200 Essen - und ganz viel Wärme - täglich für das Erfurter "Restaurant des Herzens"

Im Restaurant des Herzens werden die Gäste bedient. Hier serviert Andrea Paßlack die wärmende, schmackhafte Linsensuppe.
 
Ingo Willing sammelt die Spenden ein, hier gibt es Brot, Brötchen und Kuchen. Kati Hornschuh (l.) und Renate Medlin rufen jedesmal an, wenn im Backwarengeschäft etwas übrig ist. "Da erfüllt das Ganze noch einen guten Zweck", freuen sie sich.
 
Täglich auf Tour, um die Lebensmittelspenden einzusammeln.

Zwei Monate lang, noch bis Ende Januar, begrüßt das „Restaurant des Herzens“ in der Erfurter Stadtmission seine Gäste. Es sind jene, die es sich sonst nicht leisten können, an jedem Tag eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen. Manche von ihnen haben kein Dach über dem Kopf, andere müssen jeden Cent mehrfach umdrehen, bevor sie ihn ausgeben können, die nächsten sind krank vor lauter armer Einsamkeit. Es ist auch das Gefühl, nicht allein zu sein, menschliche Wärme zu spüren, das sie hierherkommen und für wertvolle Minuten ihr Schicksal vergessen lässt. Doch wer sorgt dafür, dass Essen auf den Tisch kommen kann?

7 Uhr



Haus Zuflucht in der Mittelhäuser Straße, hier wird das Essen zubereitet. Zehn Monate lang sind das etwa 30 Portionen täglich für die Hausbewohner, in der zweimonatigen Restaurantzeit kommen täglich 200 Essen hinzu. Ein gewaltiger Aufwand. Die Vorbereitungen in der kleinen Küche beginnen. Kann laut Speiseplan gekocht werden oder sind bei den am Nachmittag zuvor eingesammelten Spenden Lebensmittel dabei, die sofort verarbeitet werden müssen? Nach einem Blick entscheidet Udo Lommatzsch: Es bleibt dabei, heute gibt es Linsensuppe. Er und seine Helfer beginnen, alles vorzubereiten, Kartoffeln und Fleisch kleinschneiden. Das Gemüse ist schon fertig, es wurde schon in den Monaten zuvor gewaschen, geschnitten und tiefgefroren. „Sonst wäre die ganze Arbeit gar nicht zu schaffen“. weiß Sylvia Voigt, stellvertretende Bereichsleiterin im Haus Zuflucht. Zur selben Zeit ist Ingo Willing auf seiner ersten Spendensammelrunde. Drei bis vier Fahrer sind dafür täglich unterwegs, holen das, was Bäcker, Supermärkte, Großmärkte und andere Geschäftsleute mit großem Herzen abgeben. „Wir freuen uns über jedes Stück“, sagt er. Vor allem Gemüse und Fleisch werden dringend gebraucht. Die erste Ladung, meist Brot und Brötchen, geht ins Café des Herzens, für das Frühstück dort.

8 Uhr



Udo Lommatzsch denkt in der Küche schon einen Tag weiter, bereitet den Schweinebraten vor, den es morgen geben soll. Nicht an jedem Tag kann Fleisch auf den Teller, dafür reichen die Spenden nicht. Was und wie viel an jedem Tag hereinkommt, ist immer wieder eine Überraschung. „Ohne unsere fleißigen Spender würde es gar nicht funktionieren“, weiß Sylvia Voigt. Doch manchmal reicht es hinten und vorn nicht. „Es ist schon eine Kunst, manchmal aus so gut wie nichts etwas Anständiges zu kochen“, fügt sie hinzu. Die Köche sind flexibel und kreativ. Immer wieder müssen auch Lebensmittel zusätzlich gekauft werden, das wird aus den Spendengeldern für das Restaurant finanziert. Doch auch die sind knapp. „Ich denke, wir reichen damit bis höchstens Mitte Januar“, überlegt Sylvia Voigt und hofft auf weitere liebe Menschen, die das Anliegen des Restaurants ein wenig auch zu ihrem machen.

9.30 Uhr



Nach einem kurzen Frühstück startet Ingo Willing die nächste Runde. Ein Billigbäcker in der Magdeburger Allee hat angerufen, er hat Brot, Brötchen, Gebäck und Kuchen abzugeben. Auch ein Lebensmittelmarkt am Berliner Platz hat sich gemeldet. Hier packt der Fahrer ein Paar Kisten Obst ein. Außerdem gibt es Geschenkpapiertüten und Fußball-Souvenirs, die gehen ins Kaufhaus des Herzens. Alles wird aufgeschrieben, jede Spende vermerkt. Es ist ein guter Tag heute, das Auto füllt sich. Manchmal gibt es auch Tage, an denen viel weniger reinkommt. Dann wieder einen Glücksfall: „Neulich hat uns ein Bauer fünf Schafe geschenkt!“

10.30 Uhr



Die Suppe ist so gut wie fertig. 90 Liter köcheln genüsslich vor sich hin. Die vier Mann in der Küche haben keine Zeit für lange Pausen. Der eine räumt Gebrauchtes weg, wäscht ab, putzt. Der nächste knetet Hackfleisch, formt handtellergroße Buletten. Ein Dritter begutachtet die Möhren, die wollen für morgen noch zu Gemüse verarbeitet werden. Wenn es Schweinebraten gibt, freuen sich die Restaurantgäste besonders, wissen die Köche und Helfer. Überhaupt kennen sie die Vorlieben der Besucher: Wurstgulasch, Gulasch, Nudeln Bolognese, Fischpfanne. Bei den Suppen bitte schön deftig.

11.30 Uhr



Das Essen wird in die Wärmebehälter gefüllt, die Brötchen verpackt. Um 12 Uhr startet der Essentransport in Richtung Stadtmission.

12.15 Uhr



Angekommen. Die Hände der ehrenamtlichen Helfer fassen zu, tragen alles eine Etage nach oben. Das Team ist eingespielt, obwohl es täglich anders zusammengestellt ist. „Meine wichtigsten Unterstützer sind sechs Leute, auf die ich mich blind verlassen kann, die haben den totalen Überblick“, ist Restaurantleiterin Rena Hohlstein-Wessel stolz auf ihre fleißigen Wichtel. Hinzu kommen viele andere, manche sind nur für einen Tag hier. Neu-Erfurter Volker Ritz ist heute zum ersten Mal mit von der Partie. „Es gibt so viele Bedürftige, und ich kann mir meine Zeit einteilen“, spricht er über seine selbstverständliche Hilfe. Er wird öfter hier sein, verspricht er.

12.30 Uhr



Bevor die Essenausgabe vorbereitet wird, werden Proben entnommen. Es muss alles seine Ordnung haben, Hygienevorschriften müssen eingehalten werden.

13 Uhr



Jetzt öffnen sich die Türen im Restaurant des Herzens. Im Nu strömen die Gäste herein. Manche haben schon lange draußen gewartet. Zum Glück ist es heute nicht so kalt. Nun beginnt für die Helfer die Laufarbeit: Hier werden die Besucher bedient, das Essen wird serviert. „Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wo einem der Kopf steht“, spricht Rena Hohlstein-Wessel von Tagen mit riesigem Andrang und zu wenigen Helfern. Heute haben sich genügend Ehrenamtliche eingefunden, es läuft wie am Schnürchen. Wer wann herkommt und hilft, ist immer wieder überraschend. Manchmal, so hat die Restaurant-Chefin einen winzigen Wunsch, würde sie schon gern ein wenig planen. Aber nur die wenigsten Helfer tragen sich zuvor in den Kalender ein.

14 Uhr



Nun gibt es Kaffee. Rena Hohlstein-Wessel hat heute ein paar Minuten Zeit, mit dem einen oder anderen Besucher zu plaudern. Zuhören, einen Rat geben, Hilfe anbieten, behutsam an andere Stellen verweisen, die hilfreich sein könnten. Wie gern hätte sie immer die Zeit dazu. Doch sie hat gelernt, dass sie nicht überall gleichzeitig sein, nicht jedem Menschen helfen kann. „Wenn alle satt geworden sind und gesund bleiben, dann bin ich schon zufrieden“, sagt sie. Und wenn sie ein paar von ihren Gästen wirklich helfen konnte, ist sie glücklich. In den sechs Jahren, seit sie hier im Restaurant ist, hat sie eine andere Sicht auf das Leben bekommen. Sie spricht von Demut, mit der sie nun daran denkt, wie selbstverständlich es doch ist, essen zu können was und wann man es möchte. Selbst, eine Kerze anzünden zu können, kann sich mancher Mensch nicht leisten. Ein Mensch, der vielleicht nebenan wohnt.

14.30 Uhr



Die Fahrer holen die leeren Essenbehälter ab. Die Zwischenzeit haben sie genutzt, um wieder ein paar gespendete Lebensmittel abzuholen. Im Restaurant des Herzens räumen die Helfer derweil auf, waschen ab, putzen alles, auch die Toiletten. Eine Stunde später hat die Küchencrew im Haus Zuflucht ebenfalls Putz-Aufgaben, dann sind die Behälter wieder zurück und müssen sauber werden.

15 Uhr



Rena Hohlstein-Wessel scheint überall gleichzeitig zu sein. Hier scherzt sie mit einem der Ehrenamtlichen, da telefoniert sie mit einem Geschäftsmann, der vielleicht Gutes tun könnte, da hört sie einem ihrer Mitarbeiter zu, der ein Problem klären muss. Zwischendurch platzt immer wieder einer ins Büro, fragt, richtet aus, berichtet.

17 Uhr



Feierabend. Ein paar Stunden später sitzt die Chefin schon wieder am Rechner, zu Hause diesmal. So viel ist noch zu erledigen. „Wen kann ich noch von unserer guten Sache überzeugen?“, ist ein Gedanke, der sie immerfort beschäftigt. Es ist ein Kampf, Tag für Tag, den sie und ihre fleißigen Helfer ausfechten müssen. „Wir hoffen weiter auf das große Herz der Erfurter“, wünscht sie sich, dass sie bis zum letzten Restaurantag Ende Januar viele hungrige Menschen sattmachen können.



Einen kleinen Einblick in das "Restaurant des Herzens" bietet ein Video aus dem Jahr 2011.
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2 Kommentare
549
Peer Floeckner aus Erfurt | 24.12.2014 | 10:21  
116
Peter Kroll aus Erfurt | 18.01.2015 | 21:03  
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