"Unsere Mütter, unsere Väter"

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Mein Vater, Johannes-Robert Jentsch, war 12 Jahre lang im Wehrdienst, Soldat in der Wehrmacht und Kriegsgefangener. Das umfasst die Zeit zwischen seinem 20. und 32. Lebensjahr. Er hat den Krieg von Anfang an mitgemacht: Polenfeldzug bis Stalingrad. Die Lage wurde 1942 immer prekärer und mein Vater reichte die Heiratspapiere ein. Seine Freunde waren davon überzeugt, dass sie alle Weihnachten wieder zu Hause feiern. Sie starben in Stalingrad. Mein Vater hat mir erzählt, dass er jeden Tag zu den Postsäcken rannte, ob die Heiratsgenehmigung mit Ehetauglichkeitszeugnis im Sinne des Blut- und Rassegesetzes schon gekommen ist. Er hatte Glück, die Papiere kamen Anfang November 1942 und er wurde mit einem der letzten Flugzeuge ausgeflogen. Meine Eltern heirateten am 02.12.1942. Da der Stalingrader Ring geschlossen war, erhielt er den Marschbefehl zur Wüstentruppe Rommel. Diese Militäreinheit hatte aber schon kapituliert. Er blieb in Sizilien hängen und kam von dort aus direkt in die französiche Kriegsgefangenschaft.
Ich wurde in einem Hilfslazarett am 31. Januar 1945 geboren, weil das Haus meiner Großeltern ein Bombenvolltreffer hatte und meine Mutter bei den Eltern lebte. 14 Tage später fuhren die Frauen, die entbunden hatten, mit ihren Babys mit der Waldbahn nach Gotha, um in den Zug nach Eisenach umzusteigen. Am Bahnsteig wurden sie von Tieffliegern beschossen. Nur wenige Frauen und Kinder überlebten. Meine Mutter hatte jahrelang wegen dieses Ereignisses psychische Probleme. Mein Vater galt als vermisst. Meine Mutter beauftragte den Rot-Kreuz-Suchdienst mit der Suche meines Vaters. Das Rote Kreuz war erfolgreich und machte ihn im Kriegsgefangenenlager bei Lion aus. Der nächste Schritt war ein Foto von mir. Gegen Naturalien, wie Schnaps, Eier und Speck fand sich auch jemand, der mich ablichtete. Mit sehr großer Verspätung erfuhr nun mein Vater davon, dass er ein kleines Mädchen hat. Zu meinem 2. Geburtstag erhielt ich eine hübsche Glückwunschkarte und auf der Rückseite stand: „Mein liebes Kind, es grüßt Dich aus weiter Ferne Dein Papa, französische Kriegsgefangenschaft 1947.“ 1948 kam er nach Hause, konnte aber kein Familienleben führen. Er ging zur Reichbahnrotte. Das war eine Gruppe von Männern, die in einem Güterzug lebten und für die Sowjetunion das zweite Gleis abbauten.
Erst sehr viele Jahre später konnte er wieder ein ziviles Leben führen.
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Joerg.sommer@web.de Sommer aus Erfurt | 24.03.2013 | 13:39  
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