Stiefkind Herrenberg?

  Rick Künzel tut es in der Seele weh, wenn er über den Erfurter Herrenberg spricht. So viele schöne Kindheitserinnerungen sind für den jungen Mann mit diesem Stadtteil verbunden. Hier ist er aufgewachsen. Nach der Schule gingen die Jungs erst einmal zum Herrenbergcenter, ein beliebter Treffpunkt mit Einkaufsmöglichkeiten. Manchmal gab's auch ein Eis beim Italiener. In die Bibliothek zog es den Jungen auch immer wieder, Bücher und Schallplatten ausleihen. Später dann traf er sich mit den Freunden in der "Urne", dem Jugendhaus.

Verwaist


Heute kann ein junger Herrenberg-Bewohner nichts von all dem tun. Das Center ist fast komplett verwaist, die Blibliothek geschlossen, das Jugendhaus dicht. "Der kulturelle Höhepunkt hier ist das Kaufland", spricht Rick Künzel voller Bitterkeit vor allem vom großen Herrenberg, dem schwächsten Teil des Gebietes.

Noch zu Beginn der 90-er Jahre haben in dem damals sehr beliebten Wohngebiet rund 15.300 Erfurter gelebt. Heute sind es knapp 7900. Und es werden immer noch weniger. Wer kann, zieht weg von hier. Ein lebenswertes Umfeld sieht anders aus.

"Es ist nichts mehr los!"



"Der große Mangel, den wir auf dem Herrenberg zu beklagen haben, liegt an der quasi fehlenden sozialen Infrastruktur.", weiß Rick Künzel. "Hier ist einfach nichts mehr los!" Das wollen er und die anderen Engagierten vom noch jungen Verein "Soziokultur Herrenberg e.V." ändern. Sie glauben an ihren Herrenberg.

Lichtblicke



Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist die Umgestaltung des einstigen Jugendhauses "Urne" als generationenübergreifendes Stadtteilzentrum. "Die Stadt hat die Zeichen der Zeit erkannt", freut sich Künzel über deren Engagement für das neue Zentrum. Ab Aprill soll es hier umfangreiche Angebote geben, ein Seniorencafé, Lesungen, Musik, Hausaufgabenbetreuung, Spielabende, Podiumsdiskussionen, es ist außerdem als Anlaufstelle für diejenigen gedacht, die Rat und Hilfe suchen. Gelingt es dem Verein, gemeinsam mit der Stadt und dem Ortsteilrat den neuen Wohngebiets-Mittelpunkt mit Leben zu erfüllen, könnte es für den Herrrenberg wieder ein Stück aufwärts gehen.

Besorgte Anwohner



Der Verein hofft auch beim leerstehenden Bibliotheksgebäude auf eine ähnlich positive Lösung für die Herrenberg-Bewohner. "Insofern dieses Gebäude nicht einer öffentlichen und sozialstrukturbedachten Nutzung zugeführt werden wird, darf die Stadt Erfurt es auf keinen Fall aus der Hand geben.", appelliert Künzel. Er weiß, wovon er redet. Schließlich sind neben dem Verein auch viele der Herrenberg-Bewohner wegen einer bedenklichen Entwicklung vor Ort besorgt: In den vergangenen Jahren haben sich der Südosten der Stadt und vor allem der Herrenberg als Schwerpunkt der rechten Szene herausgebildet, ist ein großer Freiraum für die lokale Neonaziszene. Die NPD hat mit der Kammwegklause einen Anlaufpunkt für rechte Strukturen geschaffen. Die Liederabende und andere Veranstaltungen erfreuen sich regen Zulaufs. Viele der Anwohner beobachten das mit großer Skepsis, haben Angst.

Neu: Initiativgruppe



Eine Initiativgruppe innerhalb des Herrenberg-Vereins nimmt sich jetzt dieses Problems an, möchte den rechten Umtrieben etwas entgegensetzen. Der antifaschistische Stadtrundgang vor kurzem setzte ein deutliches Zeichen. Rund 80 Mit-Spaziergänger waren gekommen, um ein deutliches Zeichen der Zivilcourage zu setzen. "Diese Veranstaltung kann aber nur der Beginn eines breiten gesellschaftlichen Bürgerbündnisses sein, damit wir den Herrenberg nicht verlieren", hofft Rick Künzel auf weitere Bekenntnisse der Herrenbergler. Vor allem setzt er hier auf das Bündnis von Ortsteilrat und aller vor Ort wirkenden demokratischen Parteien, auch in Hinsicht auf die bevostehenden Wahlen zum neuen Ortsteilrat. Hier dürfe die rechte Szene auf gar keinen Fall die Oberhand gewinnen, ist man sich in der Initiativgruppe einig.

Miteinander reden


"Kommunikation ist alles", weiß Rick Künzel und setzt auch bei allen anderen Herrenberg-Belangen auf Zusammenarbeit mit anderen Kräften. Parteien, Vereinen, Stadt natürlich, Ortsteilrat. "Wir geben den Herrenberg nicht auf, schaffen es gemeinsam, den Herrenberg wieder lebenswert zu machen", gibt er sich zuversichtlich.

Kontakt



Wer sich ebenso für den Herrenberg engagieren möchte, kann Rick Künzel jederzeit ansprechen. Informationen gibt es auch im Internet unter www.suedost-indo.de.
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1 Kommentar
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Silke Dokter aus Erfurt | 02.03.2014 | 23:09  
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