Wie ich Pfarrer Werner Sylten kennenlernte

Es war im Konfirmantenunterricht. Gemeindepfarrer Bauer setzte sich mit der Nazi-Zeit, die sich auch auf die Evangelische Kirche in Thüringen auswirkte, auseinander.
Im 3. Reich hatten sich die sogenannten "Deutschen Christen" gegründet, die im christlichen Kreuz das Hakenkreuz führten und sich dem Weltbild der Nazis verschrieben hatten.
Die Ideen der bekennenden Kirche, seit 1919 vom Schweizer Pfarrer Karl Barth in der Reform-Mädchenschule in Tambach-Dietharz verbreitet, konnten nur noch im Untergrund gelebt und weitergetragen werden. Die Schweizer Reformschule war die Keimzelle des christlichen bekennenden Glaubens. Die Reden wurden organisiert und mit getragen vom damaligen Besitzer der Liegenschaft, Wilhelm Steffen.

Ab 1942 war das Mädchenpensionat ein Hilfslazarett und in diesem Haus "Tannenberg" wurde ich geboren. Leider wurde das Gebäude nach der Wende abgerissen und der Gedenkstein entfernt.
Zum 50. Jahrestag der berühmten Barth-Rede konnte 2009 nur eine Ausstellung gezeigt werden. Die Tochter von Pfarrer Barth, die 1926 geboren wurde, soll noch in Weimar leben.

Aber zurück zu Werner Sylten. Er stammte aus einem gläubigen jüdischen Elternhaus, wurde Theologe und hat in verschiedenen sozialen evangelischen Einrichtungen in Thüringen das Seelsorgeamt übernommen. Seine letzte Arbeitsstelle war die Petersberg-Gemeinde in Eisenach. Das war meine Gemeinde; hier lebten meine Urgroß-, Groß- und Eltern seit 1855.
Der Druck auf den jüdischen Pfarrer wurde immer stärker. Es war auch anderen Christen unter Todesandrohung verboten, ihm zu helfen. Es setzte eine regelrechte Hetze gegen ihn ein. Die damalige Kirchenleitung half nicht und intervenierte auch nicht, als Werner Sylten in das KZ Buchenwald kam und dort nach kurzer Zeit verstarb.

Das Petersberg-Gemeindehaus wurde später umbenannt in "Werner-Sylten-Haus" - zum Gedenken an seinen persönlichen Mut in schwerer Zeit. Pfarrer wie er, aber auch Albert Schweitzer mit seiner Philosophie der Achtung vor allen Lebewesen, haben mein Leben stark beeinflusst.
Das Denkmal stand auch zu Ehren von Werner Sylten im Gothaer Rosengarten.
An zwei Tagen, dem 22. und 23.06.11, wurde das Denkmal abgerissen und auch die Rosenstöcke ausgerissen. Der Platz wird für das adlige Universum gebraucht. Ehrungen für Bürger sind da fehl am Platze. Ich stand davor, als plötzlich der Wind auffrischte, aus grauen Gewitterwolken ergoss sich in Strömen der Regen und platschte auf die relativ kleine, aber immer noch zerrubbelte leere Stelle. Ich hatte das Gefühl im Ausnahmezustand zu sein. Was sage ich meiner Mutter, die damals auch den Mut hatte, Flugblätter zu kleben? Ihre Leistung, wie die so vieler mutiger Menschen, ist entwertet, weggeworfen. Gotha adelt nur noch.
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