Stirbt Radio Funkwerk?

Ein Funkwerk-Urgestein: Dauersender Richard Schaefer Foto: Axel Heyder
Was in Zukunft aus dem Offenen Kanal werden soll, hat der Allgemeine Anzeiger versucht herauszufinden. Dazu sprachen wir mit Nutzer Richard Schaefer sowie mit TLM-Direktor Jochen Fasco.
Empfohlen sei zudem der Artikel von Frank Karmeyer in der Thüringischen Landeszeitung Ausgabe Erfurt, heute (23.2.) auf deren Lokalseite 1.


Jochen Fasco antwortete schriftlich

Sie sind Beauftragter der Landesmedienanstalten Deutschland für Bürgermedien. Der einzige Offene Kanal in Erfurt, bei dem jeder Bürger ohne die Abhängigkeit einer Redaktion senden kann, soll verändert werden. Was ist der Anlass?

Bürgermedien sind deutschlandweit in einem Veränderungsprozess. Wir in Thüringen haben seit Jahren eine Vielzahl verschiedener Bürgermedien, auch Offene Kanäle, um genau zu sein sechs Stück. Alle arbeiten daran, auch weiterhin zukunftsfähig zu sein und zu bleiben. Übrigens sind alle im Grundsatz den gleichen Prinzipien verpflichtet, sei es in der Frage des freien Zugangs oder der Offenheit für die zu bearbeitenden Themen und Beitragsformen.

Es gibt Pläne, aus Funkwerk ein Medienbildungszentrum zu machen. Was genau verstehen Sie darunter? Bedeutet dies das Ende von Radio Funkwerk?

Alle Bürgersender haben im vergangenen Jahr zusammen mit der TLM Vorschläge der Weiterentwicklung der Thüringer Bürgermedienlandschaft erarbeitet. Dort wird u. a. vorgeschlagen, lokale Angebote vor Ort zu Bürgerradios weiterzuentwickeln. Parallel hierzu werden die weitreichenden Aktivitäten der TLM im Bereich der Förderung von Medienkompetenz und der Medienbildung sowie der Aus- und Fortbildung an zentralen Stellen für das ganze Land noch stärker vernetzt und als Weiterbildungsstätten auch für den Bürgerrundfunk nutzbar sein.

Es gibt 3600 Nutzer und 70 Redaktionsgruppen, die Funkwerk mit Leben erfüllen und sich darüber am demokratischen Meinungsbildungsprozess beteiligen. Was wird aus denen?

Die Bürgermedienlandschaft hat sich zu einer dritten Säule neben dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk weiterentwickelt. In ganz Thüringen haben wir Bürgerinnen und Bürgern, Jung und Alt, aus allen Bereichen und Interessensgruppen, die selbst Medien machen wollen und dafür angeleitet und unterstützt werden. Gerade die Radio-Interessierten werden nach den jetzigen Überlegungen weiterhin die Möglichkeit haben, Beiträge im Bürgerradio zu erstellen und zu verbreiten.

Funkwerk ist Sprachrohr für Gruppen ohne Lobby: Eine Sendung mit jüdischen Themen, Spartenmusiker oder geistig Behinderte funken dort. Es gibt ein Programm für Senioren oder den Fledermausfunk für Kinder. Bleibt die Beteiligung dieser Gruppen mit einer neuen Struktur erhalten?

Es ist eine Freude zu sehen, wie sehr die Bürgersender in Thüringen insgesamt angenommen werden und welche vielfältigen Themen und Angebote ihren Weg in dieses Medium finden. Daneben wird auch das Internet wachsende Bedeutung bekommen, solche Themen einer immer größer werdenden Öffentlichkeit darzubieten. Bürgerradios haben ihre Berechtigung ja auch gerade auf Grund der Partizipation solcher Gruppen, die sich äußern möchten und in den klassischen Medien nicht ausreichend zu Wort kommen.


Die Beteiligung an der öffentlichen Meinungsbildung ist gesetzlich verankert. Wird das Landesmediengesetz nun verändert?

Eine Novelle des Landesmediengesetzes ist in der Staatskanzlei in Arbeit. Nach Auskunft des Staatssekretärs hat der Bereich der Bürgermedien ein besonderes Augenmerk. Der TLM ist bis dato noch kein Referentenentwurf bekannt gemacht worden. Aussagen über verbindliche Änderungspläne können daher derzeit nicht gemacht werden.



Richard Schaefer antwortete:

Herr Schaefer, Sie sind ein Funkwerk-Urgestein, haben drei Sendungen pro Woche und dies seit zehn Jahren. Was halten Sie von den Plänen zur Umgestaltung von Radio Funkwerk in ein Schulungszentrum?

Ich bin nicht grundsätzlich gegen Neues. Auch wenn die Qualität verbessert werden soll, habe ich immer ein offenes Ohr. Allerdings sollten bei den Plänen die mehr als 70 aktiven Redaktionen bei Funkwerk mit ins Boot geholt werden. Offiziell hatte von den Programm-Machern lange niemand etwas von den offenbar fertigen Plänen der TLM erfahren. Das finde ich schade, denn viele dieser Menschen arbeiten hoch-engagiert an ihren Beiträgen. Ein Schulungszentrum und ein Radioprogramm können wohl nicht parallel laufen, deswegen fürchte ich um den Sender.

Können Sie sich vorstellen, dass die Vielfalt der Programme mit Beiträgen von Behinderten für Behinderte, für Senioren und Kinder, für Mitbürger jüdischen Glaubens oder die vielen Spartenmusik-Formate erhalten bleiben?

Das kann ich mir nur schwer vorstellen, denn derzeit sendet Funkwerk rund 61 Stunden in der Woche. Sollte es bald nur noch ein Bürgerradio in Erfurt geben, glaube ich nicht, dass dort alle Funkwerk-Nutzer unterkommen könnten. Außerdem hat beispielsweise Radio F.R.E.I. als Verein eine ganz andere Struktur.

Wäre eine Fusion mit Radio F.R.E.I. eine Lösung?

Das wäre ein gangbarer Weg, bei dem sich beide Radiosender aufeinander zubewegen müssten. Es gab schon mehrfach gemeinsame Sendungen – es wäre also nicht unmöglich, selbst wenn die Sendekonzepte andere sind.

Was ist das Spezielle an Radio Funkwerk?

Qualität misst sich nicht nur der Präsentation, sondern an den Inhalten der Sendungen. Hier gibt es Berichterstattung zu Lokal- und Europapolitik, Radioprojekte; Thüringer Nachwuchsschriftsteller kommen zu Wort – welches Radio kann das bieten? Es sind vor allem keine 90-Sekunden-Beiträge, sondern ausführliche Diskussions- und Gesprächsrunden. Zudem kann sich jeder Bürger – nach der Technikschulung – aktiv in die Meinungsbildung einbringen und an der Demokratie beteiligen. Weil die Sendezeit begrenzt ist, mühen sich die Nutzer, in der ihnen eingeräumten Zeit eine gute Sendung abzuliefern. Klar ist nicht ein Tag wie der andere, es sind keine Profis am Werk, aber gerade das macht ja den Charme des Senders aus.

Was wünschen Sie sich als Nutzer von der TLM?

Dass die Vielfalt erhalten bleibt. Soll die Qualität verbessert werden, haben wir nichts dagegen. Danach sieht es bei einer Umnutzung aber nicht aus. Wir brauchen nicht weniger Offene Kanäle, wir brauchen Offene Kanäle in allen Medien. Eine Ersatzdebatte ist scheinheilig. Ihr geht es nicht um die Bürgerbeteiligung an den Medien, ihr geht es um die Einsparung von Geldern und um die Begehrlichkeit immer noch knapper Sendeplätze.
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3 Kommentare
Axel Heyder aus Erfurt | 23.02.2011 | 14:01  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 23.02.2011 | 14:50  
7
Richard Schaefer aus Erfurt | 26.02.2011 | 09:26  
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