3 + 5 = ?: Kinder mit Dyskalkulie haben keinen Zugang zu Zahlen und Mengen

Renate Schödel, Lehrerin an der Lutherschule Erfurt
Für Kinder mit Dyskalkulie lesen sich Zahlen wie Hieroglyphen. Tägliches Üben und Nachhilfe reichen nicht aus, um den Kindern einen Zugang zum Mengen- und Zahlenverständnis zu ermöglichen. AA-Redakteurin Ines Heyer sprach mit zwei Thüringer Mathematik-Lehrerinnen, für die das Thema Dyskalkulie schon lange kein Fremdwort mehr ist.

Katrin Weber, Lehrerin für Mathematik und Physik mit Zusatzausbildung für Dyskalkulie an der Werner-Seelenbinder-Regelschule in Apolda:

"Kinder, die schlecht rechnen können, haben es im normalen Unterricht sehr schwer. In den Regelschulen und Gymnasien fehlen vor allem geeignete Anschauungsmaterialien. Auch sind die Lehrer im Umgang mit Dyskakulie-Kindern oft überfordert. Vor zwei Jahren hatte ich die Möglichkeit, eine Ausbildung als Dyskalkulie-Trainerin zu machen. Seitdem bin ich auch in der Lehrerfortbildung tätig. Oftmals herrscht noch Unwissen. Ich versuche, die Kollegen zu sensibilisieren, um frühzeitig Warnsignale zu erkennen. Lehrer können allerdings gegenüber den Eltern nur eine Vermutung äußern. Die standardisierten Tests dürfen nur Kinder- und Jugendpsychologen durchführen, ebenso die Diagnose stellen. Nur wer diesen Test durchläuft, hat auch die Chance auf eine Kostenübernahme für die Therapie durch das Jugendamt. Spezielle Therapieangebote gibt es in Thüringen nur von privaten Anbietern. Viele Schulen bieten zwar Förderunterricht an, doch reicht dieser für die rechenschwachen Kinder nicht aus. Um ein Verständnis für mathematische Zusammenhänge erlangen zu können, benötigen sie eine 1:1- Betreuung mit einem dafür ausgebildeten Therapeuten. Mit etwas Geschick mogeln sich einige Kinder oftmals durch die Grundschulzeit. Sie lernen das 1 x 1 einfach wie ein Gedicht auswendig. Spätestens ab Klasse 5 bricht ohne das logische Zahlenverständnis aber alles zusammen. Die Eltern sind mit der Situation überfordert, da die Kinder in anderen Fächern oft gute Leistungen erbringen. Allein mit Nachhilfe lässt sich das Problem nicht lösen. Für das Schulamt Mittelthüringen stehe ich auch Eltern beratend zur Seite."


Renate Schödel, Lehrerin an der Lutherschule Erfurt:
"Ich unterrichte an einer Förderschule und habe in jeder Klasse mindestens ein Kind mit Dyskalkulie. Die rechenschwachen Schüler haben meist ein negatives Selbstbild sowie Versagens- und Schulangst. Oft kommen Verhaltensauffälligkeiten dazu. Ich setze im Unterricht bei den Stärken des Schülers an, um Vertrauen in die eigene Kompetenz zu entwickeln - mit Lob Mut machen. Können die Kinder simultan Mengen bis 5 erfassen, haben wir im Grundschulbereich einen ersten wichtigen Schritt geschafft. Ich arbeite sehr materialgebunden, nutze Zehnerstreifen oder Stellentafel. Die Partnerarbeit mit einem rechenstarken Schüler hat sich auch sehr bewährt. Von Gleichaltrigen nehmen Kinder Ratschläge oft besser an. Neben den Konzentrationsübungen sind auch Entspannungsübungen als Ausgleich sehr wichtig. Mit der Vermittlung von geeigneten Rechenstrategien kann ich den Kindern viel Angst nehmen. Den Eltern vermittle ich, dass eine unangemessene Reaktion auf Fehler bei Dyskalkulie unbedingt zu vermeiden ist."

FINANZIELLE UNTERSTÜTZUNG FÜR THERAPIEN: Bei nachgewiesener Dyskalkulie ist vom zuständigen Jugendamt zu prüfen, ob die rechtlichen Voraussetzungen nach § 35a (SGB VIII) erfüllt sind. Sofern eine Förderung notwendig und geeignet ist, wird diese unabhängig vom Einkommen gewährt. Uwe Büchner, Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit
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9 Kommentare
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Antje Hellmann aus Jena | 08.10.2012 | 13:48  
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Tobias Schindegger aus Gotha | 09.10.2012 | 10:36  
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Evelin Schulz aus Gera | 10.10.2012 | 17:59  
Axel Heyder aus Erfurt | 12.10.2012 | 13:16  
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 13.10.2012 | 12:52  
Ines Heyer aus Saalfeld | 15.10.2012 | 09:17  
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Tobias Schindegger aus Gotha | 15.10.2012 | 11:37  
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 13.11.2013 | 18:31  
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Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 13.11.2013 | 18:57  
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