugendweihe durchgeführt.
Es war die Zeit des „Schwarzen Freitags“ an der Wall Street. Diese Finanzkriese schwappte auch nach Deutschland. Deshalb konnte die Stadt Eisenach die Schauspieler nicht mehr bezahlen und das Theater wurde vermietet. Im Kulturbereich sah es damals genau so trübe aus wie heute.
Aus einem toleranten Elternhaus stammend, hat meine Mutter Charlotte Frida Berta sich im Winter 1943/44 einer widerständigen Betriebszelle des BMW in Eisenach angeschlossen. Sie klebten ca. 3 Monate lang Plakate gegen den Krieg. Ungefährlich war das nicht.
Daran habe ich mich am 21.06.2012 beim Lesen der Zeitschrift „Stern“ erinnert. Sie lag im Wartezimmer meines Arztes und ich wollte mir die Zeit vertreiben. Da las ich den Bericht über die Bürgerrechtlerin Aung San Suu Kyi. Sie lebte im früheren englischen Mandatsgebiet Birma, dem heutigen Myanmar. Suu Kyi ist mein Jahrgang. Ihre Eltern waren der Nationalheld General Aung San und die Krankenschwester Khin Kyi. Sowohl meine als auch Suu Kyis Eltern heirateten 1942. Ihr Vater wurde ermordet, da war Suu Kyi erst zwei Jahre alt.
Nach 12 Jahren Wehrdienst und Gefangenschaft kam mein Vater 1947 krank an Leib und Seele nach Hause. Es war für ihn ein langer Weg, zurück in das zivile Leben zu finden. Vor allem war es für uns alle problematisch, wieder eine Familie zu werden.
Suu Kyi studierte in Oxford Politikwissenschaften, Philosophie und Ökonomie. Hier lernte sie ihren späteren Mann Michael Aris kennen. Sie war eine Schönheit mit dunklem Teint, er war groß, blond und blauäugig. Am 01.01.1972 heirateten sie nach buddhistischem Brauch und ihr erster Sohn Alexander wurde 1973 geboren. Etwas später kam das zweite Kind, Kim.
Suu Kyi war 1988 mitten im Freiheitskampf gegen den Diktator Ne Win, als ihr Mann erkrankte und 1990 in England an dieser schweren Krankheit verstarb. 1991 erhielt die Freiheitsheldin den Friedensnobelpreis.
Meine Familie war ebenfalls eifrig dabei, mich bei der Wahl eines künftigen Gatten zu unterstützen. Für Onkel Paul sollte es ein nordischer Mann sein, damit unser Familienblut aufgefrischt würde. Für Mariechen, unsere kinderlose Vermieterin, sollte er vor allen Dingen nicht so ein „Krachmacher“-Motorrad besitzen. Sie fürchtete um ihren Schlaf.
Den Schneiderinnen-Kolleginnen meiner Mutter war es wichtig, dass dieser Mann einen guten Beruf und damit einen guten Verdienst hatte. Liesbeth, Gerda, Fritz und Werner, die Geschwister von Mutti, gaben auch alle noch ihre Meinung kund. Darin kam ja nicht einmal das Wort „Liebe“ vor, also habe ich mich nicht an diese Ratschläge gehalten.
Im September 1971 kam Rainer zum Antrittsbesuch bei meinen Eltern und Geschwistern und wurde peinlich ausgefragt. Gleich am nächsten Tag gingen wir wandern, um die Verwandtschaft hinter uns lassen zu können. Wir stiefelten drauf los, sahen nur uns und nicht nach rechts oder links.

Ein Kradfahrer hielt uns an: „Sie sind an der Staatsgrenze. Jetzt aber Marsch zurück.“
Mit flauem Magen standen wir da, als er uns umständlich belehrte und auch noch eine Strafe androhte. Schließlich zückte er sein Buch, gab mir den Zettel und rief: „Fünf DDR-Mark, jetzt gleich.“ Och, ich hätte den Mann umarmen können. Wir waren beide noch Studenten. Wenn wir nun wegen des Vorfalls exmatrikuliert würden? Das soll ja schon vorgekommen sein. Ich war heilfroh, dass dieser Grenzbeamte laissez faire gehandelt hatte.
Wir heirateten 1972 in Eisenach. Mein Mann ist groß, gut aussehend und gebildet. Seine Familie stammt aus Schweden. Unsere Tochter Haike-Runa wurde 1974 geboren.
Schon zu diesem Zeitpunkt habe ich mich ehrenamtlich für den inneren Frieden der Stadt Erfurt eingesetzt. Ausgangspunkt war die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Da war mir klar, Panzer schaffen keinen Frieden.
Heute bin ich Geschäftsführerin des Aktionskreises für Frieden e. V., Sprecherin der Thüringer Friedenskoordination und Mitglied des Bundesausschusses Friedensratschlag. Organisationen, die sowohl regional, deutschlandweit und auch international agieren.
Ich betreue ebenfalls mehrere Projekte, die der Integration ausländischer Bürger, der Stärkung von Schutzstrukturen gegen Gewalt und Rechtsradikalismus sowie der politischen Bildung von Frauen und Mädchen dienen. Mein Projekt „Literaturcafé“ zur Kultur-, Literatur- und Leseförderung in sozial schwachen Familien feiert in diesem Jahr den 15. Geburtstag.
Es war mir immer ein Bedürfnis, mich in die Gesellschaft einzubringen. Dazu gehört auch der Kampf gegen den Einsatz atomarer Waffen, Streubomben und Landminen; deutschlandweit, in Europa und in den Kriegs- und Krisengebieten in dieser Welt.
Manchmal ist es leichter, in „der Welt“ sein Anliegen durchzusetzen, als zu Hause. In amerikanischen Militärstandorten in Deutschland lagern noch so viele Atomwaffen, dass unser Land damit komplett vernichtet werden könnte. Deshalb ist es nach wie vor wichtig, ganz klar „Atomwaffen bei uns – nein“ zu sagen.
Suu Kyi ist ihren Weg trotz Verfolgung und Verhaftung bis zum Ende gegangen. Myanmar soll ein freies, demokratisches Land werden. Sie hat sehr viel erreicht.
Ein bisschen habe ich auch dazu beigetragen, Deutschland sicherer zu machen. Dass meine Arbeit den Bürgern gut tut merke ich daran, dass alle meine Beiträge, ob in der Zeitung oder im Internet stehend, gelesen werden und ich dann auch telefonisch oder per Mail Zustimmung, ja so eine Art Zuwendung, erfahre. Das tut mir dann wieder gut.
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3 Kommentare
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Antje Hellmann aus Jena | 28.06.2012 | 11:29  
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Antje Hellmann aus Jena | 28.06.2012 | 19:53  
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Antje Hellmann aus Jena | 28.06.2012 | 21:27  
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